„2001 sahen die Leute aus wie 2013“

von Douglas Coupland24.06.2015Gesellschaft & Kultur

Wer Retro als reine Imitation abtut, hat den Trend nicht verstanden, meint Douglas Coupland. ­Der kanadische Schriftsteller und Künstler muss es wissen. Mit seinem Bestseller „Generation X“ prägt er seit Anfang der 1990er den Retro-Diskurs.

*The European: Herr Coupland, Sie haben jüngst behauptet, dass es unseren heutigen Zeitgeist kennzeichnet, dass wir viel Zeit, aber wenig Geist haben. Wie muss man das verstehen?*
Coupland: Ich meinte das nicht in Hinsicht auf kulturelle oder technische Innovationen, sondern eher dass wir einfach zu viel Zeit im Sinne von Geschichte haben. Heute existieren so viele Zeiten gemeinsam, dass wir nicht mehr imstande sind, die Gegenwart richtig zu begreifen. Wir haben das Gefühl verloren, in einem spezifischen Moment der Zeitgeschichte zu leben. Die Linie der Zeitgeschichte wurde unterbrochen.

*The European: Die Gegenwart ist gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft?*
Coupland: Kulturell gesehen, gibt es viel, was dafür spricht. Wir schaffen immer noch Kultur, aber unsere Kulturerzeugnisse haben viel mehr Konkurrenz als früher – besonders in der Musik. In den 1970er-Jahren kaufte man noch Platten beim heimischen Plattenhändler und der eigene Musikgeschmack veränderte sich nicht mehr grundsätzlich, sondern war auf Lebenszeit klar definiert. Heute sammelt niemand mehr Musik, und unsere musikalische Erziehung verläuft kontinuierlich und divers. Jeder hört heute alles.

*The European: Begrüßen Sie diesen Mentalitätswechsel?*
Coupland: Ich begrüße es, dass Leute ihren Horizont erweitern und sich auf neue Musik einlassen können. Ich bedauere es aber, dass das zu oft auf Kosten der Musiker geht. Aber klar tut es der Musik grundsätzlich gut. Auch dass man heute ohne große ­Mühen die Musik vergangener Zeiten hören kann.

*The European: Der britische Kulturkritiker Simon Reynolds

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