Kein Skandal an der Kommunionbank

von Dietmar Heeg18.10.2014Gesellschaft & Kultur

Egal wie die Synode entscheidet: Papst Franziskus wird sich an die Seite derer stellen, deren Lebensentwürfe gescheitert sind und ihnen die „Nahrung für die Schwachen“ geben.

Von zehn Paaren, die zu mir zum Ehevorbereitungs-Gespräch kommen, wohnen zehn Paare schon in einer gemeinsamen Wohnung. Das kirchliche Ideal, erst nach der Hochzeit eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, ist fernab jeglicher Realität. Damit verbunden ist natürlich auch die gelebte Sexualität.

In der pastoralen Praxis stelle ich dies im Gespräch mit den Brautleuten weder in Frage, noch diskutiere ich darüber. Ehrlich gesagt: ich bin froh, dass die Menschen überhaupt kommen und eine kirchliche Hochzeit haben wollen. Das ist für mich ein Wert, der nicht selbstverständlich ist. Die beiden Brautleute wollen sich das Sakrament der Ehe spenden, sie wollen versuchen als christliche Eheleute in der Welt Verantwortung für sich, für ihre Kinder und für die Gesellschaft übernehmen. Ein hohes Gut.

Dazu kommt meine Erfahrung nach fast 25 Priesterjahren: Die allermeisten, die zum Brautgespräch kommen, wollen aus tiefstem Herzen eine lebenslange Bindung eingehen. In guten und in bösen Tagen. Ob den Brautpaaren in diesem Moment die „Unauflöslichkeit der Ehe“, so wie es der kirchlichen Lehre entspricht, wirklich so bewusst ist, wage ich – auch nach einem intensiven Brautgespräch – zu bezweifeln. Das es trotzdem Scheitern gibt, wissen alle. Immer dann, wenn ich erfahre, dass ein Ehepaar, das ich getraut habe, sich trennt, dann befällt mich Zweifel und Schmerz. Aber auch das Scheitern gehört zur Realität des Menschen.

Wer bin ich, dass ich über einen Menschen urteile?

Darüber sind sich auch die Teilnehmer der Synode im Klaren, die in den letzten beiden Wochen in Rom getagt hat. Ich bin überrascht, welche Dynamik sich offenbar vor Ort in der Synodenaula entwickelt hat. Den meisten Kardinälen und Bischöfen tut es gut, dass – sie erstmals – frei und offen reden und diskutieren können. Papst Franziskus hat in diesen Wochen seine Synodalen immer wieder dazu ermuntert. Schade, dass dies bei vergangenen Synoden nicht so der Fall war. Offene Rede tut gut. Ebenso dürfen alle Themen auf den Tisch kommen, nichts wird verschwiegen und unter den Teppich gekehrt. Der Umgang mit Homosexualität, das Problem der Polygamie, der Vielehe, besonders in Afrika und eben das mediale „Hauptthema“: Der Umgang mit den wiederverheiratet Geschiedenen in den Pfarrgemeinden.

Jeder, der an der Basis, im Leben einer Pfarrgemeinde eingebunden ist, kennt die Sorgen und Nöte von Männer und Frauen, die nach einer kirchlichen Eheschließung, einer zivilen Scheidung und nach einer neuen standesamtliche Trauung, offiziell nicht mehr zur Kommunion gehen dürfen. Manche suchen das persönliche Gespräch mit dem Pfarrer und bitten um die Erlaubnis zur Kommunion gehen zu dürfen. Andere kommen einfach an die Kommunionbank und tun so, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt.

Prägend ist für mich eine Satz des früheren Mainzer Kardinals, Herrmann Volk, der uns Studenten damals als emeritierter Kardinal von Mainz im Mainzer Priesterseminar besuchte – das war in den 1980er-Jahren und die Fragestellung war damals schon so aktuell wie heute – und er sagte: „Einen Skandal an der Kommunionbank darf es nie geben!“ Das ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Wer bin ich, dass ich über einen Menschen urteile und ihn an der Kommunionbank zurückweise?

Kein weiterer Vertrauensverlust

An der Frage, ob es eine Zulassung zu den Sakramenten von Menschen, die in einer neuen Zivilehe leben, geben kann, scheiden sich die Geister der Kirchenoberen in Rom. Die Synode – jetzt eine außerordentliche – will erst im Oktober 2015 – dann bei der turnusgemäßen ordentlichen Familiensynode – entscheiden. Dennoch ist eine Richtung spürbar. „Die Lehre wird nicht geändert, aber sie entwickelt sich“, so brachte es dieser Tage der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchener Kardinal Reinhard Marx, auf den Punkt. Das heißt, die Sorge um die Menschen muss im Mittelpunkt stehen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass in unserer skandalgebeutelten Kirche in Deutschland mit Missbrauch und rüdem Umgang mit Geld, kein weiterer Vertrauensverlust stattfinden darf. Wenn wir nicht mehr an der Seite der Gescheiterten stehen, dann braucht es uns nicht mehr. Genau das ist die Botschaft von Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikates. Der frühere Erzbischof von Buenos Aires hat es für mich in seinem Schreiben „Evangelii Gaudium“ auf dem Punkt gebracht, wenn er sagt „Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.“

Aus Sachfragen Machtfragen machen

Diese Nahrung darf ich an der Kommunionbank niemanden vorenthalten. Das muss auch den Synodenvätern klar sein, von denen sich einige offenbar hinreißen lassen aus Sachfragen Machtfragen zu machen. So wie es an der Kommunionbank keinen Skandal geben darf, so eignet sich die Frage der Zulassung zur Eucharistie nicht für kirchenpolitische Ränkespiele.

Ein Jahr lang sollen die Anstöße der außerordentlichen Synode nun an der Basis, in den Bistümern weltweit, diskutiert werden, bevor es dann 2015 in letzter Instanz Papst Franziskus obliegt zu entscheiden. Ich bin fest davon überzeugt, dass er auch in einem Jahr genau auf das hört, was in der Synode zu diesem Thema gesagt wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass er die Lehre von der Unauflöslichkeit einer gültigen Ehe nicht verändert.

Ich bin aber auch fest davon überzeugt, dass er sich auf die Seite derer stellt, deren Lebensentwürfe gescheitert sind und ihnen die „Nahrung für die Schwachen“, wie er die Eucharistie nennt, nicht vorenthalten wird.

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