Die zwei Hauptleidenschaften der Politik sind Angst und Hoffnung. Chantal Mouffe

„Essen zeigt, was da in unserem Land gerade passiert“

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat sich auf Facebook mit dem Aufnahmestopp der Essener Tafel für Ausländer beschäftigt. Sie kritisiert: „Es ist nicht besonders schlau, Deutsche gegen Ausländer auszuspielen.“

Nicht genug für alle?!?

„Lebensmittel nur noch für Bedürftige mit deutschem Pass? Seit Dezember schon können sich bei der Essener Tafel nur noch Deutsche als “Neukunden” registrieren. Nicht deutsch? Kein Essen! Ist das richtig? Ist das nachvollziehbar?

Das hat uns gerade noch gefehlt: Im Kampf um kostenlose Lebensmittel werden Bundesbürger bevorzugt? „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Das wusste schon Bertolt Brecht. Aber wir leben nicht 1928 zu Zeiten der Dreigroschenoper, sondern 2018 in einem der reichsten Länder der Erde. Und hier konkurrieren jetzt die Ärmsten der Armen um kostenlose Lebensmittel und werden nach Nation sortiert?

Die Botschaft – weltweit verbreitet – lautet: Germans First. So wundert es nicht wirklich, dass in der Nacht zu Sonntag die Autos der Essener Tafel und die hintere Eingangstür reflexhaft mit „Fuck Nazis“- Sprüchen beschmiert wurden. Die Essener Tafel – alles Rassisten und Nationalisten? So einfach kann man es sich nicht machen.

In Deutschland gibt es rund 930 Tafeln, die überschüssige Lebensmittel sammeln und damit regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen versorgen. Mit rund 60.000 ehrenamtlichen Helfern sind die Tafeln eine der größten sozial-ökologischen Bewegungen in diesem Land. Die Menschen, die dort ihre Zeit investieren, sind keine ausgebildeten Sozialarbeiter, werden nicht vom Staat bezahlt, geschult oder unterstützt. Für diese Fürsorge verdienen sie zunächst einmal unseren Dank. Denn eins ist klar: die Bekämpfung von Armut und die Sicherung des Existenzminimums ist grundsätzlich Aufgabe des Staates und nicht der Zivilgesellschaft.

Die Tafeln sind keine politische Bewegung. Die Leute, die dort freiwillig und unentgeltlich mithelfen, erleben jeden Tag hautnah, was Armut bedeutet. Deshalb sollte man ihnen unbedingt zuhören. Und es wäre grundfalsch, die Mitarbeiter*innen unter Diskriminierungsverdacht zu stellen oder sie gar zu Rassisten zu stempeln. In erster Linie sind das Menschen, die praktisch und unbürokratisch denjenigen helfen, die es bitter nötig haben. Und die diesen Menschen häufig das geben, was Ihnen genommen wurde: ihre Würde.

Aber richtig ist auch: Die Essener Tafel hat die denkbar schlechteste Möglichkeit gewählt, ein Problem zu lösen. Es ist nicht besonders schlau, am unteren Ende unserer Gesellschaft „Hunger Games“ zu veranstalten und Deutsche gegen Ausländer auszuspielen. Also Menschen gegen Menschen. Da gibt es bessere Verfahren, einen Ausgleich herzustellen, die auch von vielen anderen Tafeln angewendet werden wie zum Beispiel Punktesysteme, häufigere Öffnungszeiten, Losverfahren und anderes.

Aber Essen zeigt eben auch auf, was da in unserem Land gerade passiert. Es gibt ein ernsthaftes Problem. Der Job der Tafeln ist nun mal nicht die Flüchtlingshilfe an sich. In manchen sozialen Brennpunkten fühlt sich die angestammte, eingesessene Bevölkerung an den Rand gedrängt. Sie fühlt sich dort (und vielleicht ist sie es auch faktisch) als die vernachlässigte Minderheit im „eigenen Land“. Zurückgeschubst, weggedrängt, ignoriert. Das darf so nicht sein.

Und es nützt auch nichts, diesen Menschen Toleranz zu verordnen, wenn sie sich ausgeliefert und verlassen fühlen. Da hilft auch keine Erziehungsmaßnahme oder ein moralischer Appell. Das erzeugt nur Trotz und Wut und treibt diese Menschen den rechtspopulistischen bzw. extremistischen Parteien zu.

Warum können wir ihnen nicht zuhören und sie ernst nehmen? Lebensmittel sind das eine. Menschliche Zuwendung ist das andere. Und über Geld müssen wir an dieser Stelle erst gar nicht erst diskutieren. Denn das ist da.

Nachtrag: Und um es noch mal deutlicher zu sagen – Anstand und Höflichkeit sind Grundvoraussetzungen für ein gutes Miteinander.“

Quelle: „Facebook“:https://m.facebook.com/DunjaHayali/?tsid=0.5686093353927376&source=result

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dietmar Bartsch, Frank Schäffler, Christian Lindner.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Fluechtlinge

Debatte

Die Zukunft in Syrien

Medium_d73b67f9a0

Peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum

Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS, immer deu... weiterlesen

Medium_4775a73792
von Herbert Ammon
27.08.2018

Debatte

Sami A. kommt nach Deutschland zurück

Medium_3c9eb59faf

Aktive Rückholung von Gefährdern auf Kosten des deutschen Steuerzahlers

Es ist doch alles nicht mehr zu fassen: Endlich, endlich hat man nun (auch auf massiven Druck unserer Bürgerpartei hin!) Sami A., den ehemaligen Leibwächter von Osama bin Laden, aus Deutschland nac... weiterlesen

Medium_4bbb788597
von Jörg Hubert Meuthen
13.07.2018

Debatte

Dank CSU - endlich Asylwende

Medium_c695ce6214

„Lieber ohne Merkel als ohne CSU“

"Lieber ohne Merkel als ohne CSU“. Wenn die SPD aber weiter versucht, die Kompromisse innerhalb der Union aufzuweichen und so Lösungen zu blockieren, könnte diese Aussage bald lauten: „Lieber ohne ... weiterlesen

Medium_091756b883
von Alexander Mitsch
10.07.2018
meistgelesen / meistkommentiert