Mit Superlativen sollten wir zurückhaltender umgehen. Klaus Töpfer

Wir propagieren Weltfrieden, nicht Weltuntergang

Natürlich ist Politik keine Comedy, doch bisweilen wird sie dank „extra 3“ und „heute-show“ durchschaubarer als durch „Tagesthemen“, „Spiegel“ oder Bundestagsdebatten. Nichts liegt mir ferner, als die Herausforderungen zu verniedlichen, denen sich eine verantwortungsvolle Politik heute und künftig stellen muss.

Vor langer Zeit, als der Partei des Demokratischen Sozialismus das Etikett „Ostpartei“ noch mit einiger Berechtigung angepappt wurde, tagte der Parteivorstand regelmäßig auch am Rosenmontag in Berlin. In Bonn am Rhein, damals politisches Zentrum der Republik, stieß das auf ebensolches Verständnis wie Protestkundgebungen am Heiligabend. Nun gingen wir damals zwar zur Sitzung ins Karl-Liebknecht-Haus, doch nicht unbedingt zum Lachen in den Keller. 1996 veröffentlichte der Vorstand zu einer solchen Rosenmontagssitzung eine Presseerklärung. Darin hieß es: „Mit einer klaren 2-Stimmen-Mehrheit bei 16 Enthaltungen begrüßte der PDS-Bundesvorstand das Stattfinden des Rosenmontags. Die 18 Genossinnen und Genossen analysierten die aktuelle Lage und stellten mit tiefer Befriedigung fest, dass – vor allem im Rheinland – machtvolle Demonstrationszüge Hunderttausender die bundesdeutschen Herrschaftszentren praktisch lahmgelegt haben. Für eine in der Räte-Tradition stehende Partei ist es selbstverständlich, den 11-köpfigen Spitzengremien Glück und Erfolg zu wünschen.“

Gerade in Zeiten, in denen es um die bloße Existenz unserer Partei ging, waren Humor und Selbstironie gute Lebensmittel und verlässliche Medizin. Auf einer Basisversammlung in Eisenach hörte ich einmal den Appell: „Genossen, wir müssen über den Rand unserer Schnabeltasse hinausschauen!“ Als der Parteivorsitzende Gregor Gysi im Januar 1990 im Vorstand den Entwurf eines pessimistischen Alarmbriefes an die Mitgliedschaft vortrug, ließ Lothar Bisky stante pede einen Beschluss fassen, wonach der Chef „zum Zwecke, sich gründlich auszuschlafen, umgehend nach Hause zu schicken“ sei und diesem untersagt wurde, „in den nächsten vierundzwanzig Stunden das Gebäude des Parteivorstandes zu betreten“. Im Wahlkampf 1994 wollte uns die Union mit einer Rote-Socken-Kampagne in die Knie zwingen. Wir machten daraus eine Werbeaktion und Dutzende Genossinnen und ein paar Genossen kamen kaum nach mit dem Stricken höchst begehrter kleiner roter Söckchen. Im selben Jahr sollte die Partei mit einer absurden Steuerforderung ins Aus getrieben werden. Einige verantwortliche Politiker traten daraufhin in einen Hungerstreik, und mein kräftig gebauter Genosse Heinz Vietze stellte sich der Presse vor mit den Worten: „Ich bin hier die Langzeitvariante.“

Von besonderer Güte ist die unfreiwillige Komik. In einer „Kleinen Anfrage“ meiner Fraktion fand ich den Satz: „Der Brieftaubensport wird von etwa 50.000 Züchterinnen und Züchtern betrieben, von denen etwa die Hälfte an Distanzflügen teilnimmt.“ Ebenfalls in der Fraktion war eine Konzeption im Umlauf mit der Überschrift „Hoffnungen wecken“. In der Unterzeile stand zu lesen: „Nur für den internen Gebrauch!“ Einmal musste eine rasch verschickte, jedoch fehlerhafte Presseerklärung zurückgezogen werden. Ausgerechnet deren Titel: „Gründlichkeit statt Schnelligkeit.“ Ich selbst habe die Forderung „ Erbschaftssteuer darf nicht sterben“ veröffentlicht und mein Referent erklärte in einer Beratung: „Hier ist Sachverstand gefragt, nicht unser Büro.“

Mitunter hilft freilich nur noch Galgenhumor. Dabei denke ich nicht nur an Andrea Nahles’ Gesangseinlagen im Deutschen Bundestag. Reichlich komisch ist auch, wenn Ursula von der Leyen im Rahmen angeblich runderneuerter Bundeswehr- Traditionspflege alte Volksweisheiten wiederentdeckt. Guter Rat ist bekanntlich teuer. So sacken sich Beraterinnen und Berater die Taschen voll, denn der Teufel schielt immer nach dem größten Haufen (oder so ähnlich). Oder denken wir an den Verkehrsminister-Interpreten Andreas Franz Scheuer. Der feiert Party während in der Automobilindustrie deutsche Ingenieurskunst zur Zauberei mutiert: Tarnen, täuschen, tricksen. Der VW-Konzern berief übrigens zur Aufarbeitung des Abgasskandals einen extra Vorstand. Christine Hohmann-Dennhardt, die erste Amtsinhaberin, schied nach nur 13 Monaten aus und strich wohl 12,5 Millionen Abfindung sowie eine monatliche sofortige Rente von bis zu 8000 Euro ein. Und wie heißt dieses Ressort bis zum heutigen Tag? „Integrität und Recht“! So erhält im Wolfsburger Fußballstadion die Bandenwerbung von Volkswagen einen ganz neuen Sinn. Ziemlich schräg finde ich auch, dass Heimatminister Seehofer Menschen, die er am liebsten schnell loswerden will, in sogenannten Ankerzentren unterbringt oder der Grüne Robert Habeck künftig Demokratie für ein Bundesland wünscht, in dem die Seinen seit ein paar Jahren mitregieren.

Natürlich ist Politik keine Comedy, doch bisweilen wird sie dank „extra 3“ und „heute-show“ durchschaubarer als durch „Tagesthemen“, „Spiegel“ oder Bundestagsdebatten. Nichts liegt mir ferner, als die Herausforderungen zu verniedlichen, denen sich eine verantwortungsvolle Politik heute und künftig stellen muss. Doch Streiterinnen und Streiter für eine bessere Welt sollten optimistisch daherkommen, nicht sauertöpfisch. Wir propagieren Weltfrieden, nicht Weltuntergang. Wir wollen Selbstbestimmung, nicht Knechtschaft. Wenigstens hin und wieder könnten wir doch die geballte Faust gegen einen fröhlichen Smiley tauschen.

Meine schönsten Erinnerungen an die fünfte Jahreszeit verbinden sich mit dem Studentenfasching an der Berliner Hochschule für Ökonomie. Als Nordlicht fühle ich mich inzwischen auch beim Aschermittwoch mit deftigen Reden, Speisen und Getränken ziemlich wohl. Mit Prunksitzungen und Rosenmontagszügen fremdle ich noch, aber selbstverständlich wünsche ich allen Freundinnen und Freunden des Karnevals und des Faschings, der Fastnacht, Fasnacht oder Fasenacht noch ein paar tolle Tage. Helau! Alaaf! …oder wie immer das in Ihrer Gegend heißen mag.

Quelle: Dietmar Bartsch Facebook

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