690 Millionen Menschen leiden unter chronischem Hunger | The European

Weltweite Armut - Hunger - Not: Deutschland tut zu wenig

Dietmar Bartsch28.10.2020Medien, Politik

Fachleute prognostizieren weitere 100 Millionen Menschen, die infolge der Pandemie Hunger leiden werden. Doch ganz selten wird auf den Anteil reicher Staaten wie auch Deutschland an den unhaltbaren Zuständen verwiesen. Das muss sich ändern, fordert Dietmar Bartsch.

Hungernde Kinder in Somalia, Shutterstock

Weil du arm bist, musst du früher sterben“, heißt ein Film aus dem Jahr 1956, der sich kritisch mit der Gesundheitspolitik zu Adenauers Zeiten auseinandersetzt. Der Titel ist weder überholt noch linke Propaganda. Er ist traurige Realität im 21. Jahrhundert, weltweit.

Während der zweieinhalb Minuten, in denen Sie diesen Beitrag lesen, verhungern fünfzehn Kinder. Alle zehn Sekunden eins. So UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“, sagt Jean Ziegler, der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ende 2019 litten etwa 690 Millionen Menschen unter chronischem Hunger, weitere 135 Millionen waren von Ernährungskrisen betroffen. „Hunger ist menschengemacht“, erklärt Amartya Sen, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung von grundlegender medizinischer Betreuung ausgeschlossen ist, dass über 2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser haben und fast 800 Millionen in den ärmsten Ländern nicht über eine Grundversorgung mit Trinkwasser verfügen. Während die Menschen in Japan oder in der Schweiz statistisch mit einer Lebenserwartung von etwa 83 Jahren rechnen können, sind es in Sierra Leone oder in der Zentralafrikanischen Republik über 30 Jahre weniger. Doch auch in reichen Ländern wie Deutschland oder Österreich liegt die Lebenserwartung armer Menschen zehn Jahre unter der des Bevölkerungsdurchschnitts. Corona hat diese Probleme nicht verursacht, allerdings verschärft.

Fachleute prognostizieren weitere 100 Millionen Menschen, die infolge der Pandemie Hunger leiden werden. Über derartige Fakten wird aktuell viel gesprochen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der – verdienten! – Auszeichnung des UN-Welternährungsprogramms mit dem Friedensnobelpreis. Weniger ist von den Ursachen bitterer Armut die Rede: Kriege, Klimawandel, Ausbeutung und Verteilungsungerechtigkeit. Ganz selten wird auf den Anteil reicher Staaten wie auch Deutschland an den unhaltbaren Zuständen verwiesen. Aus unserem Land geht nach wie vor Kriegsgerät in Krisenregionen. Ägypten, Akteur in den kriegerischen Auseinandersetzungen im Jemen und in Libyen, ist in diesem Jahr wichtigster Adressat deutscher Waffen. Aufgerüstet wird ohne Ende, die Schulen verrotten.

Vom Klimawandel sind jene Länder am meisten betroffen, die am wenigsten dazu beitragen. Aggressive Exportstrategien zerstören wirtschaftliche und landwirtschaftliche Strukturen im globalen Süden, Nahrungsmittel werden zu Spekulationsobjekten. Von ruchloser Ausbeutung, auch Kinderarbeit, in asiatischen Textilfabriken, auf afrikanischen oder lateinamerikanischen Plantagen profitieren hiesige Handelsketten, Verbraucherinnen und Verbraucher allerdings auch. Der Regionalverkehr stirbt und Äpfel kommen aus Neuseeland. Banken werden über Wasser gehalten, Flüchtlinge ertrinken.

Wo Entschlossenheit gefragt ist, wird Halbherzigkeit praktiziert: Internationaler Währungsfonds, Weltbank und G20 erlassen ein Schuldenmoratorium für die ärmsten Länder, scheuen jedoch einen Schuldenerlass. Die Bundesrepublik steigt aus der Atom- und Kohleenergie aus, doch deutsche Firmen können entsprechende Technik weiter ausführen. Ein umfassender politischer Kurswechsel in unserem Land ist dringlich. Wenn dieser die Außen- und die Sicherheitspolitik, die Handels- und die Entwicklungspolitik einschließt, wird Deutschland eine bessere Rolle in der Welt spielen.

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