Wir propagieren Weltfrieden, nicht Weltuntergang

von Dietmar Bartsch5.03.2019Medien

NatĂŒrlich ist Politik keine Comedy, doch bisweilen wird sie dank „extra 3“ und „heute-show“ durchschaubarer als durch „Tagesthemen“, „Spiegel“ oder Bundestagsdebatten. Nichts liegt mir ferner, als die Herausforderungen zu verniedlichen, denen sich eine verantwortungsvolle Politik heute und kĂŒnftig stellen muss.

Vor langer Zeit, als der Partei des Demokratischen Sozialismus das Etikett „Ostpartei“ noch mit einiger Berechtigung angepappt wurde, tagte der Parteivorstand regelmĂ€ĂŸig auch am Rosenmontag in Berlin. In Bonn am Rhein, damals politisches Zentrum der Republik, stieß das auf ebensolches VerstĂ€ndnis wie Protestkundgebungen am Heiligabend. Nun gingen wir damals zwar zur Sitzung ins Karl-Liebknecht-Haus, doch nicht unbedingt zum Lachen in den Keller. 1996 veröffentlichte der Vorstand zu einer solchen Rosenmontagssitzung eine PresseerklĂ€rung. Darin hieß es: „Mit einer klaren 2-Stimmen-Mehrheit bei 16 Enthaltungen begrĂŒĂŸte der PDS-Bundesvorstand das Stattfinden des Rosenmontags. Die 18 Genossinnen und Genossen analysierten die aktuelle Lage und stellten mit tiefer Befriedigung fest, dass – vor allem im Rheinland – machtvolle DemonstrationszĂŒge Hunderttausender die bundesdeutschen Herrschaftszentren praktisch lahmgelegt haben. FĂŒr eine in der RĂ€te-Tradition stehende Partei ist es selbstverstĂ€ndlich, den 11-köpfigen Spitzengremien GlĂŒck und Erfolg zu wĂŒnschen.“

Gerade in Zeiten, in denen es um die bloße Existenz unserer Partei ging, waren Humor und Selbstironie gute Lebensmittel und verlĂ€ssliche Medizin. Auf einer Basisversammlung in Eisenach hörte ich einmal den Appell: „Genossen, wir mĂŒssen ĂŒber den Rand unserer Schnabeltasse hinausschauen!“ Als der Parteivorsitzende Gregor Gysi im Januar 1990 im Vorstand den Entwurf eines pessimistischen Alarmbriefes an die Mitgliedschaft vortrug, ließ Lothar Bisky stante pede einen Beschluss fassen, wonach der Chef „zum Zwecke, sich grĂŒndlich auszuschlafen, umgehend nach Hause zu schicken“ sei und diesem untersagt wurde, „in den nĂ€chsten vierundzwanzig Stunden das GebĂ€ude des Parteivorstandes zu betreten“. Im Wahlkampf 1994 wollte uns die Union mit einer Rote-Socken-Kampagne in die Knie zwingen. Wir machten daraus eine Werbeaktion und Dutzende Genossinnen und ein paar Genossen kamen kaum nach mit dem Stricken höchst begehrter kleiner roter Söckchen. Im selben Jahr sollte die Partei mit einer absurden Steuerforderung ins Aus getrieben werden. Einige verantwortliche Politiker traten daraufhin in einen Hungerstreik, und mein krĂ€ftig gebauter Genosse Heinz Vietze stellte sich der Presse vor mit den Worten: „Ich bin hier die Langzeitvariante.“

Von besonderer GĂŒte ist die unfreiwillige Komik. In einer „Kleinen Anfrage“ meiner Fraktion fand ich den Satz: „Der Brieftaubensport wird von etwa 50.000 ZĂŒchterinnen und ZĂŒchtern betrieben, von denen etwa die HĂ€lfte an DistanzflĂŒgen teilnimmt.“ Ebenfalls in der Fraktion war eine Konzeption im Umlauf mit der Überschrift „Hoffnungen wecken“. In der Unterzeile stand zu lesen: „Nur fĂŒr den internen Gebrauch!“ Einmal musste eine rasch verschickte, jedoch fehlerhafte PresseerklĂ€rung zurĂŒckgezogen werden. Ausgerechnet deren Titel: „GrĂŒndlichkeit statt Schnelligkeit.“ Ich selbst habe die Forderung „ Erbschaftssteuer darf nicht sterben“ veröffentlicht und mein Referent erklĂ€rte in einer Beratung: „Hier ist Sachverstand gefragt, nicht unser BĂŒro.“

Mitunter hilft freilich nur noch Galgenhumor. Dabei denke ich nicht nur an Andrea Nahles’ Gesangseinlagen im Deutschen Bundestag. Reichlich komisch ist auch, wenn Ursula von der Leyen im Rahmen angeblich runderneuerter Bundeswehr- Traditionspflege alte Volksweisheiten wiederentdeckt. Guter Rat ist bekanntlich teuer. So sacken sich Beraterinnen und Berater die Taschen voll, denn der Teufel schielt immer nach dem grĂ¶ĂŸten Haufen (oder so Ă€hnlich). Oder denken wir an den Verkehrsminister-Interpreten Andreas Franz Scheuer. Der feiert Party wĂ€hrend in der Automobilindustrie deutsche Ingenieurskunst zur Zauberei mutiert: Tarnen, tĂ€uschen, tricksen. Der VW-Konzern berief ĂŒbrigens zur Aufarbeitung des Abgasskandals einen extra Vorstand. Christine Hohmann-Dennhardt, die erste Amtsinhaberin, schied nach nur 13 Monaten aus und strich wohl 12,5 Millionen Abfindung sowie eine monatliche sofortige Rente von bis zu 8000 Euro ein. Und wie heißt dieses Ressort bis zum heutigen Tag? „IntegritĂ€t und Recht“! So erhĂ€lt im Wolfsburger Fußballstadion die Bandenwerbung von Volkswagen einen ganz neuen Sinn. Ziemlich schrĂ€g finde ich auch, dass Heimatminister Seehofer Menschen, die er am liebsten schnell loswerden will, in sogenannten Ankerzentren unterbringt oder der GrĂŒne Robert Habeck kĂŒnftig Demokratie fĂŒr ein Bundesland wĂŒnscht, in dem die Seinen seit ein paar Jahren mitregieren.

NatĂŒrlich ist Politik keine Comedy, doch bisweilen wird sie dank „extra 3“ und „heute-show“ durchschaubarer als durch „Tagesthemen“, „Spiegel“ oder Bundestagsdebatten. Nichts liegt mir ferner, als die Herausforderungen zu verniedlichen, denen sich eine verantwortungsvolle Politik heute und kĂŒnftig stellen muss. Doch Streiterinnen und Streiter fĂŒr eine bessere Welt sollten optimistisch daherkommen, nicht sauertöpfisch. Wir propagieren Weltfrieden, nicht Weltuntergang. Wir wollen Selbstbestimmung, nicht Knechtschaft. Wenigstens hin und wieder könnten wir doch die geballte Faust gegen einen fröhlichen Smiley tauschen.

Meine schönsten Erinnerungen an die fĂŒnfte Jahreszeit verbinden sich mit dem Studentenfasching an der Berliner Hochschule fĂŒr Ökonomie. Als Nordlicht fĂŒhle ich mich inzwischen auch beim Aschermittwoch mit deftigen Reden, Speisen und GetrĂ€nken ziemlich wohl. Mit Prunksitzungen und RosenmontagszĂŒgen fremdle ich noch, aber selbstverstĂ€ndlich wĂŒnsche ich allen Freundinnen und Freunden des Karnevals und des Faschings, der Fastnacht, Fasnacht oder Fasenacht noch ein paar tolle Tage. Helau! Alaaf! …oder wie immer das in Ihrer Gegend heißen mag.

Quelle: “Dietmar Bartsch Facebook”:https://www.facebook.com/notes/dietmar-bartsch/smiley-faust-und-schnabeltasse/2216889158394407/

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