Da Daten keine Sachen sind, kann man sie nicht stehlen. Beate Merk

Ingo Friedrich. Ein überzeugter Europäer

Nach fast 40 Jahren Engagement für Europa sagt Ingo Friedrich heute nachdenklich: „Also leicht ist diese europäische Einigung nicht." Aber trotz aller Verwerfungen, mit der die EU immer wieder zu kämpfen hat, ist er letztlich optimistisch, was den Fortgang des europäischen Einigungsprozesses angeht.

Sie weht an Gedenktagen über öffentlichen Gebäuden von Helsinki bis nach Athen, flattert neben der schwarz-rot-goldenen Bundesflagge auf dem Berliner Reichstag im Wind1 und wird von Bürgern geschwenkt, die als „Pulse of Europe“ für ein starkes Europa demonstrieren:2 Die Europafahne mit dem goldenen Sternenkranz auf blauem Grund ist aus dem öffentlichen Raum kaum mehr wegzudenken. Dass die EU dieses starke Emblem besitzt, hat sie dem CSU-Politiker Ingo Friedrich zu verdanken, der 30 Jahre Abgeordneter des Europaparlaments war, davon 8 Jahre dessen Vizepräsident.

Dabei wollte der Mann aus Mittelfranken eigentlich in den Bundestag. Als CSU-Vorsitzender im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Bezirksvorsitzender der Jungen Union und Mitglied des Stadtrats und des Kreistags standen seine Chancen recht gut, bei den Bundestagswahlen 1980 ein Mandat zu erringen. Das EU-Parlament galt hingegen damals als ziemlich unattraktiv: Es hatte kaum Kompetenzen und seine Abgeordneten wurden nicht von den Bürgern gewählt, sondern von den nationalen Parlamenten nach Straßburg geschickt. „Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“, spottete der Volksmund und spielte damit auf das Image des EU-Parlaments an, Entsorgungsstätte für Altpolitiker und zahnloser Debattierclub zu sein.3 Aber 1979 wurde das Parlament erstmals direkt von der Bevölkerung der damals neun EG-Staaten gewählt und hat sich seitdem beständig neue Rechte erkämpft. Dass es heute eine mächtige Institution ist, die die EU volksnäher und demokratischer gestaltet hat, liegt auch an engagierten Politikern wie Ingo Friedrich, die ihre Chance zur Mitgestaltung erkannt und ergriffen haben.

Als Franz-Josef Strauß den Nachwuchspolitiker Friedrich fragte, ob er 1979 statt in den Bundestag nicht für die CSU ins Europaparlament wolle – er spreche doch Englisch und Französisch und arbeite bei einem internationalen Konzern – , hatte er sechs Wochen Bedenkzeit. Seine Entscheidung traf er dann mehr aus dem Bauch heraus: Die Internationalität, Brüssel, Straßburg, die Sprachen, das Reisen entsprachen seinem Naturell mehr als eine Tätigkeit im eher provinziellen Bonner Bundestag: „Das Internationale war für mich noch ein Stück interessanter als die deutsche Politik“, erklärt er rückblickend4. Ein bisschen war auch die Europakarte schuld, die in den 1960er Jahren im kleinen Textilgeschäft seiner Eltern am Marktplatz in Gunzenhausen an der Wand hing. Waren die Eltern unterwegs, machte der Bub Ingo seine Hausaufgaben am Ladentisch und verkaufte zwischendurch Socken und Pullover. Dabei blieb sein Blick immer wieder auf der Europakarte hängen, in deren Zentrum Straßburg lag: „Straßburg als Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich hat mich schon als Jugendlicher fasziniert“, erläutert Ingo Friedrich: „Das wurde dann irgendwie zu meinem Traum: Da möchte ich hin!“5

Herkunft und Weg nach Europa

Dabei war dem 1942 geborenen Ingo Friedrich die Europapolitik nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Seine Eltern waren Textilkaufleute mit vier kleinen Läden in den mittel- und unterfränkischen Orten Gunzenhausen, Roth, Schwabach und Haßfurt. Aber als er mit acht Jahren nach seinem Berufswunsch gefragt wurde und erfuhr, dass er wegen fehlender Geburt in der USA nicht US-Präsident werde durfte, verkündete der kleine Ingo selbstbewusst: „Wenn ich nicht Präsident von Amerika werden kann, dann will ich Präsident von Europa werden!“ Mit 17 Jahren beantwortete er dieselbe Frage schon sachlicher mit „Diplomat oder Politiker“ und verfolgte diesen Weg zielstrebig: Er trat in die CSU ein, wurde 1963 Mitglied des Bezirksvorstands der CSU Mittelfranken und 1968 Bezirksvorsitzender der Jungen Union Mittelfranken. Nach Abitur (1961) und Wehrdienst (1961–1963) studierte Ingo Friedrich als Stipendiat der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ Volkswirtschaftslehre, machte 1967 sein Examen und promovierte 1971 zum Dr. rer. pol. Er wurde Direktionsassistent in einem SEL-Werk in Gunzenhausen und 1978 Leiter des Stuttgarter Vorstandsbüros.

Ingo Friedrich entschied sich 1979 also für Straßburg statt für Bonn. Mit 37 Jahren wurde er einer der jüngeren Abgeordneten des erstmals direkt gewählten Europaparlaments, dessen Altersdurchschnitt mit knapp 53 Jahren recht hoch lag. Zu seinen älteren Kollegen zählten so altbekannte Politiker wie die ehemaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU) aus Bayern und Kai-Uwe von Hassel (CDU) aus Schleswig-Holstein, aber auch der hochgeachtete SPD-Vorsitzende und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt. Denn im Ruf des Parlaments als Hort des politischen Vorruhestandes steckte ein wahrer Kern: Die älteren Politiker betrachteten ein europäisches Mandat vielfach als Abrundung und Ende ihrer Karriere.6 Die rund 20 jüngeren Abgeordneten zwischen 30 und 38 Jahren standen hingegen erst am Anfang ihrer Laufbahn und wollten Einfluss auf das politische Geschehen nehmen und etwas bewegen. Um ihre Position in Parlament zu stärken, gründeten sie fraktionsübergreifend die Gruppe der jungen Abgeordneten, zu der auch Ingo Friedrich gehörte.7

Die Europafahne

Zu den ersten Initiativen, die Ingo Friedrich mit seinen Mitstreitern im Parlament anstieß, gehörte die Europäische Fahne. In Europa herrschte damals das reinste Flaggenchaos, denn jede europäische Institution besaß ihr eigenes Emblem: Die damalige EG-Kommission führte ein rundes E, das Parlament einen stilisierten Lorbeerkranz mit den Buchstaben „EP/PE“ und nur der Europarat verwendete seit 1955 die zwölf goldenen Sterne auf blauem Tuch.8 Die Beratende Versammlung des Europarates hatte zwar 1955 die anderen europäischen Institutionen aufgefordert, dieselbe Flagge anzunehmen9, aber daraus war nichts geworden.

Ingo Friedrich wollte nun eine Corporate Identity für das geeinte Europa schaffen. Er war davon überzeugt, dass ein gemeinsames Symbol dazu beitragen würde, die Identifikation der Bürger mit der Europäischen Gemeinschaft zu stärken. Nur wenige Monate nach der Konstituierung des EG-Parlaments im Oktober 1979 brachte eine Gruppe von 18 Abgeordneten unter seiner Federführung den Antrag ein, die damalige Flagge des Europarates als gemeinsames Emblem für alle europäischen Institutionen einzuführen.10

Die Initiative stieß auf erheblichen Gegenwind: „Widerstand kam z.B. aus Holland“, erinnert sich Ingo Friedrich: „Die haben gesagt, wir sollen was Gescheites machen, nämlich Arbeitsplätze schaffen und so und nicht so einen Mist, über eine Flagge zu diskutieren.“ Kollegen aus dem laizistischen Frankreich lehnten den religiösen Bezug in der Fahnensymbolik ab, weil der Sternenkranz mit den zwölf Sternen ursprünglich aus der Offenbarung des Johannes stamme – zumindest nach konservativ-katholischer Lesart – und seit 1956 in einem Glasfenster im Straßburger Münster als Marienkrone gezeigt werde.11 Und schließlich gab es die Flagge ja schon beim Europarat: „Wir mussten dem Europarat die Flagge sozusagen erst mal abhandeln“, so Friedrich.

Das dauerte eine Weile: „Da wurde immer weiter diskutiert“, erinnert sich Ingo Friedrich: „Insgesamt waren es vier Jahre Diskussion, weil immer wieder neue Aspekte aufkamen“. Diskutiert wurde insbesondere über die Bedeutung der zwölf Sterne:12 Schon der Europarat hatte Anfang der 1950er Jahre darüber gestritten, ob sich ihre Zahl nach der Zahl der Mitgliedsländer richten sollte (deren Zahl wegen der ungewissen Zukunft des Saarlandes nicht einmal feststand) und sich dagegen entschieden. Stattdessen wählte man die Zahl Zwölf als altes Symbol für Vollkommenheit und Vollständigkeit. Der Sternenkranz sollte alle Völker Europas verkörpern, „auch diejenigen, welche an dem Aufbau Europas in Einheit und Frieden noch nicht teilnehmen können“, hieß es in der Begründung.13 Im Europäischen Parlament wurde nun erneut darüber diskutiert, und schließlich mussten auch der Europarat, dem die Rechte an der Fahne bisher zustanden, weitere Organe der Europäischen Gemeinschaft und die Mitgliedsländer zustimmen. In einer feierlichen Zeremonie wurde die Flagge am 29. Mai 1986 in Brüssel als übergeordnetes Symbol aller Institutionen der EG für verbindlich erklärt.

Ingo Friedrich erinnert sich gut an die Zeremonie, bei der er neben seinem Mentor Otto von Habsburg (1912–2011) stand: „Als dann die Flagge hochgezogen wurde, hab ich zu ihm gesagt: ‚Na kaiserliche Hoheit, Sie haben immer so gelächelt, wenn ich so für die Flagge gekämpft habe. Warum eigentlich?‘ Sagt er: ‚Ja, weil Sie als Lutheraner gar nicht gemerkt haben, dass Sie ein Mariensymbol zur Flagge Europas gemacht haben‘.“ Rein zufällig stimmte die Zahl der zwölf Sterne zu diesem Zeitpunkt aber auch mit der Zahl der EG-Mitgliedsstaaten überein.14

Mehr Transparenz

Um bei den Bürgern mehr Vertrauen in die Europäischen Institutionen und Rückhalt für den europäischen Einigungsprozess zu schaffen, setzte sich Friedrich in den nächsten Jahren für Kontrollmechanismen ein, die die Zweckentfremdung von Mitarbeiterpauschalen und Spesenmissbrauch verhindern sollten. Als Quästor und Präsidiumsmitglied war er maßgeblich daran beteiligt, dass 2009 die Vergütung der EU-Abgeordneten einheitlich geregelt wurde. Zuvor variierte die Vergütung der Parlamentarier je nach Mitgliedsland ganz erheblich, nun erhielten sie dieselbe Summe. Auch die Pauschalen für Flugreisen wurden abgeschafft und die Flüge nun genau abgerechnet. Außerdem kämpfte Friedrich erfolgreich dafür, dass Abgeordnete keine nahen Verwandten mehr als Mitarbeiter beschäftigen durften.15

Zu den wichtigen Transparenz-Initiativen der EU, die mit dem Namen Ingo Friedrichs verbunden sind, gehört auch die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Lobby-Registers für Parlament und Kommission. 15.000 bis 30.000 Interessenvertreter arbeiten in Brüssel – mehr als in jeder anderen europäischen Hauptstadt. In der Öffentlichkeit gelten sie vielfach als geheime Strippenzieher im Hintergrund, aber tatsächlich könnten Gesetze für komplexe Sachgebiete ohne ihr Fachwissen gar nicht geschrieben werden. Zudem haben nicht nur die Industrieverbände ihre Lobbyisten, sondern auch NGOs wie Greenpeace oder Transparency International, und auch Kirchen oder Gewerkschaften vermitteln den Abgeordneten ihre Sicht der Dinge. Friedrichs Linie lautete daher: „Kommission und Europäisches Parlament brauchen die Expertise von Lobbyisten. Aber deren Einflussnahme muss fair, offen und transparent erfolgen.“

Das Europäische Parlament übernahm beim Kampf für mehr Transparenz eine Vorreiterrolle: Schon 1996 führten die Abgeordneten ein Lobby-Register und einen Verhaltenskodex für Interessenvertreter ein. Nur wer auf dieser Liste stand, durfte das Parlamentsgebäude betreten. Die Kommission machte zunächst nicht mit, sondern führte 2008 ihr eigenes Transparenz-Register ein. Als Berichterstatter des Parlaments forderte Friedrich daraufhin, eine gemeinsame und verpflichtende Transparenz-Liste für alle EU-Institutionen zu schaffen, und schlug vor, dazu eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu bilden.16 Das Europäische Parlament entsandte ihn zu diesen Gesprächen als Vertreter.

Am Ende der Verhandlungen stand 2015 das gemeinsame EU-Transparenzregister (auch: EU-Lobbyregister) des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission zur Registrierung von Interessenvertretern: Lobbyisten, die Kontakt zu den beiden Institutionen suchen, sollen Informationen über ihre Aktivitäten bereitstellen und verpflichten sich zur Einhaltung eines Verhaltenskodex. Ihre Angaben sind in einer öffentlich zugänglichen Datenbank gespeichert (ec.europa.eu/ transparencyregister).17 Im September 2017 waren bereits mehr als 11.440 Akteure registriert.18
Nicht durchsetzen konnten sich Ingo Friedrich und seine Kollegen allerdings mit der Forderung, den Eintrag in das Register verpflichtend zu machen. Die Juristen der Kommission befanden, dass ein Registrierungszwang demokratischen Prinzipien widerspräche. Dennoch betrachtet Friedrich die Regelung als großen Erfolg: „Faktisch ist es jetzt so, dass hohe Beamte, insbesondere Kommissare, nur mit Unternehmen Kontakt haben dürfen, die in der Lobbyliste auftauchen. Wenn jemand erwischt werden würde, der da ausschert, wäre das ein Riesenskandal.“ Besonders wichtig findet er, dass die Daten öffentlich frei einsehbar sind, weil Entscheidungen für die Bürger so transparenter und nachvollziehbarer werden.

Europäische Mittelstandspolitik

Neben der europäischen Einigung gibt es ein zweites Themenfeld, das Friedrich sein ganzes Leben lang begleitet hat und ihn bis heute beschäftigt: Die Probleme des Mittelstandes. In seiner Jugend hatte Ingo Friedrich erlebt, wie ihr Textilhandel seine Eltern rund um die Uhr forderte und auch den Alltag der drei Söhne prägte, die oft im Laden aushelfen mussten: „Wir haben Früh, Mittag und Abend natürlich nur über´s Geschäft gesprochen. Da hab ich gemerkt, wie schwierig es ist, ein mittelständisches Unternehmen über die Runden zu bringen. Dauernd Probleme mit der Bank, mit den Kunden, mit den Lieferanten, mit dem Zahlen, mit der Mehrwertsteuer“, erzählt Ingo Friedrich im Interview. Nach seiner Hochzeit mit der Apothekertochter Britta Winkler (geb. 1947 in Gunzenhausen) half der Volkswirtschafts-Student seinem Schwiegervater bei den Bilanzen. Nach seinem Studium wurde er Direktionsassistent im Gunzenhausener Werk des Elektronikunternehmens Standard Elektrik Lorenz, in dem damals 1.600 Menschen arbeiteten. Mit insgesamt 35.000 Mitarbeitern war es zwar ein großer Betrieb, aber noch lange kein Riesenkonzern. Friedrich stieg zum Leiter des Vorstandsbüros in Stuttgart auf, bevor er dann nach Brüssel in die Politik wechselte.

Dort musste er feststellen, dass lediglich die Großunternehmen über eine gut ausgebaute Lobby verfügten, während es kaum eine Interessenvertretung des Mittelstandes gab. Ingo Friedrich machte es sich zur Aufgabe, bessere Rahmenbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe zu schaffen und begann, sich in einer Reihe europäischer Mittelstandsorganisationen zu engagieren: Er gründete einen parteiübergreifenden Arbeitskreis Mittelstand im europäischen Parlament, aus dem 1991 unter seinem Gründungsvorsitz die „Europäische Mittelstandsvereinigung“ (EMI EWIV) hervorging. Von 1984 bis 1990 war er Präsident der „Europäischen Mittelstands-Union“ (EMSU), von 1990 bis 1999 Präsident des „Europäischen Mittelstandsforums“ und 1991 gründete er den parteiübergreifenden „Diskussionskreis Mittelstand im Europäischen Parlament“.

Für seine Verdienste um Europa und die mittelständische Wirtschaft wurde Ingo Friedrich vielfach ausgezeichnet. So erhielt er u.a. 2007 den Europäischen Elite-Mittelstandspreis/The European SME Award und für seine Verdienste um Europa u.a. den Luxemburgischen „Prix du Mérite Européen“ in Gold. Für sein außergewöhnliches Engagement für Bayern und Deutschland erhielt er außerdem 1986 den bayerischen Verdienstorden und 2004 das Große Bundesverdienstkreuz.

Aus der oben erwähnten Ehe mit der Gunzenhausener Apothekerstocher gingen zwei Kinder hervor: Die 1970 in Treuchtlingen geborene Tochter Christina, verh. Andrich, arbeitet heute beim Patentamt in München, der 1972 ebenfalls in Treuchtlingen geborene Sohn Dr. Jörg-Michael Friedrich ist Abteilungsleiter in einem deutschen Elektrokonzern in München.

Der Europäische Wirtschaftssenat

Auch wenn Friedrich mit inzwischen 67 Jahren bei den Europa-Wahlen 2009 nicht wieder antrat, engagiert er sich doch weiterhin für seine beiden Lebensthemen Europa und Mittelstand: So übernahm er 2009 die Präsidentschaft des Europäischen Wirtschaftssenats e.V. (EWS), den 2003 der frühere Präsident des Europäischen Rechnungshofes Bernhard Friedmann gegründet hat. Der EWS ist ein überparteiliches und branchenübergreifendes Gremium europäischer Unternehmer und anderer Persönlichkeiten, die mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen politische Entscheidungsträger informieren und unterstützen wollen. Zu ihnen gehören Führungskräfte aus der mittelständischen Wirtschaft ebenso wie Manager von Global Playern, beispielsweise Regine Sixt vom Mobilitätsdienstleister Sixt, Bernhard Lienhard als Chefsyndikus des Reiseveranstalters Thomas Cook, Hagen Rickmann von der Deutschen Telekom oder die Deutsche Börse und Porsche. Aus der Politik engagieren sich hier EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der russische Gesandte in Berlin Oleg Krasnitskiy oder der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, heute Aufsichtsratsvorsitzender von UBS-Europe. „Unternehmer sollen die Gelegenheit haben, drei- oder vier Mal im Jahr mit politischen Entscheidungsträgern persönlich zu diskutieren und ihre Ideen weiterzutragen“, erläutert Friedrich die zentrale Idee. Die Mitgliederzahl des EWS ist auf 300 Personen begrenzt; aus jedem Branchensegment ist ein Unternehmen Mitglied. Zudem kann man dem EWS nicht einfach beitreten, sondern wird berufen. Das macht die Mitgliedschaft begehrt.19

Fünf bis sechs Mal im Jahr lädt der EWS seine „Wirtschaftssenatoren“ ein und bietet ihnen die Möglichkeit, mit politischen EU-Entscheidungsträgern zu diskutieren und ihnen Ideen zu präsentieren. Der EWS spricht beispielsweise mit der britischen Premierministerin Theresa May über den Brexit und mit italienischen Politikern über die europäische Einwanderungs- und Migrationspolitik. Auch mit der Deutschen Bundesbank, der Europäischen Zentralbank und EU-Kommissaren gab es Diskussionsabende.

Hat das Erfolg? Ingo Friedrich ist optimistisch: „Die Unternehmer entwickeln mit den Gesprächen ein Gefühl für die Realität des 21. Jahrhunderts, so dass sie mit mehr Wissen auch adäquatere Entscheidungen für ihr Unternehmen treffen können“, erläutert er: „Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Der zweite Erfolg ist, dass sich viele Unternehmer über den EWS miteinander vernetzt haben. Und der Dritte ist, dass die Unternehmer oft tagelang positiv über die Treffen berichten und sich selber motiviert fühlen, dem europäischen Einigungsprozess Erfolg zu wünschen. Übrigens sagen auch Minister oder Kommissare nach einem Gespräch mit dem Senat oft, dass sie Dinge mitgenommen haben, die sie die Realität klarer sehen lassen.“20

h6, Die Münchner Europa Konferenz

Neben seinem Engagement beim EWS ist Ingo Friedrich auch Vorstandssprecher und Mitinitiator der „Münchner Europa Konferenz“, einem politisch unabhängigen und überparteilichen Gesprächsforum, das seit 2015 immer am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz tagt. „Wir haben als engagierte Europäer immer wieder diskutiert, was kann man tun, um das öffentliche Bild von Europa zu verbessern, um Europa dem Bürger nahe zu bringen. Das hat ja gerade für uns Deutsche so zentrale Bedeutung“, erinnert sich Ingo Friedrich an die Anfänge: „Wir haben in Martin Schoellers Ferienhaus stundenlang diskutiert und da gab es x Vorschläge. Und irgendwann kamen wir dann zu dem Schluss: Der einzige realistische Vorschlag ist, wir machen eine Konferenz, zu der wir Opinion Leader einladen, denen wir Top-Informationen geben, die sie dann breit streuen.“ Es gelang den Initiatoren um Ingo Friedrich und den Münchner Unternehmer Martin Schoeller, den Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger für ihre Idee zu gewinnen: „Der hat gesagt: Gut, könnt ihr gerne machen. Ich reserviere euch den Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz für die Münchner Europa Konferenz.“21

Während die EU mit Euro-Rettung, Griechenlandkrise und Brexit die größte Krise ihrer Geschichte erlebt, möchten die Veranstalter nach vorne blicken und nach Auswegen suchen, Impulse geben und ein neues Gespür für Europa entwickeln. 2016 diskutierten der ehemalige griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou, der damalige Präsident des IfO-Instituts Hans-Werner Sinn und der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio zum Thema „Europa – die Krise als Chance“. 2017 saßen unter der Überschrift „Europa stärken und zukunftsfähig machen“ Friedrich Merz, Vorsitzender der Atlantik-Brücke, und Gerhard Cromme, Vorsitzender des Siemens-Aufsichtsrats, auf dem Podium und im Saal 200 lauschten handverlesene Gäste und diskutierten anschließend mit. Redner waren auch Präsident Jean-Claude Juncker, Wolfgang Schüssel, Christian Wulff und EVP-Fraktionsvorsitzender Manfred Weber. Zum Vorsitzenden wurde der langjährige Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel gewählt.

Nach fast 40 Jahren Engagement für Europa sagt Ingo Friedrich heute nachdenklich: „Also leicht ist diese europäische Einigung nicht. Ist schon verdammt schwierig. Verdammt schwierig.“ Aber trotz aller Verwerfungen, mit der die EU immer wieder zu kämpfen hat, ist er letztlich optimistisch, was den Fortgang des europäischen Einigungsprozesses angeht: „Wir haben uns nicht vorgestellt, dass man mit der EuropaKonferenz die Welt verändert. Aber es sind Impulse. Und die Debatte wird dadurch erleichtert, dass es nach dem Brexit ein neues Gespür für Europa gibt. Davor haben wir immer nur die Nachteile der EU gesehen, die Vorteile aber als normal hingenommen. Und jetzt erkennt man plötzlich ganz deutlich die Vorteile des Europäischen Projektes.“ Eines von vielen Anzeichen dafür seien die Tausenden „PulseofEurope“-Anhänger, die für den Bestand der EU demonstriert haben – mit Ingo Friedrichs blauer Europaflagge mit den zwölf Sternen in den Händen.

Text und Redaktion: Wibke Schmidt und Dirk Reder, Geschichtsbüro Reder, Roeseling & Prüfer, www.geschichtsbuero.de

1 https://blogfraktion.de/2011/07/06/euroflagge/

2 Vgl. z.B. Flagge zeigen für Europa, in: FAZ vom 02.04.2017

3 Bledar Milaqi, EU-Lobbying zwischen Interessenvertretung und Korruption (Masterarbeit), Hamburg 2015, S. 36 (spricht von „Hort der Verbannung lästiger Politiker“)

4 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 4

5 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 3f.; Interview mit Ingo Friedrich 21. Mai 2015, S. 2

6 Uli Hausner, Karrieredestination Europäisches Parlament. Konservativ-christliche und grüne Abgeordnete im Vergleich, Regensburg 2016, S. 297.

7 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 5f.

8 Günter Buchstab, Der lange Weg zur Europaflagge, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Die politische Meinung, Nr. 474 (2009), S. 25-29, S. 27f.; vgl. auch „Die Europäischen Sterne haben ihren Ursprung in Bayern“, in: Die Welt 5.05.2001 (enthält allerdings einige falsche Angaben)

9 https://de.wikipedia.org/wiki/Europaflagge

10 Günter Buchstab, Der lange Weg zur Europaflagge, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Die politische Meinung, Nr. 474 (2009), S. 28

11 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 9; https://de.wikipedia.org/wiki/Europaflagge

12 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 10.

13 Günter Buchstab, Der lange Weg zur Europaflagge, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Die politische Meinung, Nr. 474 (2009), S. 26.

14 Günter Buchstab, Der lange Weg zur Europaflagge, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Die politische Meinung, Nr. 474 (2009), S. S. 28f.

15 „EU-Parlament: Einheitliche Gehälter ab 2009“, in: Die Presse 29.05.2008; „Aus für Vetternwirtschaft“, in: Die Welt 5.08.2008; „Per „Ehrenkodex“ in die Business-Class“, in: FAZ 29.01.2008; https://www.news.at/a/nach-skandal-mitarbeitergehaelter-eu-abgeordnete-missbrauch-201618

16 http://www.euractiv.de/section/public-affairs/linksdossier/die-eu-transparenzinitiative-de/

17 http://www.euractiv.de/section/public-affairs/linksdossier/die-eu-transparenzinitiative-de/

18 https://lobbypedia.de/wiki/Lobbyregister_EU

19 http://www.lz.de/lippe/lage/6563738_Lagenser-Unternehmer-darf-sich-nun-Senator-nennen.html; ähnlich: http://weimar.tlz.de/web/weimar/startseite/detail/-/specific/Weimarer-Unternehmer-in-Europaeischen-Wirtschaftssenats-berufen-678295757, http://www.crn.de/software-services/artikel-81145.html

20 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 22.

21 Interview mit Ingo Friedrich (Bensberg 2.5.2017), S. 14f.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Sebastian Dullien, Florian Spichalsky.

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