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34 Gründe gegen den Kapitalismus - Abrechnung des Vatikans mit den Finanzmärkten

“Die jüngste Finanzkrise hätte uns die Gelegenheit bieten können, eine neue Wirtschaft zu entwickeln, die größeren Wert auf ethische Prinzipien legt und die Finanzgeschäfte neuen Regelungen unterwirft, um ausbeuterischen und spekulativen Absichten einen Riegel vorzuschieben und den Dienst an der Realwirtschaft in den Vordergrund zu stellen”, kritisiert der Vatikan. Hier das Orginaldokument.

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE
DIKASTERIUM FÜR DEN DIENST ZUGUNSTEN DER GANZHEITLICHEN ENTWICKLUNG DES MENSCHEN
 
OECONOMICAE ET PECUNIARIAE QUAESTIONES
Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte
des gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems
 
I. Einführung

1. Themen im Bereich der Ökonomie und der Finanzwirtschaft stehen heute mehr denn je im Fokus unseres Interesses. Grund dafür ist der wachsende Einfluss, den die Märkte auf den materiellen Wohlstand eines großen Teils der Menschheit ausüben. Das macht einerseits eine entsprechende Regulierung ihrer Dynamiken erforderlich. Andererseits bedarf es einer klaren ethischen Grundlage, die dem erreichten Wohlstand jene Qualität an menschlichen Beziehungen gewährt, welche die wirtschaftlichen Mechanismen allein nicht hervorbringen können. Eine solche ethische Grundlage wird heute von verschiedener Seite eingefordert, besonders von jenen, die in der Finanzwirtschaft tätig sind. Gerade in diesem Bereich zeigt sich nämlich, wie notwendig die Verbindung zwischen technischem Wissen und menschlicher Weisheit ist, ohne die alles menschliche Tun zum Scheitern verurteilt ist. Wo aber diese Verbindung gegeben ist, kann es für den Menschen ein Voranschreiten auf dem Weg eines realen, ganzheitlichen Wohlstands geben.

2. Die ganzheitliche Förderung jeder Person, jeder menschlichen Gemeinschaft und der ganzen Menschheit ist der letzte Horizont jenes Gemeinwohls, das die Kirche als «allumfassendes Heilssakrament»1 verwirklichen möchte. In diesem ganzheitlichen Wohl, dessen Ursprung und Vollendung letztendlich in Gott liegen und das in Jesus Christus, in dem alles zusammengefasst ist (vgl. Eph 1,10), vollkommen offenbart wurde, liegt der letzte Zweck allen kirchlichen Tuns. Dieses Wohl ist eine Vorwegnahme jenes Reiches Gottes, das die Kirche zu verkünden und in jedem Bereich menschlichen Wirkens aufzurichten gerufen ist2. Und es ist die besondere Frucht jener Liebe, die als Königsweg des kirchlichen Handelns auch im sozialen, zivilen und politischen Bereich zum Ausdruck kommen muss. Diese Liebe «zeigt sich bei allen Gelegenheiten, die zum Aufbau einer besseren Welt beitragen. Die Liebe zur Gesellschaft und das Engagement für das Gemeinwohl sind ein hervorragender Ausdruck der Nächstenliebe, die nicht nur die Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen angeht, sondern auch die „Makro-Beziehungen – in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen“. Darum schlug die Kirche der Welt das Ideal der „Kultur der Liebe“ vor»3. Die Liebe zum ganzheitlichen Wohl, die untrennbar mit der Liebe zur Wahrheit verbunden ist, bildet den Schlüssel zum wahren Fortschritt.

3. Erstrebt wird dies in der Gewissheit, dass es in allen Kulturen zahlreiche ethische Konvergenzen gibt, die Ausdruck einer gemeinsamen moralischen Weisheit sind4, auf deren objektive Ordnung die Würde der Person gegründet ist. In der soliden, unverfügbaren Basis dieser Ordnung, die klare gemeinsame Prinzipien bietet, wurzeln die grundlegenden Rechte und Pflichten des Menschen. Ohne diese Ordnung gewinnen Willkür und „das Recht des Stärkeren“ in den menschlichen Beziehungen die Oberhand. Diese in der Weisheit des Schöpfergottes verwurzelte ethische Ordnung ist also das unentbehrliche Fundament für den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft, die von Gesetzen geregelt wird, deren Maßstab wirkliche Gerechtigkeit ist. Dies gilt umso mehr, wenn wir bedenken, dass die Menschen in ihrem Herzen zwar nichts mehr ersehnen als das Wohl und die Wahrheit, sich aber doch oft parteilichen Interessen beugen und zu Missbräuchen und Ungerechtigkeiten hinreißen lassen, die der ganzen Menschheit, vor allem den Wehrlosen und Schwachen, unsägliches Leid zufügen.

Um alle Bereiche des Lebens von dieser moralischen Unordnung zu befreien, die das menschliche Tun so oft in Mitleidenschaft zieht, betrachtet die Kirche es als eine ihrer vorrangigen Aufgaben, alle Menschen mit demütiger Gewissheit an einige klare ethische Prinzipien zu erinnern. Die menschliche Vernunft, die jede Person unverkennbar auszeichnet, erfordert in dieser Hinsicht eine Unterscheidung, die Klarheit bringt. Denn schon immer sucht die Vernunft des Menschen in der Wahrheit und in der Gerechtigkeit jenes solide Fundament, auf welches sich das menschliche Tun stützen kann. Sie ahnt, dass sie ohne dieses Fundament ihre Ausrichtung verlieren würde5.

4. Die rechte Ausrichtung der Vernunft darf also in keinem Bereich des menschlichen Tuns fehlen. Das bedeutet, dass kein Bereich des menschlichen Handelns rechtmäßig beanspruchen kann, ohne eine Ethik auszukommen oder für eine Ethik unzugänglich zu sein, die auf Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität gegründet ist6. Dies trifft auch auf jene Bereiche zu, in denen die Gesetze der Politik und der Wirtschaft gelten: «Im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht für uns heute die dringende Notwendigkeit, dass Politik und Wirtschaft sich im Dialog entschieden in den Dienst des Lebens stellen, besonders in den des menschlichen Lebens»7.

In der Tat soll jede menschliche Tätigkeit Frucht bringen, indem der Mensch großzügig und gerecht jene Gaben gedeihen lässt, die Gott ursprünglich allen zur Verfügung gestellt hat, und mit reger Zuversicht jene Samen des Guten aussät, die als Verheißung der Fruchtbarkeit in die gesamte Schöpfung eingeschrieben sind. Dieser Ruf ist eine bleibende Einladung an die menschliche Freiheit, auch wenn die Sünde immer danach trachtet, diesen ursprünglichen Plan Gottes zu vereiteln.

Das ist der Grund, weshalb Gott dem Menschen in Jesus Christus entgegen kommt. Indem er uns in das wunderbare Ereignis seiner Auferstehung hineinnimmt, «erlöst er nicht nur die Einzelperson, sondern auch die sozialen Beziehungen»8, und wirkt auf eine neue – in Wahrheit und Liebe gegründete – Ordnung gesellschaftlicher Beziehungen hin, die fruchtbarer Sauerteig für die Verwandlung der Geschichte sein kann. Auf diese Weise gibt Christus uns schon in dieser Zeit einen Vorgeschmack auf jenes Himmelreich, das anzukündigen er selbst als Mensch auf die Erde gekommen ist.

5. Obwohl der wirtschaftliche Wohlstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überall auf der Welt in einem nie gekannten Ausmaß und Tempo zugenommen hat, ist zu bedenken, dass im selben Zeitraum die Ungleichheiten zwischen den Ländern und innerhalb der Länder größer geworden sind9. Auch ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, nach wie vor ungeheuer hoch.

Die jüngste Finanzkrise hätte uns die Gelegenheit bieten können, eine neue Wirtschaft zu entwickeln, die größeren Wert auf ethische Prinzipien legt und die Finanzgeschäfte neuen Regelungen unterwirft, um ausbeuterischen und spekulativen Absichten einen Riegel vorzuschieben und den Dienst an der Realwirtschaft in den Vordergrund zu stellen. Wenn auch auf verschiedenen Ebenen viele positive Schritte gemacht wurden, die Anerkennung und Wertschätzung verdienen, ist ein Überdenken jener überholten Kriterien, die immer noch die Welt beherrschen, ausgeblieben10. Manchmal hat es sogar den Anschein, als wäre ein oberflächlicher, kurzsichtiger Egoismus zurückgekehrt, der das Gemeinwohl missachtet und nicht daran interessiert ist, Wohlstand zu schaffen und zu verbreiten oder stark ausgeprägte Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

6. Was hier auf dem Spiel steht, ist der authentische Wohlstand eines Großteils der Männer und Frauen unseres Planeten, die Gefahr laufen, immer mehr an den Rand gedrängt, ja sogar von Fortschritt und wirklichem Wohlstand «ausgeschlossen» und wie «Abfall»11 behandelt zu werden. Denn einige wenige beuten wertvolle Ressourcen und Reichtümer aus und beanspruchen diese für sich selbst, ohne auf das Wohl des Großteils ihrer Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Es ist daher an der Zeit, das Augenmerk wieder auf die wahre Menschlichkeit zu richten, die Horizonte von Geist und Herz zu erweitern, um in Redlichkeit die Erfordernisse der Wahrheit und des Gemeinwohls zu erkennen, ohne die jedes soziale, politische und wirtschaftliche System am Ende zum Scheitern, zur Implosion verurteilt ist. Wie immer deutlicher wird, macht sich Egoismus auf lange Sicht nicht bezahlt, sondern bewirkt letzten Endes nur, dass alle einen viel zu hohen Preis zahlen müssen. Wenn wir also das wirkliche Wohl des Menschen wollen, dann dürfen wir nicht vergessen: «Das Geld muss dienen und nicht regieren!»12.

In erster Linie obliegt es den kompetenten Führungskräften, neue Wirtschafts- und Finanzsysteme einzuführen, deren Methoden und Regeln die Entwicklung des Gemeinwohls anstreben und auf dem sicheren Pfad der kirchlichen Soziallehre die Menschenwürde achten. Mit diesem Dokument möchte die Kongregation für die Glaubenslehre, deren Zuständigkeit sich auch auf Fragen moralischer Natur bezieht, in Zusammenarbeit mit dem Dikasterium den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen einige grundlegende Erwägungen und Präzisierungen vorlegen, die dieser Entwicklung und dem Schutz der Menschenwürde zugutekommen sollen13. Besonders notwendig erscheint eine ethische Reflexion über einige Aspekte der Finanzvermittlung, deren Loslösung von angemessenen anthropologischen und moralischen Grundlagen nicht nur offensichtliche Missbräuche und Ungerechtigkeiten zur Folge hatte, sondern auch Systemkrisen von weltweitem Ausmaß verursacht hat. Es geht um eine Unterscheidung, die allen Männern und Frauen guten Willens angeboten wird.
 
II. Grundlegende Erwägungen

7. Einige grundlegende Erwägungen stehen heute all jenen deutlich vor Augen, welche die geschichtliche Situation, in der wir leben, ehrlich zur Kenntnis nehmen. Diese gelten unabhängig von allen Theorien und Denkschulen, in deren legitime Diskussionen dieses Dokument nicht eingreifen, sondern zu deren Dialog es vielmehr beitragen will. Dabei muss man sich freilich bewusst bleiben, dass es keine wirtschaftlichen Patentrezepte gibt, die immer und überall gelten.

8. Jede menschliche Realität und Tätigkeit ist positiv, wenn sie im Horizont einer angemessenen Ethik gelebt wird, also im Respekt vor der Menschenwürde und mit Blick auf das Gemeinwohl. Das gilt für alle Institutionen, die im Zusammenleben der Menschen entstehen. Es gilt auch für die Märkte auf allen Ebenen, einschließlich der Finanzmärkte.

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass auch jene Systeme, die aus den Märkten hervorgehen, nicht so sehr auf anonyme Dynamiken gegründet sind, welche durch immer kompliziertere Techniken entstehen, sondern auf Beziehungen, die ohne das Mitwirken der Freiheit einzelner Menschen nicht aufgebaut werden könnten. Daraus ergibt sich, dass die Wirtschaft, wie jedes andere menschliche Tun, «für ihr korrektes Funktionieren die Ethik braucht; nicht irgendeine Ethik, sondern eine menschenfreundliche Ethik»14.

9. Es ist klar, dass es ohne eine angemessene Sicht des Menschen nicht möglich ist, eine Ethik oder eine Praxis zu begründen, die dem hohen Anspruch der Menschenwürde und eines Wohls, das wirklich das Wohl aller ist, entspricht. Alles menschliche Tun – auch im wirtschaftlichen Bereich –, so neutral oder von jeder Grundvorstellung losgelöst es auch zu sein vorgibt, impliziert doch immer ein Verständnis des Menschen und der Welt, das seine positive oder negative Ausrichtung durch seine Auswirkungen und den hervorgebrachten Fortschritt zeigt.

In diesem Sinn zeigt sich in unserer Zeit eine verkürzte Sicht des Menschen: nämlich jene des individualistisch verstandenen Menschen, der in erster Linie Konsument ist und dessen Gewinn vor allem in der Optimierung seiner finanziellen Einkünfte bestünde. Die menschliche Person besitzt aber eine ureigene relationale Natur und eine Rationalität, die immer nach einem Gewinn und einem Wohlergehen streben, welche umfassend sind und nicht auf die Logik des Konsums oder die wirtschaftlichen Aspekte des Lebens reduziert werden können15.

Diese grundlegend relationale Natur des Menschen16 ist wesentlich von einer Rationalität gekennzeichnet, die jeder Reduzierung seiner Grundbedürfnisse auf bloße Dinge entgegensteht. Diesbezüglich kann nicht mehr verschwiegen werden, dass heute die Tendenz besteht, jeden Austausch von Gütern auf einen bloßen Austausch von Dingen zu reduzieren.

In Wirklichkeit ist es offenkundig, dass es bei der Weitergabe von Gütern unter Menschen immer um mehr geht als um rein materielle Dinge. Schließlich sind die materiellen Güter oft Träger anderer – immaterieller – Werte, deren konkretes Vorhanden- oder Nicht-Vorhandensein auch die Qualität der wirtschaftlichen Beziehungen entscheidend beeinflusst (zum Beispiel Vertrauen, Gerechtigkeit, Zusammenarbeit, usw.). Gerade hier wird deutlich, dass die Logik des Geschenks ohne Gegenleistung keine Alternative zum Austausch von einander entsprechenden Gütern ist, sondern komplementär und untrennbar damit verbunden17.

10. Leicht können die Vorteile einer Sicht des Menschen erkannt werden, in der die Person als Wesen verstanden wird, das konstitutiv in ein Geflecht von Beziehungen eingebunden ist, welche eine an sich positive Ressource sind18. Jede Person wird in einem familiären Umfeld geboren, also in einem Netz von Beziehungen, die ihr vorausgehen und ohne die sie nicht existieren würde. Die Etappen ihres Lebens geht sie stets dank der Beziehungen, die ihr Dasein in der Welt als Form einer immer wieder neu geteilten Freiheit verwirklichen. Gerade diese ursprünglichen Beziehungen zeigen, dass der Mensch ein relationales Wesen ist und grundlegend von dem geprägt wird, was die christliche Offenbarung „Gemeinschaft“ nennt.

Dieser ureigene gemeinschaftliche Wesenszug, der in jedem Menschen eine Spur der Affinität mit jenem Gott aufzeigt, der ihn erschaffen hat und zu einer Beziehung der Gemeinschaft mit sich ruft, richtet ihn zugleich auf natürliche Weise auf das gemeinschaftliche Leben aus, das der grundlegende Ort seiner vollen Verwirklichung ist. Diesen Wesenszug als ursprünglich konstitutives Element unserer menschlichen Identität zu erkennen, macht es möglich, die anderen nicht in erster Linie als potentielle Konkurrenten zu sehen, sondern als mögliche Verbündete im Aufbau eines Wohls, das erst dann echt ist, wenn es alle und jeden Einzelnen zugleich betrifft.

Eine solche Anthropologie der Beziehungen hilft dem Menschen, den Wert von wirtschaftlichen Strategien zu erkennen, die vor allem die globale Lebensqualität im Blick haben, und nicht bloß die kritiklose Anhäufung von Profit. Es geht also um ein Wohl, das – wenn es ein solches sein soll – immer ganzheitlich ist, das den ganzen Menschen und alle Menschen betrifft. Kein Profit ist nämlich rechtmäßig, wenn der Horizont der ganzheitlichen Förderung der menschlichen Person, der universalen Bestimmung der Güter und der vorrangigen Option für die Armen fehlt19. Diese drei Prinzipien sind eng miteinander verflochten. Sie bedingen einander im Mühen um den Aufbau einer Welt, die gerechter und solidarischer ist.

Deswegen kann kein wirtschaftliches System als Fortschritt verstanden werden, wenn es allein von den Maßstäben der Quantität und der Effizienz beim Schaffen von Profit ausgeht. Vielmehr muss es auch nach der Lebensqualität bemessen werden, die es hervorbringt, und nach dem sozialen Wohlstand, den es verbreitet: einem Wohlstand, der nicht auf bloß materielle Aspekte reduziert werden darf. Jedes Wirtschaftssystem rechtfertigt seine Existenz nämlich nicht nur durch rein quantitatives Wachstum des wirtschaftlichen Austausches, sondern vor allem durch seine Eignung, die Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen zu gewährleisten. Wohlstand und Entwicklung brauchen und stützen einander20. Das macht nachhaltige politische Maßnahmen und Perspektiven erforderlich, die weit über den gegenwärtigen Moment hinausgehen21.

Zu diesem Zweck ist es wünschenswert, dass die Universitäten und Business Schools – nicht nur am Rand oder nebenbei, sondern als festen Bestandteil – in ihren Lehrplänen Ausbildungskurse vorsehen, die dazu helfen, Ökonomie und Finanzwirtschaft im Licht einer ganzheitlichen und nicht bloß auf einige Dimensionen reduzierten Sicht des Menschen sowie einer Ethik, die diese ausdrückt, zu verstehen. Eine große Hilfe bietet in diesem Sinn beispielsweise die kirchliche Soziallehre.

11. Der Wohlstand muss daher an Kriterien gemessen werden, die weit über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes hinausgehen und auch andere Maßstäbe in Betracht ziehen, wie zum Beispiel Sicherheit, Gesundheit, Wachstum des „menschlichen Kapitals“, Qualität des gesellschaftlichen Lebens und der Arbeit. Der Profit wird zwar immer angestrebt werden, doch nie „um jeden Preis“ und nie als alleiniger umfassender Bezugspunkt des wirtschaftlichen Handelns.

Wichtig sind dabei humanisierende Denkmuster sowie kulturelle Ausdrucksformen und Mentalitäten, in denen die Unentgeltlichkeit – also die Entdeckung und Umsetzung des Wahren und Gerechten als etwas in sich Gutes – zur Bemessungsgrundlage wird22 und wo Gewinn und Solidarität nicht länger Dinge sind, die einander widersprechen. Wo nämlich Egoismus und parteiliche Interessen vorherrschen, ist es für den Menschen schwer, jenen fruchtbaren Kreislauf zwischen Gewinn und Gabe zu erkennen, den die Sünde zu verdunkeln und zu durchbrechen droht. In einer wahrhaft menschlichen Perspektive entsteht hingegen ein positiver Kreislauf zwischen Profit und Solidarität, der dank des freien Tuns des Menschen das ganze positive Potential der Märkte freisetzen kann.

Wie sehr dieses Prinzip der Unentgeltlichkeit dem Menschen entspricht, zeigt auch die Goldene Regel, die Jesus im Evangelium formuliert hat und nach der wir eingeladen sind, alles, was wir von anderen erwarten, auch ihnen zu tun (vgl. Mt 7, 12; Lk 6, 31).

12. Kein wirtschaftliches Tun kann lange Bestand haben, wenn es nicht ein Klima gesunder Handlungsfreiheit gibt23. Heute ist aber ebenso klar: Wenn die Freiheit der Wirtschaftstreibenden absolut verstanden und von dem ihr innewohnenden Bezug zur Wahrheit und zum Guten losgelöst wird, dann tendiert sie zur Schaffung von Machtzentren und Formen von Oligarchie, die letztendlich der Effizienz des Wirtschaftssystems schaden24.

In dieser Hinsicht ist immer deutlicher zu sehen, wie angesichts der wachsenden, alles durchdringenden Macht einflussreicher Marktakteure und großer finanzwirtschaftlicher Netzwerke jene, die eigentlich mit der Ausübung der politischen Macht betraut sind, nur noch mit Mühe ihrer ursprünglichen Berufung entsprechen, Diener des Gemeinwohls zu sein. Oft sind sie durch die Übernationalität dieser Akteure und die Volatilität des von ihnen verwalteten Kapitals desorientiert und ohnmächtig gemacht. Manchmal lassen sie sich auch dazu hinreißen, sich dem Gemeinwohl widersprechenden Interessen zu unterwerfen25.

All das macht ein erneuertes Bündnis zwischen Akteuren der Wirtschaft und der Politik umso dringlicher. Es geht um die Förderung dessen, was der umfassenden Entwicklung des Menschen und der gesamten Gesellschaft dient, wobei auch die Anforderungen der Solidarität mit jenen der Subsidiarität zu verbinden sind26.

13. Prinzipiell sind alle Systeme und Mittel, welche die Märkte nutzen, um ihre Verteilungskapazitäten zu vermehren, moralisch zulässig, insofern sie die Menschenwürde und die Ausrichtung auf das Gemeinwohl achten27.

Ebenso offensichtlich ist aber auch, dass das mächtige Triebwerk der Wirtschaft, nämlich die Märkte, nicht imstande ist, sich selbst zu regulieren28. Denn die Märkte können nicht die Voraussetzungen schaffen, die ihren ordnungsgemäßen Ablauf garantieren (sozialer Zusammenhalt, Aufrichtigkeit, Vertrauen, Sicherheit, Gesetze, usw.), und auch nicht die Wirkungen und Ausdrucksformen korrigieren, die der menschlichen Gesellschaft zum Schaden gereichen (Ungleichheiten, Asymmetrien, Schädigung der Umwelt, soziale Unsicherheit, Betrug, usw.).

14. Auch wenn viele Akteure persönlich von guten und berechtigten Absichten geleitet sind, darf auch nicht unbeachtet bleiben, dass die Finanzindustrie heute aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer unstrittigen Kapazität, die Realwirtschaft zu beeinflussen und – in gewissem Sinn – zu dominieren, ein Ort ist, wo Egoismen und Missbräuche ein für die Allgemeinheit zerstörerisches Potential haben, das seinesgleichen sucht.

An dieser Stelle muss darauf verwiesen werden, dass es in der Finanzwirtschaft Situationen gibt, in denen einige Vorgangsweisen zwar vielleicht nicht unmittelbar als ethisch inakzeptabel bewertet werden können, aber doch Fälle von unmittelbarer Nähe zur Unmoral darstellen. Das sind Situationen, in denen es sehr leicht zu Missbrauch und Betrug kommt, vor allem gegenüber denen, die sich in einer weniger günstigen Ausgangslage befinden. Wenn man beispielsweise in einer Situation der Asymmetrie mit Finanzmitteln handelt, die an sich legitim sind, dabei aber Wissenslücken oder vertragliche Schwächen einer beteiligten Partei ausnützt, ist dies ein Vergehen gegen die geschuldete Korrektheit in der Beziehung und deshalb bereits ein ethisch schwerwiegender Verstoß.

Die Komplexität zahlreicher Finanzprodukte macht diese Asymmetrie in der gegenwärtigen Situation zu einem dem System selbst innewohnenden Aspekt. Dies setzt die Käufer in eine Position der Unterlegenheit gegenüber den Fachleuten, die mit diesen Produkten wirtschaften. Aus diesem Grund wurde von verschiedener Seite verlangt, den alten Grundsatz Caveat emptor aufzugeben. Gemäß diesem Grundsatz würde vor allem dem Käufer die Verantwortung zukommen, die Qualität des erworbenen Gutes festzustellen. Dieses Prinzip setzt voraus, dass die Parteien die gleiche Fähigkeit besitzen, die Eigeninteressen zu schützen. Dies ist aber heute in vielen Fällen nicht gegeben, und zwar sowohl wegen der offensichtlich hierarchischen Beziehung, die manche Arten von Verträgen mit sich bringen (zum Beispiel zwischen Darlehensgeber und Darlehensnehmer), als auch wegen der komplexen Strukturierung zahlreicher Finanzinstrumente.

15. Wie viele Dinge, die der Mensch besitzt, ist auch das Geld an sich ein gutes Mittel, das seiner Freiheit zur Verfügung steht und der Erweiterung seiner Möglichkeiten dient. Dieses Mittel kann sich aber leicht gegen den Menschen kehren. So ist auch die Finanzierung von Unternehmen am freien Kapitalmarkt, der Unternehmen durch den Eintritt in den freien Handel der Börse Zugang zum Geld ermöglicht, an sich positiv. Dieses Phänomen läuft heute jedoch Gefahr, die Finanzialisierung der Wirtschaft zu begünstigen. Denn der virtuelle Reichtum, der sich vor allem auf Transaktionen konzentriert, die durch bloße Spekulationsabsichten und durch Hochfrequenzhandel (High Frequency Trading) gekennzeichnet sind, zieht exzessive Kapitalmengen an sich und entzieht diese so dem positiven Kreislauf der Realwirtschaft29.

Was vor mehr als einem Jahrhundert vorausgesagt wurde, hat sich leider inzwischen bewahrheitet: Der Ertrag aus dem Kapital stellt eine echte Bedrohung dar und riskiert, den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden, der im Wirtschaftssystem oft nur noch eine Randbedeutung hat. Daraus folgt, dass die Arbeit mit ihrer Würde nicht nur immer stärker bedroht ist, sondern auch Gefahr läuft, nicht länger ein Gut für den Menschen zu sein30, sondern zu einem bloßen Tauschmittel im Inneren von asymmetrisch gemachten sozialen Beziehungen zu werden.

In dieser Umkehrung der Beziehung zwischen Mittel und Zweck, die das Gut der Arbeit zur „Ware“ degradiert und in der das Geld vom Mittel zum „Zweck“ wird, findet die skrupellose amoralische „Wegwerfkultur“ fruchtbaren Boden, die breite Massen der Bevölkerung ausgegrenzt hat, sie einer würdigen Arbeit beraubt und sie so «ohne Aussichten, ohne Ausweg» lässt: «Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“»31.

16. In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, an die unverzichtbare soziale Funktion des Kredits zu denken, dessen Gewähr in erster Linie qualifizierten und zuverlässigen Finanzintermediären obliegt. In diesem Bereich scheint klar, dass die Festsetzung unangemessen hoher, für die Darlehensnehmer nicht tragbarer Zinsraten nicht nur unter ethischem Gesichtspunkt unzulässig ist, sondern auch der Gesundheit des Wirtschaftssystems schadet. Das menschliche Gewissen hat solche Vorgehensweisen und Wucherpraktiken schon immer als ungerecht empfunden. Sie stehen auch dem guten Funktionieren des Wirtschaftssystems entgegen.
Hier zeigt sich, dass die Sendung der Finanzwirtschaft vor allem darin besteht, der Realwirtschaft zu dienen. Sie hat die Aufgabe, mit moralisch legitimen Mitteln Werte zu schaffen und eine Liquidierung des Kapitals zu begünstigen, damit ein nützlicher Kreislauf des Reichtums entstehen kann32. Überaus positiv und fördernswert sind in diesem Zusammenhang beispielsweise Kreditunionen, Mikrokredite, wie auch öffentliche Kredite, die Familien, Unternehmen und lokalen Gemeinschaften zugutekommen, sowie Hilfskredite für Entwicklungsländer.

Nirgends wird deutlicher als in diesem Bereich, in dem das Geld sein ganzes positives Potential entfalten kann, dass es unter ethischem Gesichtspunkt nicht legitim ist, von der Zivilgesellschaft gewährte Kredite einem ungebührlich hohen Risiko auszusetzen, indem man sie für vorwiegend spekulative Zwecke nutzt.

17. Ein unter ethischem Gesichtspunkt unannehmbares Phänomen ist nicht der Gewinn an sich, sondern das Ausnutzen einer Asymmetrie zu eigenen Gunsten, um beträchtliche Profite zum Schaden anderer anzuhäufen. Das geschieht, wenn jemand die eigene Machtposition ungerecht zum Nachteil anderer ausnutzt, oder wenn jemand sich bereichert, indem er den allgemeinen Wohlstand schädigt oder stört33.

Ein solches Vorgehen erweist sich als moralisch besonders beklagenswert, wenn sich die nur auf Gewinn ausgerichtete Absicht einiger weniger – vielleicht durch beträchtliche Investmentfonds – mit einer gewagten Spekulation34, die auf eine künstliche Senkung der Preise für Staatsanleihen abzielt, bedenkenlos darüber hinwegsetzt, dass die wirtschaftliche Lage ganzer Länder negativ, ja sogar dramatisch beeinflusst werden kann. Auf diese Weise setzt man nicht nur öffentliche Sanierungsprojekte aufs Spiel, sondern auch die wirtschaftliche Stabilität von Millionen von Familien. Das zwingt wiederum die Regierungen, mit großen Summen öffentlicher Gelder einzugreifen, und führt dazu, dass sogar auf das korrekte Funktionieren der politischen Systeme künstlich Einfluss genommen wird.

Die Spekulationsabsicht läuft heute besonders im finanzwirtschaftlichen Bereich Gefahr, alle anderen grundlegenden Absichten zu verdrängen, die der menschlichen Freiheit Substanz verleihen. Dieser Umstand untergräbt den immensen Wertereichtum, der das Fundament unserer Zivilgesellschaft bildet und sie zu einem Ort des friedlichen Zusammenlebens, der Begegnung, der Solidarität, der regenerierenden Reziprozität und der Verantwortung für das Gemeinwohl macht. In diesem Zusammenhang hat es den Anschein, dass Worte wie „Effizienz“, „Wettbewerb“, „Leadership“, „Verdienst“ den ganzen Raum unserer gesellschaftlichen Kultur beherrschen und eine Bedeutung erlangen, die letztendlich zur Verarmung der Qualität der Tauschgeschäfte führt und diese auf bloße Zahlenspiele reduziert.

Es ist daher notwendig, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt gestellt wird, damit die Horizonte für jenen Überfluss an Werten geöffnet werden können, der allein es dem Menschen erlaubt, sich selbst zu finden, Gesellschaften aufzubauen, die Orte der Gastfreundschaft und der Inklusion sind, wo es Raum gibt für die Schwachen und wo der Reichtum zum Vorteil aller genutzt wird. Es braucht Orte, wo es für den Menschen schön ist zu leben, und leicht ist zu hoffen.

III. Einige Präzisierungen im heutigen Kontext

18. Um allen Akteuren aus Ökonomie und Finanzwirtschaft, auch auf deren Bitten hin, konkrete ethische Bezugspunkte anzubieten, sollen nun einige Präzisierungen vorlegt werden. Dabei geht es um eine Unterscheidung, die Wege für das offen hält, was den Menschen wirklich zum Menschen macht und was es ihm verbietet, seine Würde und das Gemeinwohl aufs Spiel zu setzen35.
19. Dank der Fortschritte der Globalisierung und der Digitalisierung kann der Markt heute mit einem großen Organismus verglichen werden, durch dessen Venen wie ein „Lebenssaft“ gewaltige Mengen von Kapital fließen. Wenn wir diese Analogie beibehalten, können wir auch von einer „Gesundheit“ dieses Organismus sprechen: Dies trifft dann zu, wenn seine Mittel und Strukturen das gute Funktionieren des Systems garantieren, in dem Wachstum und Verbreitung des Reichtums miteinander Schritt halten. Die Gesundheit des Systems hängt von der Gesundheit der einzelnen Handlungen ab, die vorgenommen werden. Wenn das System Markt gesund ist, dann ist es leichter, dass auch die Würde der Menschen und das Gemeinwohl geachtet und gefördert werden.
Wenn hingegen nicht vertrauenswürdige Wirtschafts- und Finanzinstrumente eingesetzt werden, die das Wachstum und die Verbreitung des Reichtums ernsthaft gefährden und sich auch für das System als kritisch und gefährlich erweisen, kann von einer „Vergiftung“ dieses Organismus gesprochen werden.

Das erklärt das heute zunehmend verspürte Bedürfnis, alle Produkte, die eine Finanzinnovation darstellen, durch eine Regulierungsbehörde zertifizieren zu lassen, um die Gesundheit des Systems zu bewahren und negativen Begleiterscheinungen zuvorzukommen. Für alle Akteure, die mit den Märkten zu tun haben, ist es auch unter wirtschaftlicher Rücksicht ein unausweichlicher moralischer Imperativ, die Gesundheit zu fördern und die Vergiftung zu vermeiden. Das wiederum zeigt die Dringlichkeit einer überstaatlichen Koordinierung der verschiedenen Strukturen lokaler Finanzsysteme36.

20. Diese Gesundheit nährt sich von einer Vielzahl mannigfaltiger Ressourcen, die eine Art wirtschaftliche und finanzielle „Biodiversität“ schaffen. Für das Wirtschaftssystem ist die Diversität ein Mehrwert, der auch durch eine entsprechende Wirtschafts- und Finanzpolitik gefördert und geschützt werden muss. Das Ziel besteht darin sicherzustellen, dass die Märkte über eine Vielzahl gesunder Akteure und Instrumente mit Reichtum und Verschiedenartigkeit verfügen. Das bewirkt einerseits positiv, dass deren Aktivität gefördert wird, und verhindert andererseits, dass das Funktionieren des Systems, das Reichtum hervorbringt und verbreitet, negativ beeinträchtigt wird.
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Zusammenarbeit bei der Aufgabe, im Innern der Märkte auf gesunde Weise einen Mehrwert hervorzubringen, eine besondere Rolle zukommt. Ein ehrliches und intensives Miteinander der Akteure führt leicht zu jenem Mehr an Wert, das heute jeder Wirtschaftsplan anstrebt37.

Wenn der Mensch die grundlegende Solidarität erkennt, die ihn mit allen seinen Mitmenschen verbindet, weiß er auch, dass er die Güter, über die er verfügt, nicht für sich allein behalten kann. Ist die Solidarität ein fester Bestandteil seines Lebens, werden die Güter, über die er verfügt, nicht nur für seine eigenen Bedürfnisse verwendet. Sie nehmen zu und tragen so oft auch unerwartet Frucht für die anderen38. Gerade hier wird einmal mehr deutlich, dass Gemeinschaft «nicht nur Teilen» ist, «sondern auch Vermehrung der Güter, Herstellung neuen Brotes, neuer Güter, Schaffung des neuen Guten schlechthin»39.

21. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat deutlich gezeigt, wie „naiv“ das Vertrauen in eine vermeintliche funktionelle Unabhängigkeit der Märkte ist, die keiner Ethik unterliegt. Andererseits ist klar, wie notwendig eine angemessene Regelung der Märkte ist, welche die Freiheit und zugleich den Schutz aller gewährleistet, die darin in gesunder und korrekter Weise agieren, vor allem der Schwächeren unter ihnen. In diesem Sinn müssen die politischen Machthaber und die finanzwirtschaftlichen Verantwortungsträger stets unterschieden und unabhängig bleiben, aber zugleich ohne alle schädliche Komplizenschaft danach streben, ein Wohl zu verwirklichen, das der Ausrichtung nach für alle bestimmt ist und nicht nur wenigen privilegierten Akteuren vorbehalten wird40.

Eine solche Regelung erscheint noch dringlicher, wenn wir bedenken, dass einer der Hauptgründe für die jüngste Finanzkrise das unmoralische Verhalten von Exponenten der Finanzwelt war, und dass es die inzwischen überstaatlich gewordene Dimension des Wirtschaftssystems leicht macht, die in den einzelnen Ländern eingeführten Regeln zu umgehen. Dank der extremen Volatilität und Mobilität des Kapitals in der Finanzwelt ist es jenen, die darüber verfügen, ein Leichtes, sich über jede Norm hinwegzusetzen, die keinen unmittelbaren Profit verspricht. Oft benutzen sie ihre Vormachtstellung auch dazu, sich die jeweilige politische Macht gefügig zu machen.

Es ist also klar, dass die Märkte solide und sichere Orientierungspunkte in Form von Makrovorsichtsmaßregeln und auch von normativen Richtlinien brauchen, die möglichst für alle gelten und einheitlich sein sollten. Ebenso notwendig sind Regeln, die kontinuierlich auf den neuesten Stand zu bringen sind, weil die Situation der Märkte in ständiger Bewegung ist. Ähnliche Orientierungspunkte müssen eine seriöse Kontrolle der Zuverlässigkeit und der Qualität der Finanzinstrumente, vor allem der komplexeren, gewährleisten. Wenn das rasante Tempo der Innovationsprozesse exzessive Systemrisiken mit sich bringt, müssen die Wirtschaftsakteure die Vorgaben und Einschränkungen annehmen, die das Gemeinwohl erfordert, und dürfen nicht versuchen, sie zu umgehen oder herunterzuspielen.

In Anbetracht der heutigen Globalisierung des Finanzsystems erscheint es wichtig, dass sich die Verantwortlichen der einzelnen Länder auf eine stabile, klare und effiziente Regelung der Märkte einigen. Dabei sollte es möglich und manchmal auch geboten sein, im Fall einer eventuellen Gefährdung des Gemeinwohls rasch zu verbindlichen Entscheidungen zu kommen. Die für diese Regelung Verantwortlichen müssen immer unabhängig sein und sich an die Erfordernisse der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls gebunden wissen. Verständliche Schwierigkeiten dürfen nicht von der Suche und Umsetzung solcher normativer Systeme abhalten, welche die einzelnen Länder aufeinander abstimmen, die aber auch überstaatliche Geltung haben müssen41.

Die Regeln müssen eine vollkommene Transparenz der Handelsgeschäfte begünstigen, damit jede Form von Ungerechtigkeit und Missverhältnissen ausgeräumt und das Gleichgewicht der Tauschgeschäfte soweit wie möglich gewährleistet wird. Denn die asymmetrische Konzentration von Information und Macht begünstigt tendenziell die stärkeren wirtschaftlichen Akteure und schafft auf diese Weise Hegemonien, die nicht nur die Märkte, sondern auch die politischen und normativen Systeme einseitig beeinflussen können. Wo eine massive Deregulierung praktiziert wurde, hat sich auch gezeigt, dass normative und institutionelle Leerräume zum Eingehen moralischer Risiken und zur Veruntreuung einladen und auch zu einer irrationalen Überschwänglichkeit der Märkte – auf die zuerst Spekulationsblasen und dann plötzliche verheerende Zusammenbrüche folgen – und zu Systemkrisen führen können42.

22. Zum Zweck der Vermeidung solcher Systemkrisen wäre es eine große Hilfe, wenn für die Banken eine klare Definition und Abgrenzung zwischen dem Bereich ausgearbeitet würde, der die Verwaltung von gewöhnlichen Bankkrediten und Spareinlagen betrifft, und dem Bereich, der auf Investition und bloßes Business abzielt43. Damit sollten so gut wie möglich Situationen vermieden werden, die zu Finanzinstabilität führen.

Ein gesundes Finanzsystem erfordert auch möglichst viel Information, damit jeder seine Interessen in voller und bewusster Freiheit schützen kann: Es ist nämlich wichtig zu wissen, ob das eigene Kapital zu spekulativen Zwecken verwendet wird oder nicht. Auch der Grad des Risikos und die Angemessenheit des Preises für die Finanzprodukte, für die man sich entscheidet, sollten bekannt sein. Denn Spareinlagen, vor allem von Familien, sind normalerweise ein öffentliches Gut, das zu schützen ist und für das eine Optimierung ohne Risiko zu suchen ist. Wenn diese Spareinlagen qualifizierten Finanzfachberatern anvertraut werden, muss man erwarten können, dass sie gut angelegt und nicht nur verwaltet werden.

In der Handhabung der Spareinlagen durch Finanzberater sind folgende Verhaltensweisen als moralisch fragwürdig zu bewerten: eine exzessive Bewegung von Wertpapieren, die vor allem den Zweck verfolgt, die Kommissionen der Intermediäre zu vermehren; ein Fehlen der gebotenen Überparteilichkeit im Angebot von Sparmethoden, die von gewissen Banken angewandt werden, obwohl die Produkte anderer den Bedürfnissen des Kunden besser entsprechen würden; das Fehlen der gebotenen Sorgfalt oder gar eine vorsätzliche Fahrlässigkeit seitens der Kundenberater bei der Wahrung der Interessen, die den Wertpapierstand ihrer Kunden betreffen; die Gewähr einer Finanzierung durch eine Bank unter der Voraussetzung, dass beim selben Intermediär gleichzeitig andere Finanzprodukte erworben werden, die für den Kunden vielleicht nicht lohnend sind.
23. Jedes Unternehmen bildet ein wichtiges Netzwerk von Beziehungen und stellt auf seine Weise einen mittleren sozialen Körper dar, der eine eigene Kultur und eine eigene Praxis hat. Diese Kultur und diese Praxis bestimmen nicht nur die innere Organisation des Unternehmens, sondern wirken sich auch auf das gesellschaftliche Gefüge aus, in dem das Unternehmen tätig ist. Gerade hier erinnert die Kirche an die soziale Verantwortung der Unternehmen44, die sowohl nach außen als auch nach innen zum Ausdruck kommt.

Dort, wo der reine Profit in der Unternehmenskultur einer Finanzgesellschaft an oberster Stelle steht und das Erfordernis des Gemeinwohls missachtet wird – das kommt heute auch an renommierten Business Schools häufig vor –, wird jedes ethische Anliegen unweigerlich als etwas Äußerliches empfunden, das der unternehmerischen Tätigkeit fremd ist. Das wird dadurch umso deutlicher, dass jene, die sich diesem Firmenziel nicht anpassen, von einer derartigen Unternehmenslogik in Bezug auf Gehalt und berufliche Anerkennung bestraft werden. In diesen Fällen führt der allein gewinnorientierte Zweck leicht zu einer perversen und selektiven Logik, die oft jene an die Firmenspitzen bringt, die zwar fähig, aber auch machthungrig und skrupellos sind und deren Umgang mit anderen vor allem die eigenen Interessen im Blick hat.

Eine derartige Logik hat Wirtschaftslenker oft eine Unternehmenspolitik betreiben lassen, die nicht eine Verbesserung der wirtschaftlichen Gesundheit ihrer Firmen anstrebt, sondern einzig den Profit der Aktionäre (Shareholders). Das schadet nicht nur den berechtigten Interessen jener, deren Arbeit und Dienste der Firma Nutzen bringen, sondern auch den Konsumenten und den verschiedenen lokalen Gemeinschaften (Stakeholders). Oft von der Aussicht auf sehr hohe Entlohnung bei Erzielung sofortiger Ergebnisse angespornt, der bei Nichterreichen der Ziele keine entsprechend hohen Strafen entgegen stehen, werden den Managern und Aktionären schnell beträchtliche Gewinne versprochen. Dies verleitet zum Eingehen unangemessen hoher Risiken. Das Ergebnis ist, dass die Firmen jener wirtschaftlicher Energien beraubt werden, die ihnen eine Zukunftsperspektive hätten geben können.

All das fördert die Entstehung und Verbreitung einer Kultur, die zutiefst amoralisch ist. In dieser Kultur schreckt man oft nicht davor zurück, Verbrechen zu begehen, solange der erhoffte Vorteil größer ist als die zu erwartende Strafe. Eine solche Kultur schadet ernsthaft der Gesundheit jedes marktwirtschaftlichen Systems, weil sie sein Funktionieren und die wirksame Umsetzung des Gemeinwohls gefährdet, das die notwendige Grundlage jeder Form des Miteinander ist.
Dringlich geboten erscheinen deshalb eine ehrliche Selbstkritik und eine Trendwende in Richtung einer Unternehmens- und Finanzkultur, die all jene Faktoren berücksichtigt, die das Gemeinwohl ausmachen. Das bedeutet beispielsweise, dass man die Person und die Qualität der Beziehungen zwischen den Personen in den Mittelpunkt der Unternehmenskultur stellt. Wo das geschieht, können die Unternehmen eine Art sozialer Verantwortung praktizieren, die nicht bloß etwas Zufälliges oder Nebensächliches ist, sondern von innen her jede ihrer Handlungen beeinflusst und diesen eine soziale Ausrichtung gibt.

Genau hier kann der natürliche Kreislauf von Profit – notwendiger Bestandteil, ohne den kein Wirtschaftssystem auskommen kann – und sozialer Verantwortung – wesentliche Voraussetzung für das Überleben jeder Form von zivilem Zusammenleben – seine ganze Fruchtbarkeit und das unauflösbare Band zutage treten lassen, das zwischen einer den Menschen und das Gemeinwohl respektierenden Ethik und dem tatsächlichen Funktionieren jedes Wirtschafts- und Finanzsystems besteht – ein Band, das die Sünde zu verdunkeln droht. Begünstigt wird dieser positive Kreislauf etwa durch das Streben nach einer Verminderung des Risikos von Konflikten mit den Stakeholders wie auch durch eine möglichst starke Förderung der Motivation der Angestellten eines Unternehmens.

Hier muss überzeugend dargelegt werden, dass die Schaffung von Mehrwert, die das Hauptziel des Finanzwirtschaftssystems ist, in einem auf eine ehrliche Suche nach dem Gemeinwohl gegründeten und deshalb soliden ethischen System wirklich praktikabel ist. Nur der Anerkennung und Umsetzung des inneren Bandes zwischen wirtschaftlicher und ethischer Vernunft kann nämlich ein Wohl erwachsen, das allen Menschen zugutekommt45. Denn auch der Markt braucht für sein gutes Funktionieren anthropologische und ethische Grundlagen, die er sich nicht selber geben und die er nicht hervorbringen kann.

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