Wir Iraner lieben Deutschland. Mahmud Ahmadinedschad

Wir Menschen

Als wir die schrecklichen Ereignisse von Paris verfolgten, weinten wir. Man hört viel „wir“ dieser Tage. Aber: Was bedeutet „wir“ hier eigentlich?

Ich selbst hätte nie den Mut (oder den Wunsch) besessen, diese Cartoons zu zeichnen oder zu publizieren (Das teile ich übrigens mit der gesamten deutschen Presse – keine einzige Publikation hat die wirklich harten Sachen von Charlie Hebdo abgedruckt.). Ich hatte auch nicht in der Vorbereitung auf Schabbes noch schnell etwas im koscheren Supermarkt einkaufen wollen. Und doch fühlen sich beide Attentate wie Attentate auf mich, meine Familie und meine Liebsten an.

Auch wenn mir der dann einsetzende Betroffenheits-Tourismus sehr zuwider ist (manche Je-Suis-Charlie-Proklamatoren haben so viel mit der brutalstmöglichen Heuchlerentlarvung der Franzosen zu tun, wie ein Zuhälter mit goldenem Kreuz auf der haarigen Brust mit dem gekreuzigten Jesus Christus), auch wenn mir die fragwürdigen Wir-führen-den-Zug-an-Bilder der Staatsschefs ein gewisses Bauchweh bereiten (man stelle sich den Hohn vor, wäre so etwas von einem Regime außerhalb Europas verbreitet worden), auch wenn ich es merkwürdig finde, dass das Wort instrumentalisieren immer für den Schluss steht, den der politische Gegner aus den Prämissen zieht, so will ich hier weder einer ersten Empörung noch der Empörung über die Empörung nachgeben.

Was bedeutet „wir“ hier eigentlich?

Der Wanderzirkus der Empörungsartisten wird bald weiterziehen. Was bleibt, was jedes Mal bleibt, sind Fragen. Die Frage, die mir akut erscheint, ist die nach der Intention des Wörtchens „wir“. Man hört viel „wir“. „Wir“ müssen ein Zeichen setzen. „Wir“ müssen für Freiheit einstehen. Und, natürlich: „Nous sommes Charlie.“

Wie bereits in der Sprachdebatte ist mir ein Tweet des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber aufgefallen:


Was bedeutet „wir“ hier eigentlich? Wir Christen? Wir Atheisten? Wir Demokraten? Wir Nicht-Muslime? Oder, etwa: Wir, das Abendland? Es gibt keine Gruppe und keinen Begriff, die sich für „wir“ hier einsetzen ließen, ohne dass das Konstrukt schräg und ausschließend würde.

Herr Tauber tut hier seine Arbeit, so gut er kann und mit allerbester Absicht. Das Problem ist nicht etwa eine böse Intention, sondern eine gewisse trennende Denkart, mit der er wahrlich nicht alleine steht. Das Wort „wir“ ist vielleicht das Schibboleth, das den bloß angelernten vom in-der-Wolle-gefärbten Lessing-Schüler scheidet.

In meinem letzten Artikel habe ich kritisiert, dass der CDU-Generalsekretär uns Migranten von oben herab den Kopf tätschelt, nach dem Motto: Ob ihr jetzt daheim Klingonisch oder sonstwas redet, ist schon okay, ist eh egal, ob eure Kinder gut Deutsch können. Jetzt heißt es, „wir“ sollten „mit“ Muslimen reden, statt nur „über“ sie. Es ist ein Satz, den man hören könnte in einer Familienkonferenz, die über den ungezogenen Pubertierenden berät. Die „Erwachsenen“ wollen den Versuch wagen, „mit“ dem ungezogenen Unmündigen zu reden, statt nur „über“ ihn. Es ist ein Satz, der Gräben aufreißt, der Mauern im Kopf aufzeigt.

Es geht, wortwörtlich, um „uns“

Die Unterscheidung zwischen „wir“ und „die“ ist ja auch die einzige durchgehende Eigenschaft, die die ansonsten heterogene Masse der Pegida-Demonstranden eint. In Dresden läuft das NPD-Mitglied neben dem ehemaligen 89-er Bürgerrechtler neben dem Verschwörungstheoretiker neben der angereisten Lehrerin, die es satt hat, wenn sie von Eltern mit dem Tod bedroht wird, um dann als Nazi beschimpft zu werden, wenn und weil sie über ihre Angst spricht. So divers diese Gruppe sein mag, eines hat sie gemeinsam: Sie zieht, aus verschiedenen Gründen wohlgemerkt, eine Linie zwischen „wir“ und „die“.

Es herrscht ja Einigkeit darüber, dass „wir“ uns dem Terror entgegenstellen müssen. Dass „wir“ unsere Freiheit nicht opfern dürfen. Dass „wir“ unsere Einstellung zur sogenannten Blasphemie und Meinungsfreiheit deutlicher ausdefinieren müssen.

Die offene Frage ist nun: Wer ist „wir“?

You may say I am a dreamer, aber ich denke nicht, dass wir den Kreis des „Wir“ kleiner ziehen können als „wir Menschen“ (… but I’m not the only one! Navid Kermani hat in Köln dieselbe Formulierung, „Wir Menschen“, als Reaktion auf Paris vorgeschlagen, wie ich las, nachdem dieser Text eingereicht war. Sehr gut). Dieses „wir“ schließt jene ein, die zuvor als „die“ abgetrennt und abgeschoben wurden. In einer globalisierten, hochmobilen, medial bald vollständig vernetzten Welt, ist diese künstliche Grenze zwischen „wir“ und „die“ ein Anachronismus.

Wir Menschen wollen überleben. Wir Menschen wollen in Frieden leben. Wenn Einzelne unter uns durchdrehen und die gemeinsame Gemeinschaft zerreißen wollen, haben wir als Menschen die klare Aufgabe, uns selbst zu heilen.

Es geht, wortwörtlich, um „uns“. So wie eine Schnittwunde nicht nur vom betroffenen Finger allein geheilt wird, sondern vom ganzen Körper, so muss auch die Wunde von Paris von uns Menschen gemeinsam geheilt werden. Und dann müssen wir Menschen sicherstellen, uns selbst nicht wieder und wieder zu verletzen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Tobias Endler, Albert Wunsch.

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