Der Verlierer ist Europa. Gustav Horn

Das Kreuz darf kein Symbol nationalistischen Egoismus werden

Das Kreuz taugt nicht als verlängerter Arm einer Politik der Ausgrenzung oder des nationalistischen Egoismus. Das Kreuz lässt sich auch nicht auf bayerische Folklore reduzieren. Das Kreuz ist nicht nur Etikett oder Ausweis einer bestimmten Identität, sondern Erinnerung an den Lebensweg Jesu.

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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

in der heutigen Kabinettssitzung wurde beschlossen, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde in Bayern ein Kreuz hängen soll. Sie sehen darin ein „klares Bekenntnis zu unserer bayerischen Identität und christlichen Werten“.

Im Anschluss an die Sitzung haben Sie sich beim Aufhängen eines Kreuzes im Eingangsbereich der Staatskanzlei forografieren lassen.

Ich habe in den vergangenen Wochen immer wieder mit Christinnen und Christen gesprochen – darunter waren junge Menschen in der Katholischen Hochschulgemeinde, aber auch zahlreiche Priester, Ordensleute und evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer. Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden. In unserer Wahrnehmung wird das Christentum zunehmend von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben. Über diese Entwicklung bin ich gemeinsam mit vielen anderen sehr besorgt.

Das Kreuz taugt jedoch nicht als verlängerter Arm einer Politik der Ausgrenzung oder des nationalistischen Egoismus. Das Kreuz lässt sich auch nicht auf bayerische Folklore reduzieren. Das Kreuz ist nicht nur Etikett oder Ausweis einer bestimmten Identität, sondern Erinnerung an den Lebensweg Jesu, dessen grenzenlose Liebe und dessen besondere Parteinahme für Ausgegrenzte ihn letztlich ans Kreuz brachten. Es ist zugleich Verpflichtung, diesen Weg Jesu heute weiterzugehen.

Ich bitte Sie eindringlich: Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam. Stärken Sie alsMinisterpräsident das Verbindende zwischen allen Menschen, die hier leben!

Handeln Sie in diesem Sinne wirklich christlich. Demonstrieren Sie nicht nicht Christlichkeit, sondern praktizieren Sie diese!

Ein erster Schritt könnte sein, dass Sie die Abschiebungen von Geflüchteten nach Afghanistan aussetzen. Diese sind zutiefst inhuman und unchristlich, denn sie setzen Menschen lebensbedrohlichen Gefahren aus.

Ich wiederhole an dieser Stelle, was ich bereits im Herbst 2017 – in Anlehnung an eine Äußerung von Kardinal Marx – zugespitzt so formuliert habe: Ich pfeife auf ein ‚christliches Abendland‘ mit Schulkreuzen an der Wand, Burkaverbot, mit all seinen christlichen Feiertagen und seiner behaupteten ‚Leitkultur‘, das Menschen bewusst in Lebensgefahr abschiebt oder zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken lässt. Die Kreuze in den Gerichtssälen und Schulen würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten!

Treten Sie in einen offenen Dialog darüber ein, worin denn die christlichen Werte bestehen, von denen Sie heute gesprochen haben, anstatt einseitig als Ministerpräsident das Christliche zu definieren! Kommen Sie mit in Bayern lebenden Muslimen ins Gespräch – mit dem Ziel, für die demokratische Gesellschaft, in der wir leben, zu werben, anstatt sie ihnen mit Drohgebärden entgegenzuhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Burkhard Hose

Hochschulpfarrer

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Open Doors, Rudolf Brandner, Daniyel Demir.

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