Der Zauberlehrling Jan Böhmermann

von Dirk Maxeiner13.04.2016Innenpolitik

Vor unser aller Augen entfaltet sich derzeit ein schönes Beispiel dafür, wie sich ein scheinbar kleiner Anlass plötzlich zu einer Staatsaffäre ausweitet. Ausgerechnet Jan Böhmerman könnte zum Stolperstein für Angela Merkel werden.

Da war zunächst ein harmloses, satirisches Liedchen, das der NDR ausstrahlte – und das Herrn Erdogan und seine Entourage offenbar bis aufs Messer reizte (altes deutsches Sprachbild, insofern unschuldig). Der deutsche Botschafter wurde einbestellt, was dieser unvorsichtigerweise nach außen kommunizierte. Der Fall machte eine Menge Radau und inspirierte Jan Böhmermann dazu noch eine Schippe draufzulegen. Mit seinem Brutalo-Gedicht griff er maximal ins Gemächt des Sultans vom Bosperus, aber gleichsam mit Ansage. Eine Satire auf die Satire sozusagen.

Doch dann passierte etwas, womit auch Böhmermann, der vielleicht auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit abgreifen wollte, wohl nicht gerechnet hatte. Er ist ja eigentlich einer von den „Guten“ – und bislang eher auf wohlfeilen Widerstand gegen das meist rechtsdrehende „Böse“ abonniert. Kostet nix und man hat die Lacher des politisch korrekten Betriebes zuverlässig auf seiner Seite. Das ist diesmal anders.
Die Türkei fordert jetzt die Bestrafung des Fernseh-Menschen. Die Lacher von der politisch korrekten Seite sind eher verhalten. Und Böhmermann selbst weiß offenbar auch nicht so richtig, wie er mit der Sache umgehen soll, jedenfalls schweigt er. Statt dessen solidarisieren sich Persönlichkeiten wie Springer-Chef Mathias-Döpfner mit ihm – und zwar Wort für Wort.

Merkel hat ein Problem

Frau Merkel, die sich bislang stets auf ihre Öffentlich-Rechtlichen verlassen konnte, hat jetzt ein veritables Problem. Der vorauseilende Gehorsam, mit dem der Böhmermann-Beitrag entfernt wurde, brachte die Sache ja erst richtig in Schwung. Und die Erdogan-Truppe fordert gewissermaßen die Abschaffung der deutsche Presse- und Meinungsfreiheit – wobei Böhmermann die Rolle der Musterleiche spielen soll.

Stößt die Bundeskanzlerin jetzt Erdogan vor den Kopf oder Böhmermann – und mit ihm einen Großteil der deutschen Medien-Landschaft, das größte Verlagshaus der Republik eingeschlossen? Das wird ein lustiger Eiertanz. Sogar die „Lügenpresse“-Skandierer sind ob der Berichterstattung der Medien quer über alle politischen Lager verunsichert. Zeigt sich hier in einer verminten Auseinandersetzung um das künftige Deutschland womöglich ein bisschen „common ground“? So nach dem Motto: Bis hierher und nicht weiter?
Böhmermann ist in kürzester Zeit zu einem Symbol geworden. Und er ist als solches nicht mehr hilfreich. Eine Tretmine für Frau Merkel. Dass ausgerechnet er derjenige sein würde, der die Verlogenheit der deutschen Türkei-Politik (und damit auch der deutschen Flüchtlings-Politik) so offenkundig machen würde, hat er wohl selbst nicht geahnt. Und vielleicht auch nicht gewollt.

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