Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht blöder. Guido Westerwelle

Unten ohne ist nicht drin

Nein, egal wie oft es behauptet wird, die Zahl der Neuinfektionen mit dem HI-Virus steigt nicht. Auch dramatische Reportagen ändern an den Fakten nichts. Anstelle der Sorglosigkeit sind komplexe Risikomanagementstrategien getreten.

Alle Jahre wieder beginnt das gleiche Trauerspiel: Anlässlich des Welt-Aids-Tages machen sich Journalisten auf die Suche nach dramatischen Geschichten. Heraus kommt dabei oft die immer gleiche schlechte Nachricht: Die Infektionszahlen steigen, weil sich angesichts der heute verfügbaren Therapien immer weniger Leute vor HIV schützen. Es grassiert eine "neue“ oder "zunehmende Sorglosigkeit“.

Die Beliebtheit dieser These ist erstaunlich, denn sie ist schlicht falsch. Wahr ist: Die Infektionszahlen sind seit einigen Jahren stabil. Das Schutzverhalten ist nach zahlreichen Studien ungebrochen hoch und keineswegs von Sorglosigkeit geprägt.

Komplexes Ursachenbündel

Wahr ist auch: Die Infektionszahlen sind in den ersten Jahren des letzten Jahrzehnts gestiegen, bei den Männern, die Sex mit Männern haben, bis 2007. Dieser Anstieg ist auf ein komplexes Ursachenbündel zurückzuführen. Dazu beigetragen hat zum Beispiel die Zunahme der Syphilis; sie erhöht die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV.

Hinzu kommt, dass sich Safer Sex "individualisiert“ hat. Um sich Bedürfnisse nach Sex ohne Kondom zu erfüllen, wenden Männer verschiedene andere Strategien an, um sich zu schützen. Das ist verständlich, denn wer will schon ein Leben lang Präservative benutzen? Heterosexuelle Paare würden sich bedanken, schlüge man ihnen derlei vor.

Auch schwule Männer versuchen abzuschätzen, wann ein Gummi nötig ist und wann nicht. Eine beliebte Strategie ist die "ausgehandelte Sicherheit“: Nach einem gemeinsamen HIV-Test wird in Partnerschaften auf Kondome verzichtet. Bei Kontakten außerhalb der Beziehung gelten gegebenenfalls die klassischen Safer-Sex-Regeln.

Beim Sex finden komplizierte Entscheidungsprozesse statt

Möglich geworden sind solche Risikomanagementstrategien tatsächlich durch die Verminderung der Angst aufgrund der HIV-Therapien. Aber halten wir doch bitte fest: Dass Angst in der Sexualität wieder eine geringere Rolle spielt, ist höchst erfreulich!

Mit Sorglosigkeit hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Beim Sex finden komplizierte Entscheidungsprozesse statt, in denen die Männer versuchen, den Wunsch nach ungebremster Sexualität mit der Sorge (sic!) um die Gesundheit in Einklang zu bringen. Wer dieses Bemühen als "Sorglosigkeit“ abqualifiziert, verspielt damit jeden Einfluss in der Zielgruppe, denn Prävention muss immer im realen Leben andocken.

Die Wissenschaft empfiehlt, Risikomanagementstrategien ohne erhobenen Zeigefinger aufzugreifen und auf mögliche Fehler bei der Risikoabschätzung hinzuweisen. So wird zum Beispiel im Rausch der Verliebtheit in manchen Fällen auf Kondome verzichtet, obwohl noch kein stabiles Vertrauensverhältnis besteht – manchmal sogar ohne HIV-Test. Einige Männer stützen sich gar auf Mythen wie "HIV ist ein Problem von Großstädtern“ oder "Beim Analverkehr kann sich der eindringende Partner nicht infizieren“. Diese Mythen gilt es durch Fakten zu ersetzen.

Die Rede von der "Sorglosigkeit“ hingegen ist brandgefährlich, denn auch viele schwule Männer glauben daran. Aus der Psychologie wissen wir, dass Menschen dazu neigen, ihr Verhalten dem angenommenen Verhalten der Mehrheit anzupassen. Sorglosigkeit zu beklagen könnte also dazu beitragen, dass sie entsteht – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung!

Die Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU der Deutschen AIDS-Hilfe geht schon seit 2008 den entgegengesetzten Weg: offene und differenzierte Kommunikation. HIV-negative und HIV-positive Rollenmodelle berichten von ihrem Umgang mit Liebe und Sex, Risiko und Schutz – mit allen Stärken und Schwächen, die Menschen nun einmal haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Kathrin Bever, Gita Ramjee.

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