Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Wenn die Seele Luft ablässt

Gott erhört uns nicht immer, wie wir es uns wünschen, aber immer so, dass es gut für uns ist. Denn wenn die Seele Luft ablassen muss, dann braucht jeder einen Freund, der zuhört.

„Fürs Beten sind doch Sie zuständig.“ Diesen Satz höre ich so oder ähnlich immer in lockeren Smalltalk-Runden nach säkularen und oft auch kirchlichen Veranstaltungen oder Feierlichkeiten. Grundsätzlich gehe ich als Priester mit solchen Redeschnipseln lässig um, doch manchmal juckt mich gleich eine Replik: „Warum bin ich fürs Beten zuständig, das sollte jeder Christ tun, Sie auch, oder?“ Erst mal ernte ich Erstaunen bei meinem Gegenüber. Meistens wird dann aus einem lockeren Plausch bei Häppchen und Sektglas ein tiefergehendes Gespräch über den Sinn und Unsinn des Betens.

Seelisches Ventil

Wo redet man schon über das Beten, außerhalb der Kirche? Manchmal fragen auch Talkmaster im Fernsehen ihre Gäste danach. Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben die Interviewgäste oft abgewinkt mit dem Hinweis „das ist mir zu privat, dazu sage ich nichts“. Heute stelle ich fest, dass viele Prominente auch über das Beten offen und ehrlich reden. Das gefällt mir.

Mir gefällt, wenn überhaupt über das „Beten“ gesprochen wird. Auch wenn es im Smalltalk oft negativ klingt. Nach dem Motto: „Was nützt das Beten, wenn Gott so viele schlimme Dinge auf der Welt zulässt?“ Hier kommt einerseits das kindliche Gottesbild von „Gott als Gebetsautomat“ durch, was immer noch in vielen Erwachsenen steckt. „Ich habe zu Gott gebetet, aber dennoch eine schlechte Note bekommen.“ Aber: Was kann der liebe Gott dafür, wenn ich faul war und mich nicht auf eine Prüfung vorbereitet habe?

Andererseits wird das kollektive Gebet gerade bei Naturkatastrophen, Amokläufen oder Unfällen zu einem notwenigen seelischen Ventil. Geschockte Angehörige, eine konsternierte Nation, einfach jeder kann bei Gott im Gebet „abladen“. Eben mit dem Wissen, dass sich an der Tatsache des Todes von geliebten Menschen nichts mehr ändern wird. Dennoch wird gebetet.

Wir sind in guter Gesellschaft

Mich berührt bis heute eine Pausenandacht in der Schulkapelle einer Schule, in der ich Religionsunterricht erteilt habe. Zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden 2009 war die Kapelle in der großen Pause so überlaufen wie sonst nie. Für jedes Opfer wurde eine Kerze entzündet und auf den Altar gestellt. „Auch für den Täter“, sagte ich. Ein Schüler fragte: „Muss das sein?“ Ich sagte „ja“, ohne dass darüber nun diskutiert werden konnte. Das geschah später in der Klasse. Spannend.

Für mich ist „Beten“ Sprechen mit Gott, wie mit einem guten Freund oder Freundin. Einfach so, wie mir der Schnabel gewachsen ist, wie ich mit guten Freunden alles besprechen kann. Gerade die Klage, das Fragenstellen an Gott nach dem „Warum“ von vielen Dingen, ist intensives Gebet. Wir hören die Klage am Karfreitag sogar aus dem Munde Jesu, wenn er vom Kreuz herunter den Psalm 22 betet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir sind also in guter Gesellschaft. Das haben auch die Schüler nach dem Amoklauf von Winnenden verstanden, dass das Gebet es auch verträgt, wenn für einen Täter gebetet wird, in der Hoffnung, dass Gott weiß, was ihn zu dieser Tat getrieben hat. Ja, dafür bin ich als Priester zuständig, besonders auch für die zu beten, für die sonst keiner betet. In diesem Sinn haben die Smalltalker mit Häppchen und Sektglas schon recht.

Ansonsten sind aber alle – in den unterschiedlichsten Situationen – eingeladen, das freundschaftliche Gespräch mit Gott, den „Draht nach oben“ zu suchen, um bei ihm „abzuladen“. Eins ist für mich klar: Gott erhört uns nicht immer, wie wir es uns wünschen, aber immer so, dass es gut für uns ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Uffe Schjodt, Ingo Hofmann, Nina Hagen.

Leserbriefe

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