Für die Menschen ist nicht die Oase das Problem, sondern die Wüste drumherum. Guido Westerwelle

Aller guten Ringe sind drei

Wenn der Westen vom Osten die Trennung von Kirche und Staat verlangt, dann gleicht das einer Aufforderung zum Krieg – denn auch Europa wäre ohne die Zwänge des Dreißigjährigen Krieges nicht säkular geworden. Doch die iranische Variante von Lessings Ringparabel zeigt auf, wie es dennoch gehen könnte.

Um die Religionen im 21. Jahrhundert zu befrieden, bedarf es einer Philosophie. Denn eine theologische Verständigung ist schon unter Konfessionen eine haarige, unter Religionen aber eine widerborstige Angelegenheit. Kann der Islam überhaupt Anschluss herstellen an die Philosophie der Aufklärung, an die Methode der Textkritik und an das Prinzip der Religionsfreiheit? Muss er überhaupt? Die Religionsfreiheit ist nicht so voraussetzungslos, säkulare Regierungen sind nicht so tolerant, wie heute im Westen viele glauben.

Unsere Religionsfreiheit ist ein Kompromiss

Wenn die Katholiken es geschafft hätten, den Protestantismus in den Religionskriegen zu besiegen — niemals würden sie sich auf die Glaubensfreiheit eingelassen haben. Noch im Kulturkampf gegen Preußen verstanden sie unter der Religionsfreiheit einen Raum von Sonderrechten, wie er eher dem Status christlicher Minderheiten in islamischen Ländern entspricht. Religionsfreiheit ist ein Kompromiss, wie er aus einem Krieg hervorgeht, den man nicht ganz gewinnen konnte. Nur radikale Religionskritiker und Religionen in hoffnungsloser Minderheit machten sie beherzt zu ihrer Sache. Voltaire lobte sie, weil die freie Konkurrenz der christlichen „Sekten“ jede einzelne schwäche. In den Vereinigten Staaten wurde die Religionsfreiheit staatstragend, weil es eine staatstragende Kirche schlicht nicht gab.

Die Forderung, ein islamisches Land solle volle Religionsfreiheit gewährleisten, kommt der Forderung gleich, es möge den Dreißigjährigen Krieg und die Französische Revolution auf der Stelle nachholen. Blutvergießen unerwünscht. Religionsfreiheit könnte nämlich global erst unter zwei Bedingungen gewährleistet sein: Jeder Staat müsste nicht nur seine Verfassung, sondern auch seine Verfassungswirklichkeit auf den Stand des westlichen 20. Jahrhunderts bringen. Jede Religion müsste sich so weit säkularisieren, wie es die katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanum getan hat.

Die Wahrscheinlichkeit dazu sinkt mit dem Niedergang der USA. Die Forderung nach Säkularisierung und Religionsfreiheit wird zum bloßen Akt westlicher Selbstvergewisserung; zum Wunsch, der Islam möge sich in westlichen Institutionen — Hochschule und Schule — so entkernen, wie der katholische Reichsapfel in der Moderne entkernt wurde. Ein ehrlicher Katholik wie Alexander Kissler hat das gut erkannt. Sollte einem pakistanischen Rechtsgelehrten die Feindseligkeit solcher Forderungen entgehen?

Zusammenleben in der post-amerikanischen Ära

Welche Vermutungen legt der Patriarch von Konstantinopel nahe, wenn er vom türkischen Staat seine Religionsfreiheit einfordert? Im Westen die Vermutung, dieses Recht sei ureigenes Erbe der orthodoxen Kirche und werde von der Türkei, einem EU-Aspirant, fortwährend verletzt. Im Osten den Verdacht, das Patriarchat kämpfe als Vorhut für Verfassungsänderungen und -verwirklichungen nach westlichem Vorbild. Ob so den Bedürfnissen des Patriarchats gedient ist, mag bezweifelt werden. Doch zu einem Zeitpunkt, als die Türkei an osmanische Traditionen anknüpft, könnten Forderungen nach Sonderrechten für die orthodoxe Minderheit und den Klerus auf Gegenliebe stoßen.

Auf der ganzen Welt bieten solche regionalen Traditionen Anknüpfungspunkte fürs Zusammenleben der Religionen in der post-amerikanischen Ära. Sie entlasten das Christentum vom Verdacht, in die Ordnung fremder Religionen intervenieren zu wollen. Und sie lassen sich philosophisch untermauern, durch eine Philosophia perennis, wie sie etwa der iranische Philosoph Hossein Nasr vertritt: eine Ringparabel, in der die Ringe der Weltreligionen nicht nachgemacht sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Birgit Kelle, Egidius Schwarz.

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