Wir verlieren unsere Arbeit an Maschinen. Jeremy Rifkin

Wir drucken uns die Welt, wie sie uns gefällt

Wie verändert sich unser Leben, wenn wir viele Dinge des Alltags mit einem Mausklick herstellen können? 3D-Drucker machen uns alle zu Fabrik-Betreibern.

Die Revolution des 3D-Drucks ist dieser Tage allgegenwärtig: 3D-gedruckte Kleider werden auf Pariser Modeschauen präsentiert. 3D-gedruckte Stuntautos fahren in Hollywood. Ein 3D-gedrucktes Haus könnte bald in Amsterdam stehen. Und 3D-gedruckte Organe sind die neueste Sensation in der Medizin. Mit der Einführung von privaten 3D-Druckern, die weniger als 1.000 Euro kosten, wird die Technologie einer breiten Masse zugänglich. Je weiter der 3D-Druck in den Mainstream vorstößt, desto gravierender fallen die Konsequenzen aus – für so ziemlich alles, was wir kaufen und verkaufen.

Kleine Produktionszentren für Zuhause

Die 3D-Druck-Bewegung startete, ähnlich wie der Siegeszug des PCs, im kalifornischen Silicon Valley, als Do-it-yourself-Kultur. In diesem Jahr wird der 3D-Druck die Populärkultur erreichen. In New York sind 3D-Drucker mittlerweile im Einzelhandel zu erstehen, genauso wie man sich ein Ipad oder ein anderes technisches Gadget kaufen kann. In Tokio stehen 3D-druckende Fotokabinen, die nicht nur ein einfaches Bild machen, sondern eine verkleinerte Abbildungen des ganzen Körpers. Dieser Trend wird sich weltweit beschleunigen, weil die Hersteller der Drucker neue und clevere Wege entwickeln werden, um ihre Produkte zu nutzen – vom Spielzeugdruck für kleine Kinder bis zu Mode oder Juwelen ist alles vorstellbar. Aber auch im großen Stil wird gedacht: Entwickler der Europäischen Weltraumorganisation ESA testen sogar, ob mit Hilfe von 3D-Druckern eine Mondbasis hergestellt werden kann.

3D-Drucker ähneln kleinen Produktionszentren für Zuhause. Jeder kann digitale Design-Dateien wählen, den Drucker mit Material füllen und selbst produzieren. Während vor nicht allzu langer Zeit aufwändige 3D-Scanner und spezielle Programme notwendig waren, um Gegenstände im Computer zu erfassen, können diese Dateien nun aus dem Internet heruntergeladen werden. Zu einem Drucker gesandt, werden sie Schicht für Schicht aufgebaut. Die Materialien, die dafür nötig sind, ähneln jenen der Lego-Produkte. Die Technologie hat einen besonderen Reiz: Digitale Kreationen nehmen vor dem eigenen Auge Gestalt an.

Für die größte Aufregung sorgen 3D-Drucker jedoch in der industriellen Produktion. „Die nächste Industrielle Revolution” steht an, prophezeit Bre Pettis, CEO von MakerBot und das wohl bekannteste Gesicht in der 3D-Druck-Szene. Wirtschaftsberater weltweit sehen 3D-Drucker als Teil einer „Produktions-Renaissance” in Regionen und Ländern, die in den letzten Jahren Opfer der globalen Produktionsverlagerung wurden. Ging es in der letzten Industriellen Revolution um Massenfertigung nach Schema F, ermöglicht diese neue Revolution gewöhnlichen Menschen, individualisierte Güter zu niedrigen Preisen und nach eigenem Bedarf zu produzieren.

Das Ende der großen Warenhäuser

Bis jetzt hat die Do-It-Yourself-Kultur zur Teilhabe ermutigt und Innovationen in außergewöhnlichem Tempo hervorgebracht. Geleitet von den Prinzipien der Open-Source-Bewegung stellen Produzenten ihre Designs vor allem gratis zur Verfügung. Designer teilen ihre Arbeit mit anderen, und vermutlich jedes Design, das man zum Druck eines Objektes braucht, ist irgendwo online kostenlos erhältlich. Nur was passiert mit den Innovationen, wenn die Hersteller und Designer zu Closed-Source-Modellen wechseln? Was passiert, wenn Fragen des geistigen Eigentums der Designs in den Vordergrund rücken? Die nächste Industrielle Revolution muss keinesfalls konfliktfrei verlaufen – kaum eine Revolution tut das.

Letztlich könnte die 3D-Druck-Bewegung größere Auswirkungen auf den Einzelhandel als auf die Produktion haben. Dadurch, dass man die Mittel, um Gegenstände auszudrucken, zuhause hat, wird sich die Art, Dinge zu kaufen, radikal verändern. Eines der Modelle für die Zukunft ähnelt ­Itunes. Dort lädt man digitale Designs wie heute ­Lieder und Filme.

Ein anderes Modell gleicht eher dem Verkauf bei Ikea: Schöne Schauräume durchstöbern, einen Stock tiefer gehen, vorgedruckte Teile abholen und ein paar Designs abrufen: zuhause die Teile zusammenstecken und zusätzliche Teile, die man noch braucht, einfach selbst ausdrucken. Anstatt traditionelle Warenhäuser zu betreiben, werden die großen Händler eher Design-Ratgebern gleichen, die individualisierte und maßgeschneiderte Kreationen anfertigen.

Wenn dem so ist, wird die Zukunft tatsächlich besser aussehen in 3D. Eine Zukunft, in der Konzerne nicht mehr unermüdlich versuchen, uns immer mehr Dinge zu immer höheren Preisen zu verkaufen, sondern uns helfen, das zu schaffen, was wir wirklich wollen und brauchen. Es ist eine Zukunft, in der wir alle Kunsthandwerker und Designer sind, die einzigartige und wunderschöne Gegenstände zu herrlich niedrigen Preisen drucken.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Greg Kuperberg, Daniel Clery, Rebecca Boyle.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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