Ich befürchte, dass wir eine rote Linie überschreiten. Wladimir Grinin

@DoroBaer #Wunderland

Auch wenn es Christopher Lauer nicht versteht: Twitter bringt Stammtisch und Feuilleton auf eine Weise zusammen, die unsere Diskussionskultur neu definiert. Darum bleibe ich.

Vermeintliche Neuigkeiten verbreiten sich immer schneller, Wichtiges wird trivialer, Triviales wird wichtiger und Meldungen werden nicht mehr nur vermeldet, sondern brechen herein und werden gepusht. Breaking News, Eilmeldungen, Blitzmeldungen und Dauer-Alert überlasten unsere emotionalen und rationalen Rezeptoren. Und grundsätzliche Dinge, Meinungen, Entscheidungen, Beschlüsse, Entschlüsse und persönliche Ansichten werden gleichsam noch grundsätzlicher. Ein Rücktritt ist nicht mehr nur ein Rücktritt, sondern ein multimediales Event, begleitet auf allen Kanälen und verbreitet in alle Richtungen. Und auf bestimmten Kanälen, in einem bestimmten Kontext ist der Rücktritt einer Bundesministerin von ihrem Amt ähnlich groß und wichtig wie der Rücktritt eines Berliner Fraktionsvorsitzenden von einer Social-Media-Plattform.

Ich bleibe bei Twitter

Christopher Lauer, einer der wenigen noch ernst zu nehmenden Vertreter einer Partei, deren zartes Pflänzchen Ernsthaftigkeit bereits in dessen Frühlingstagen wieder zu verwelken droht, erklärte vor wenigen Tagen: „Twitter ist für mich gestorben“, und zog dabei eine dem Medium sehr typische Welle der Empörung auf der einen und einen Sturm der Ironie auf der anderen Seite auf sich. Der Unwettergott des neuen Medienzeitalters wütete kurze Zeit über die digitale und analoge Politiklandschaft und am Ende des Ausbruchs hat sich möglicherweise der eine oder andere Politiker überlegt: Na wenn der Vorzeigepirat schon die Masten seines kommunikativen Flaggschiffs absägt, warum sollte ich denn dann noch dabei bleiben – wo ich doch sowieso nie wirklich überzeugt war?

Ich habe mir diese Frage nicht gestellt. Und ich erkläre hiermit – hoffentlich wenig überraschend: Ich bleibe bei Twitter. Und zwar nicht nur aus tiefster Überzeugung, sondern aus einem eigentlich grundkonservativen Empfinden heraus, das sich aus Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Authentizität zusammensetzt.

Und ganz nebenbei, weil es mir Spaß macht.

Vertrauen, weil ich den Menschen nicht sagen kann, wie wichtig moderne Kommunikationsformen sind, wie viele Vorteile es durch die neue Direktheit und Unmittelbarkeit gibt und wie spannend Diskussionen von hohem Tempo und gerissenen Hierarchiehürden sind – um dann zu entscheiden: Ach komm, irgendwie ist mir das jetzt doch alles zu blöd mit euch. Ich bin dann mal weg. Schaut doch selbst, wo ihr bleibt. Wenn ihr was wollt, schickt mir ne E-Mail – oder besser nicht mir, sondern meinem Büro. Wir melden uns. Wahrscheinlich. Vielleicht. Whatever …

Resignation oder Fatalismus dürfen keine Antworten sein

Glaubwürdigkeit, weil ich im Kosmos von Tweets, Retweets und Mentions tatsächlich einen Mehrwert sehe und weil dieser Kosmos – entgegen vieler Vorurteile, die anderes behaupten – für mich nicht weit weg und hermetisch abgeschirmt ist vom wirklichen Leben. Weil ich wirklich begeistert davon bin, wie schnell und auch mit welcher Leidenschaft hier über Themen diskutiert wird, die früher am Stammtisch oder in feuilletonistischen Zirkeln debattiert wurden. Twitter bringt damit Stammtisch und Feuilleton auf eine Weise zusammen, die unsere Diskussionskultur neu definiert. Twitter verkürzt natürlich auch, vermischt die Grenzen von Relevanz und Irrelevanz: Das ja. Aber durch die Aufhebung dieser Schranken kommen bisweilen erst Aspekte zu Tage, die dem öffentlichen Diskurs ansonsten vorenthalten geblieben wären.

Denn nicht jeder Teilnehmer der gesellschaftlichen und politischen Diskussionen hat die Möglichkeit, einen Leitartikel in einer großen Tageszeitung zu veröffentlichen, in einer viel gesehenen Talkshow aufzutreten oder sich an das Rednerpult eines Parlamentes zu stellen.

Glaubwürdigkeit auch deshalb, weil ich die Vermittlung von Medienkompetenz für eine der wichtigsten Aufgaben der Politik dieser Tage halte. Und genau hier liegt für mich der größte Logikbruch in der Lauer’schen Argumentation. Denn anstatt wegzulaufen vor der Kommunikationswelle, in der Hoffnung, sich irgendwo in einer abgeschotteten Höhle zu verkriechen, damit die Wassermassen uns nicht erreichen, müssen wir vielmehr darauf achten, uns mit den richtigen Navigationssystemen auf dem bisweilen allzu stürmischen Ozeanen des kommunikativen Austauschs zurechtzufinden.

Wenn man sich über verlorene Zeit, übermäßigen Stress, zu viele triviale Inhalte und das Gefühl der ständigen Verfügbarkeit beklagt, dann sind dies alles Phänomene, die nicht einfach wegzuleugnen oder als Privatproblem abzutun sind. Denn in der Tat sind fehlende Sicherheitsvorkehrungen der Eigenverantwortung und rezeptiven Selbstbestimmung ein elementares Problem unserer digitalen Welt. Nur dürfen die Antworten darauf nicht Resignation oder Fatalismus sein. In einem Labyrinth einfach nach einem Hubschrauber zu rufen, der einen dann nach oben heraushebt, ist die einfache Lösung. Sie beendet unser Abenteuer und wir lehnen uns bequem zurück und betrachten alles aus der Ferne, aus luftiger Höhe. Wir werden so aber auch nie wissen, was wir auf dem Weg zur letzten Tür, hinter der sich unser großes Ziel befand, noch so alles erlebt hätten.

Es lohnt zu folgen – auch ohne Twitter

Authentizität deshalb, weil ich glaube, dass es noch nie so leicht war, auch als Politikerin „echt“ zu sein. Denn natürlich ist Twitter, ist Facebook, ist das Netz immer auch ein Poesiealbum der Selbstdarstellung. Aber richtig ist auch: Nie zuvor war so viel „Selbst“. Denn der direkte Kontakt, die unmittelbare Aktion und Reaktion im an Geschwindigkeit kaum mehr zu überbietenden Kommunikationsprozess, wie wir ihn vor allem von Twitter kennen, macht Verstellung und künstliche Imagepflege kaum mehr möglich – lässt charakterliche Maskerade nicht nur fallen, sondern macht schon das Aufsetzen solcher Masken immer unmöglicher.

Diese Echtheit muss man aushalten können, muss mit unverhältnismäßigen Äußerungen und Reaktionen rechnen und damit umgehen können. Der Wald, in den man hineinruft, ebenso wie dessen Baumvielfalt wird immer größer und die Rufe, die einem entgegenkommen, werden lauter und bisweilen auch hysterischer. Aber auch das gehört nun mal zum Dialogcharakter unserer hierarchierelativierenden Gesellschaft. Das hat nicht nur, aber eben auch sein Gutes.

Wäre Alice dem hektischen Kaninchen nicht in dessen Kaninchenbau gefolgt, weil ihr sein Gehetze, seine Aufgeregtheit und seine ansteckende Unruhe zu anstrengend gewesen wäre, hätte sie die fantastische Welt des Wunderlandes mit all ihren Kuriositäten, Charakteren und kleinen und großen Besonderheiten nie kennengelernt.

Manchmal lohnt es sich, zu folgen. Auch und vor allem auf Twitter.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sören Bauer , Max A. Höfer, Christoph Koch.

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