Ohne ständige Aufklärung werden wir früher oder später aufgefressen. Ken’ichi Mishima

Formen und fördern

Nicht nur der Sozialstaat braucht Zivildienstleistende, auch junge Menschen können von der Arbeit profitieren, denn sie formt soziales Bewusstsein. Die Wohlfahrtsverbände müssen nun handeln und die Politik ist dazu aufgerufen, die vorhandenen Angebote zu fördern. Geld allein reicht dazu nicht.

Keine Frage: Der Zivildienst ist im Laufe der Jahre zu einer echten gesellschaftlichen Größe geworden und ein ersatzloser Wegfall würde schmerzhafte Lücken reißen. Richtig also, dass nun verstärkt Angebote für Freiwillige gemacht werden. Doch: Wir werden um die jungen Menschen engagiert werben müssen, um ausreichend Freiwillige für FSJ und Bundesfreiwilligendienst zu gewinnen.

Zuletzt waren es rund 90.000 Zivildienstleistende im Jahr. In manchen Bereichen sind spezielle Angebote erst mit Einführung des Zivildienstes entwickelt worden. Überall dort, wo es darum ging, viel Zeit zur Verfügung zu haben – für das Gespräch, den Spaziergang, die Unterstützung im Alltag – sind die Zivis eine besonders wertvolle Bereicherung gewesen. Und genau hier bedeutet jeder einzelne, der künftig fehlt, natürlich einen spürbaren Verlust. Doch die Zivildienstleistenden machen nur einen geringen Teil der rund 2,5 Millionen Beschäftigten in der freien Wohlfahrtspflege aus. Wenn im Sommer die letzten Zivis ihren Dienst beenden, wird der Sozialstaat also nicht zusammenbrechen.

Wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung

Trotzdem müssen wir uns Gedanken über die Zeit „danach“ machen. Der Zivildienst hat ja nicht nur und nicht einmal vorrangig eine volkswirtschaftliche Dimension. Was bisher noch viel zu wenig diskutiert wurde: Der Zivildienst war für junge Männer von Anfang an auch ein wichtiges Instrument der Berufsorientierung. Junge Männer konnten über ihn für eine berufliche Zukunft oder auch ein ehrenamtliches Engagement im Sozial- und Gesundheitswesen interessiert und gewonnen werden. Wenn sich Jugendliche zwischen 16 und 20 sozial engagiert haben, sind sie auch später eher bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Viele junge Männer sagen, erst nach ihrem Zivildienst sei für sie ein Beruf im sozialen Bereich denkbar gewesen. Er war zugleich ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung des Dienstleistenden.

Bisher hatten wir jedes Jahr rund 35.000 Helfer im freiwilligen sozialen Jahr und stets deutlich mehr Interessenten als Plätze. Potenzial für einen Ausbau der Freiwilligendienste ist vorhanden, zumal sie auf jeden Fall eine attraktive Option darstellen, um beispielsweise biografische Lücken zwischen Schulabschluss und dem Beginn einer Berufsausbildung oder eines Studiums zu überbrücken. Und doch gibt es keine Garantie, dauerhaft eine gleichbleibend hohe Anzahl an Freiwilligen zu finden. Zumal der harte Kampf um Nachwuchskräfte perspektivisch zu Lasten des Freiwilligendienstes gehen wird. Der feste Arbeitsplatz ist den jungen Menschen natürlich lieber.

Rekrutierung über Social Media

Aber wir können und werden unser Bestes versuchen: Wir wollen junge Leute auch weiterhin möglichst früh für unsere Sache begeistern, etwa durch Besuche von Schulklassen oder Praktika. Junge Menschen wollen heute anders angesprochen werden, verstärkt muss auch über das Internet und zum Beispiel soziale Netze gegangen werden. Das wird in unserer Branche noch vergleichsweise wenig genutzt. Und hier setzen wir an.

Darüber hinaus ist aber auch die Politik gefragt, ihrem Bekenntnis zu der Bedeutung des freiwilligen Engagements für die Gemeinschaft, konkrete Taten folgen zu lassen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Wenn sich die Innenminister von Bund und Ländern darauf verständigen würden, nachgewiesenes bürgerschaftliches Engagement zu einem Einstellungskriterium im öffentlichen Dienst zu machen, wäre das ein konkreter Anreiz zur Stärkung der Freiwilligendienste und eine motivierende Perspektive für junge Menschen. Geld und Plätze bereitzustellen alleine reicht auf jeden Fall nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Tauber, Christine Haderthauer, Peter Neher.

Leserbriefe

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