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Ostern bleibt das höchste Fest im Kirchenjahr

Vor uns liegt das älteste und höchste Fest im Kirchenjahr. Das sollten wir respektieren, gegen den Trend, nahezu jeden Feiertag zu verkitschen und zu kommerzialisieren, schreibt Dietmar Bartsch.

Was haben Sie Ostern vor? Einen Spaziergang? Einen Marsch? Einen Kirchgang? Freuen Sie sich auf Osterfeuer und Osterlämmer oder, wie ich gemeinsam mit meinen Kindern und Enkeln, auf den Osterhasen und das Eiersuchen? Vor uns liegt das älteste und höchste Fest im Kirchenjahr. Das sollten wir respektieren, gegen den Trend, nahezu jeden Feiertag zu verkitschen und zu kommerzialisieren. Viele Bräuche werden seit Jahrhunderten gepflegt und die Gelehrten streiten um die Ursprünge. Sei’s drum. Ich freue mich auf und über Ostern als ein Fest in der Familie, auf die Begegnung mit anderen. Ungeachtet der persönlichen Anschauung der Welt können doch wir alle den Karfreitag als Moment des Innehaltens und Nachdenkens begreifen und die Ostertage als solche der Freude, in denen uns der Frühling, Licht und Wärme erbauen. Also: Tun wir, was uns und anderen gut tut. Tun wir es gemeinsam mit anderen. Feiern wir Ostern als Fest der Gemeinsinns, der gegenseitigen Achtung und Toleranz. Dabei blenden wir Elend und Unrecht nicht aus. Deshalb sind die Aktionen der Friedensbewegung so wichtig, deshalb habe ich gemeinsam mit zahlreichen Abgeordnetenkolleginnen und -kollegen aus fast allen Bundestagsfraktionen auch den „Osterappell zur Seenotrettung“ unterschrieben. Ertrinkenden zu helfen ist eine humanistische Selbstverständlichkeit. Und ausgerechnet in der Osterzeit erreichte uns die schlimme Nachricht vom Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris, die weltweit nicht nur Christen unendlich traurig macht.

Für aktive Christinnen und Christen ist der Besuch von Gottesdiensten in der Karwoche und an den Ostertagen obligat. Das Osterreiten in der Lausitz, Prozessionen wie die in Lohr am Main oder im niedersächsischen Meppen ziehen nicht nur religiöse Menschen in ihren Bann. Jüdinnen und Juden begehen dieser Tage Pessach, eines ihrer bedeutendsten Feste, dessen Vorabend in diesem Jahr mit dem Karfreitag zusammenfällt. Kürzlich hörte ich, dass selbst einige Muslime Eier mit islamischen Motiven bemalen und das Fest ohne religiösen Hintergrund feiern, nicht immer zur Begeisterung unter Ihresgleichen. Auch Atheisten nutzen Osterspaziergänge, um Sakralbauten zu bestaunen, Konzerte und andere kulturelle Darbietungen in solchen Räumen zu erleben oder selbst am Ostersingen teilzuhaben. Und viele Gläubige beteiligen sich an den Ostermärschen der Friedensbewegung. Die in regionaler und lokaler Verantwortung laufenden Kundgebungen und Demonstrationen stehen unter Losungen wie „Abrüsten statt Aufrüsten!“, „Keine neuen Atomwaffen!“, „Kein neuer Rüstungswettlauf!“. Welche Religion stünde dem wohl entgegen?! Seit einigen Tagen erinnert eine Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald an den von den Nazis ermordeten antifaschistischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln“, hatte der in dunkelster Zeit gesagt.

Und wie halten wir Linken es mit dem Glauben? Christen in unserer Partei, von denen sich einige in der „Arbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen bei der Partei DIE LINKE“ engagieren, gewinnen aus den biblischen Fürsprachen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auch Kraft für ihr politisches Handeln. Thüringens Ministerpräsident, Bodo Ramelow, DIE LINKE, ist bekennender Christ und sagt, der Glaube sei prägend für sein Leben. Wahr ist, ich komme aus einer Partei, die Gläubigen, Religionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften lange Zeit skeptisch, nicht selten ablehnend oder gar feindlich gegenüberstand. Deshalb war es gut und wichtig, dass sie im März 1990 endlich würdigte, dass „religiöse Ethik zu verantwortlicher Lebens-, Welt- und Gesellschaftsgestaltung befähigt, dass die Jahrtausende alten religiösen Sinnangebote ein herausragendes Ergebnis menschlicher Geschichte und ein unverzichtbares Merkmal einer modernen Kulturgesellschaft sind.“ So steht es in einem damals von der Partei des Demokratischen Sozialismus veröffentlichten Positionspapier.

Fernab von Politik und Parteien schöpfen Menschen aus ihrem Glauben Zuversicht für den Alltag und die Herausforderungen des Berufslebens. Der großartige, nachdenkliche und belesene Schauspieler Edgar Selge wurde getauft und konfirmiert. Später trat er aus der Kirche aus und als reifer Mann von fast siebzig Jahren bekannte er im Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“: Der Glaube „liegt wie ein verwilderter Garten hinter mir, 50 Jahre bin ich nicht mehr hineingegangen, aber jetzt ist es Zeit, sich wieder darin umzuschauen, ein wenig für Ordnung zu sorgen.“ Kürzlich beantwortete er die Frage, was für ihn Glaube sei, kurz mit: „Zweifel“. Da kommt mir natürlich Karl Marx in den Sinn, der seinen Töchtern die Worte „An allem ist zu zweifeln“ mit auf den Weg gab.

Wenn ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, frohe Ostern wünsche, so ist es verbunden mit der Hoffnung, dass wir eine klare Orientierung behalten, dass uns eben keine Verzweiflung niederdrückt, sondern Zweifel Sie und mich in Bewegung halten. Bleiben oder werden Sie gesund und zuversichtlich. Im Kirchenkalender folgt der Fastenzeit jetzt die Freudenzeit.
Diese ist natürlich durch den Brand in Paris getrübt. Doch vielleicht stärkt gerade Ostern die Hoffnungen und die Tatkraft, der Wiederaufbau des weltberühmten Wahrzeichens möge gelingen. Es geht um ein Kulturerbe der Menschheit.

Quelle: Dietmar Bartsch Facebook

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ramin Peymani, Hubertus Knabe, Vera Lengsfeld.

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