Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Offener Brief an Bernd Riexinger

Die Situation für die Pflege von Patienten ist prekär. Wir steuern auf eine Katastrophe zu! Wir dokumentieren den Brief einer Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Brief von A.S., Fach-, Gesundheits- und Krankenpflegerin für Onkologie, Palliative Care und Schmerztherapie, an Bernd Riexinger

Sehr geehrter Herr Riexinger!

Seit 40 Jahren arbeite ich als Gesundheits- und Krankenpflegerin und schreibe diesen Brief für die Krankenpflege, weil es dringend notwendig ist, ein realistisches Bild des Berufes öffentlich und Entscheidungsträgern zugänglich zu machen. Damit sich die Not wendet, muss sich an den jetzigen Bedingungen etwas Wesentliches ändern.

Ich schicke diesen Brief an Sie (und habe diesen an einige wenige weitere Mitglieder des Bundestages und an Herrn Gesundheitsminister Spahn und an den Gesundheitsminister von Ba-Wü, Herrn Lucha,geschickt), weil ich Ihnen zutraue, dass sie die Krise, in der sich die Krankenpflege befindet, begreifen und ernst nehmen, weil Sie erfassen können was auf dem Spiel steht- für die Patienten, die Pflegenden und unsere menschliche Gesellschaft.

Es ist mehr als genug- schon lange.

Ich möchte nicht mehr über die Station hetzen und Patienten abfertigen müssen, anstatt mich um sie zu kümmern und zu versorgen, wie es ihrer Erkrankung und ihrer Persönlichkeit entsprechend erforderlich und angemessen wäre.

Ich will es nicht mehr ertragen müssen für zu viele Patienten zuständig zu sein, denen ich gar nicht gerecht werden kann, weil die zur Verfügung stehende Zeit viel zu knapp ist.

Ich möchte es mir nicht mehr verkneifen müssen, meine Patienten zu fragen wie es ihnen geht, weil ich gar nicht die Zeit habe die Antwort abzuwarten.

Ich möchte mich nicht mehr schlecht fühlen, weil ich die Hygiene nicht eingehalten habe- nicht weil mir die Fachkenntnis oder der Wille fehlen- weil die Zeit dafür nicht zur Verfügung steht.

Ich möchte nicht mehr kranke Menschen drängen sich dem Tempo des Stationsablaufes anzupassen, sich möglichst rasch zu bewegen oder zu entscheiden und möglichst zeitsparend zu funktionieren, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, in der sich andere, unerledigte Aufgaben noch höher auftürmen.

Ich möchte nicht mehr nachts aus dem Schlaf hochschrecken, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich in der Hektik das richtige Medikament, in der richtigen Applikationsform, zum richtigen Zeitpunkt , in der richtigen Dosierung dem richtigen Patient verabreicht und die Infusomaten für die Chemotherapien oder die Spritzenpumpen mit Morphinen für die Schmerztherapie richtig programmiert habe.

Ich möchte nicht mehr Angst, Seelenschmerz, Bedürfnisse und Bedürftigkeit übersehen müssen, weil es dafür weder Zeit noch geschützten Raum gibt.

ich möchte nicht mehr mein eigenes Berufsethos ignorieren und gegen mein Überzeugung handeln müssen.

Ich möchte mich nicht mehr für ein System instrumentalisieren lassen, das mich immer öfter dazu zwingt gegen Artikel 1 des Grundgesetzes zu verstoßen- um den Preis der Gewinnmaximierung – und mich zur Täterin macht.

Ich will mir nicht mehr von berufsfremden Entscheidern vorschreiben lassen müssen, wie ich meinen Job zu machen habe.

Ich möchte nicht mehr mitmachen, wenn es darum geht Krankheiten zu behandeln mit dem Ziel, möglichst hohen monetären Gewinn für das Krankenhaus, das in einem absurden Wettbewerb zu anderen Krankenhäusern steht, zu erzielen, sondern ich möchte kranke Menschen behandeln, versorgen, mich um sie kümmern und heilen.

Was für ein Gesellschaftsmodell unterstützen wir, wenn wir so weitermachen wie bisher? Wenn nur noch wirtschaftliche Leistung zählt. Selbst wenn die Menschen krank und hilfebedürftig oder schwach sind, müssen sie noch wirtschaftlich rentabel sein. Wir müssen darüber nachdenken, was es für eine Geselllschaft bedeutet, wenn Krankheiten behandelt werden mit dem Ziel, möglichst hohen monetären Gewinn zu erzielen und kaum darum, dass kranke Menschen eine angemessene, hilfreiche und wertschätzende Behandlung und Versorgung erfahren.

Die Situation für die Pflege von Patienten ist prekär. Es ist leider keine Übertreibung, wenn ich sage, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Deshalb bitte ich sie dringend ihre Kraft, ihr Amt und ihren Einfluss dafür einzusetzen, dass diese sehr bedenklichen Zustände gestoppt und rasch verbessert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Kipping, Karl Dall, Reimer Gronemeyer.

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