Eine zwiespältige Geschichte

Dietmar Bartsch12.08.2013Gesellschaft & Kultur, Politik

Vieles, was in der DDR gut lief, wird bei der Aufarbeitung unter den Teppich gekehrt. Schwarz-weiße Geschichtsbilder helfen niemandem weiter.

Die These dieser Debatte macht Zustimmung möglich und Widerspruch nötig. Dem Ausgangspunkt stimme ich zu: Wir müssen uns mit der Geschichte auseinandersetzen. Auch Parteien sollten das tun, aber nicht mit dem Anspruch, die eigene Geschichte zu schreiben oder Deutungshoheit erlangen zu wollen. Das sagt ein Ostdeutscher, den in der Schule sogar der künftige Lauf der Geschichte gelehrt wurde und der Mitglied einer Partei war, die immer Recht hatte.

Ich behaupte, keine zweite Partei hat sich nach 1989/90 so intensiv mit der jüngeren Geschichte befasst wie Die Linke und insbesondere ihre Vorgängerin, die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Das entspricht unserer Einschätzung, dass der Sozialismusversuch vor allem aus inneren Gründen gescheitert ist. Wir haben es selbst versemmelt, und der entscheidende Schluss steht heute im Parteiprogramm der Linken: „Ein Sozialismusversuch, der nicht von der großen Mehrheit des Volkes demokratisch gestaltet, sondern von einer Staats- und Parteiführung autoritär gesteuert wird, muss früher oder später scheitern.“

Die Linke wird weiter als SED-Nachfolgerin tituliert, was streng juristisch nicht völlig falsch ist, allerdings nichts mit der realen Politik und Mitgliedschaft zu tun hat. Von den zu DDR-Zeiten Verantwortlichen und Mitläufern neigen einige (nicht alle!) zum Verdrängen. Deutlich weniger als ein Prozent der einst ca. 2,3 Millionen SED-Mitglieder gehören der Linken an, die knapp 64.000 Mitglieder zählt.

Nichtsdestotrotz wird die Partei komplett für das Geschehen in der DDR in Haftung genommen. Sie hat nicht gekniffen, nicht verdrängt. Die Liste neuralgischer Themen, zu denen Position bezogen wurde, ist lang: Der auch mit Druck und Verfolgung verbundene Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED 1946, der 17. Juni 1953, der Mauerbau 1961 und das intellektuellen- und künstlerfeindliche SED-Plenum von 1965 seien als Ereignisse exemplarisch genannt.

Zur historischen Wahrheit zählt, dass der Staat DDR und die führende SED soziale, kulturelle und friedenspolitische Ziele setzten, für die sich viele Menschen zu Recht und ehrlich engagiert, einige aufgeopfert haben. Es gab Menschen in Opposition zu Staat und Gesellschaft und solche, die beides im Sinne einer tatsächlichen sozialistischen Alternative verändern wollten. Sie alle werden den Vorwurf des Verdrängens für sich nicht gelten lassen.

Nachholbedarf besteht meines Erachtens in Ost wie West in der Beschäftigung mit der Geschichte des jeweils anderen deutschen Staates und deren Einordnung in globale Zusammenhänge. Die Wege der alten Bundesrepublik und der DDR sind nicht außerhalb von Blockkonfrontation und Kaltem Krieg zu verstehen.

Widersprechen will ich der Behauptung, Deutschland habe „seine frühere Vergangenheit aufgearbeitet“. Das klingt sehr nach „erledigt“, und solcherart Schlussstriche gibt es nicht. Was jetzt im Zusammenhang mit dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ hochkommt, zeigt das ebenso deutlich wie bedrückend.

Im Osten, heißt es in der Debatten-These, schwelge man „in nostalgischen Erinnerungen“. ­Sofern damit politisch der Schluss verbunden ist, viele Ostdeutsche oder Die Linke wollten die DDR wieder haben, ist das schlicht Unsinn. Allerdings zeigt heute der Blick in jeden Sozialatlas, auf die Verteilung von Armut und Reichtum, von Arbeit und Arbeitslosigkeit, deutlich die Grenzen vor der deutschen Einheit.

Die herrschende Politik und die Wirtschafts- und Finanzmacht schreiben die Spaltung fort und werden dem grundgesetzlichen Auftrag nicht gerecht, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Das ist ein Grund, weshalb sich Die Linke den Osten besonders auf die Fahne schreibt.

Der Aufbau Ost war ein Nachbau West

Wenn allerdings mit „Nostalgie“ Gefühle der Menschen gemeint sind, empfehle ich große Gelassenheit. Wer erinnert sich nicht gern der Kindheit und Jugend, der Gerüche und Geschmäcke, der Spiele, Lieder, Bücher? Welcher Bayer, der nach Hamburg umgezogen ist, schwärmt nicht weiter von Brotzeit und Weißbier? Im Osten sind Millionen umgezogen, ohne den Wohnort zu wechseln. Wenn sie zum Beispiel Ostprodukte wieder schätzen, ist das so verständlich wie sozial, ökonomisch und ökologisch vernünftig, weil es regionale Kreisläufe stärkt.

Dass im Westen das „schlechte Gewissen über die ignorante Okkupation nach der Wende“ ein Massenphänomen ist, bezweifle ich. Der Aufbau Ost war ein Nachbau West, und im Westen gab es (fast) nichts Neues. Wer konnte zwischen Flensburg und Garmisch von der deutschen Einheit direkt profitieren? Übernommen wurde nichts. Wir im Osten lachen uns kaputt, wenn deutsche Bildungsexperten heute nach Nordeuropa reisen, um dort Erfahrungen zu studieren, die einst von der DDR übernommen wurden.

Für mich bleibt die Gründung der DDR ein legitimer Versuch, Lehren aus der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte zu ziehen. Deshalb verbietet es sich auch, Nazideutschland und die DDR faktisch in eine Reihe zu stellen. Das Bemühen von Millionen, das faschistische Erbe zu überwinden, ein friedliebendes Land mit sozialer Sicherheit für alle aufzubauen, ist aller Ehren wert und hat auch Maßstäbe gesetzt – in der Gesundheitsvorsorge, der Kinderbetreuung, der betrieblichen Mitbestimmung, beim Zugang zu Kultur und Bildung und anderswo. Das anzuerkennen schließt nicht aus, mit einem antidemokratischen Politik- und Parteiverständnis zu brechen und Fehler und Verbrechen als solche zu benennen. Geschichtsbilder in Schwarzweiß taugen nichts.

_Die Bilder in dieser Debatte stammen von dem Berliner Fotografen Harald Hauswald. Sein Bildband “„Vor Zeiten – Alltag im Osten, Fotografien 1976-1990“”:http://www.lehmstedt.de/hauswald_zeiten.htm erschien im Juni 2013 im Lehmstedt-Verlag._

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