Der Geruch der Schafe

von Dietmar Heeg17.10.2013Gesellschaft & Kultur

Das Prinzip des Vertuschens und des unter den Teppich Kehrens hat die kirchliche Luft verpestet. Die Cause Tebartz-van Elst zeigt, dass wir endlich die Fenster öffnen müssen.

„Das erbitte ich von euch: Seid Hirten mit dem ‚Geruch der Schafe‘, dass man ihn riecht – Hirten inmitten ihrer Herde und Menschenfischer.“ Ein Appell von Papst Franziskus in seiner Predigt zum Gründonnerstag, wenige Tage nach seiner Wahl im März 2013.

Eigentlich muss diese Aufforderung des Papstes alle Hirten der Kirche unruhig machen. Gemeint sind damit die Bischöfe und Priester. Offenbar ist der Papst der Meinung, dass den Hirten nicht der Geruch der Schafe anhaftet. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie die Causa Tebartz-van Elst zeigt.

Im katholischen Mief

Die veröffentlichten Bilder der neuen Privatwohnung des Limburger Bischofs vermitteln eher – um das etwas veraltete Wort zu nutzen – den Odeur des Luxus. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass dies nicht der Normalfall ist. Ich kenne einige Bischofshäuser, die mitnichten Luxus ausstrahlen, sondern eher eine gediegene bis biedere Bürgerlichkeit. Noch viel besser kenne ich viele Pfarrhäuser, die ebenfalls nicht luxuriös sind, sondern schon lange renovierungsbedürftig. Nicht wenige davon sind wirklich offen und einladend für die Menschen.

Papst Franziskus propagiert den „Geruch der Schafe.“ Dass ist oft leichter gesagt als gelebt. Ich kenne das aus eigener Erfahrung in der Seelsorge. Oft ist es mir schwer gefallen, mich genau auf die Menschen einzulassen, die der Papst im Blick hat. Da ist beispielsweise die Kontaktaufnahme mit einem verwahrlosten Wohnsitzlosen, ein Hausbesuch in einer verschmutzten Messi-Wohnung. Da fällt es nicht immer leicht gleich unbeschwert Seelsorge zu betreiben. Nach solchen Erfahrungen gehe ich dann gerne wieder in meine oft (spieß)-bürgerliche Welt zurück. Oder um es anders zu sagen: In den katholischen Mief.

Auch dieser Mief ist nicht der „Geruch der Schafe“, sondern eine Atmosphäre der Behäbigkeit und Selbstzufriedenheit in der Kirche. Die aktuelle Situation in Limburg zeigt, welche Gefahren in diesem Mief stecken. Mangelnde Transparenz in finanziellen Angelegenheiten, das Ausbooten von Kontrollmechanismen in der Verwaltung, die mangelnde Fähigkeit eines Bischofs zur Selbstkritik, die Angst der Höflinge, dem Bischof offen und ehrlich gegenüber zu treten. Dazu gehört auch der Missbrauchsskandal, der zu Tage gebracht hat, wie über Jahrzehnte Menschen unter Druck gesetzt und sexuell missbraucht wurden. Das Prinzip des Vertuschens und des unter den Teppich Kehrens hat die kirchliche Luft verpestet.

Was wohl der zukünftig Heilige Papst dazu sagen würde?

Schon Papst Johannes XXIII., der im kommenden Jahr zusammen mit Papst Johannes Paul II. in Rom heilig gesprochen wird, hat dem kirchlichen Mief das Öffnen der Fenster entgegengesetzt. Vor gut 50 Jahren sagte er: „Macht die Fenster der Kirche weit auf!“

Papst Johannes sprach von offenen Fenstern. In Limburg wurden offenbar Fenster aus bestem amerikanischen Panzerglas eingebaut, mit der Möglichkeit des Abdunkelns der Fenster. Durch diese Fenster kommt der „Geruch der Schafe“ mit Sicherheit nicht durch. Was wohl der zukünftig Heilige Papst dazu sagen würde?

Schon damals klang die Ankündigung des Konzilpapstes für viele als Befreiung, andere sahen es eher als Bedrohung. Frischer Wind weht den Mief aus den Zimmern heraus und der auch nicht immer wohlige Geruch der Welt dringt ein. Papst Johannes hat damit ein großartiges Zeichen gesetzt. Auch 50 Jahre später besteht immer wieder die Gefahr, dass die Hirten – Bischöfe und Priester und kirchliche Mitarbeiter – die Fenster schließen und sich lieber in große Ohrensessel setzen und abwarten, was passiert.

Die Forderung von Papst Franziskus steht: „Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe!“ Diese muss alle in der Kirche, die Verantwortung tragen, unruhig machen. Den Papst gut finden und ihm auf dem Petersplatz in Rom oder vor dem Fernsehgerät zu applaudieren, das ist keine große Kunst. Es geht darum, dass jeder – dazu gehören alle getauften und gefirmten Katholiken – sich fragen muss: „Was bedeutet die Aufforderung des Papstes für mich?“ Ich vermute, dass wir alle – besonders auch Kardinäle, Bischöfe und Pfarrer – sich beim Beantworten dieser Frage an die eigene Nase packen müssen.

Jetzt ist die Zeit

Nur so lässt sich die Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herstellen. Selbstkritik und auch Reue ist angesagt. Katholischer Mief – und sei er noch so schön mit einem pastoralen Mäntelchen umhüllt – widerspricht dem Wind Gottes, dem Heiligen Geist. Dieser Geist weht bekanntlich wo er will und nicht wie wir Menschen wollen (vgl. Joh, 3,8).

Fest steht, dass der Geist Gottes besonders bei den „Schafen“ weht, die am Rande der Gesellschaft stehen, bei denen, die wir als Kirche schon längst verloren haben, bei den Armen, Bedürftigen, von der Gesellschaft Gebrandmarkten. Dort können wir den Heiligen Geist riechen und im Geringsten der Brüder und Schwestern Jesus selbst erkennen (vgl. Mt 25,40).

Die Menschen, die vor einigen Tagen vor dem Limburger Dom mit Gebeten und Liedern demonstriert haben, haben es mit einem neuen geistlichen Lied auf den Punkt gebracht: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan…!“

Entweder wir gehen in unserem eigenen katholischen Mief unter oder wir sagen: Jetzt ist die Zeit, Nase und Herz für den „Geruch der Menschen“ zu schärfen und diesen anzunehmen.

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