Das sagenhafte Comeback des Euro

Dieter Spöri12.06.2012Politik, Wirtschaft

Historisch waren Krisen stets der Integrationsmotor von Europa – auch nun wird der Kontinent notwendigerweise weiter zusammenwachsen. Der Gewinner dieses Prozesses ist der Euro.

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Ein Stück Wahrheit steckt natürlich in fast jedem der schauerlichen Europa-Szenarien unserer Erregungsindustrie. Die EU ist wegen der aktuellen Finanz-, Schulden-, Spekulations- oder Euro-Krise (der geneigte Leser suche sich den passenden Schreckensbegriff selbst aus) in einer zweifelsohne “existenziellen Zerreißprobe”:http://www.theeuropean.de/walter-norbert/11012-sparpolitik-in-europa. Doch wer einmal historisch die Entwicklungszyklen der europäischen Integration nachvollzieht, ist dann über die aktuelle Krise gar nicht mehr sonderlich überrascht. Der europäische Einigungsprozess nach dem 2. Weltkrieg ist in Wahrheit ja nichts anderes als eine lange Kette von Existenzkrisen und mehr oder weniger tragfähigen Reformschritten des jeweiligen Krisenmanagements. Und genauso wird es vom Prinzip her auch in den nächsten Wochen mit der Euro-Krise weiterlaufen. Selbst wenn Griechenland nach der Wahl eine Parallelwährung „Geuro“ einführen sollte oder der Euro-Kurs kurzfristig noch weiter spektakulär gegenüber dem Dollar fällt, hat er doch langfristig eine glänzende Zukunft. Trotz aller sich immer greller überschlagenden Abgesänge steht der Euro nämlich kurz vor einem genauso unvermuteten wie sagenhaften Comeback.

Reaktion mit Schlagseite

Denn genau die durch eklatante Konstruktionsfehler der Währungsunion ausgelöste Krise hat inzwischen ungeahnte Reformkräfte stimuliert. Wer hätte bei Ausbruch der Griechenland-Krise 2010 geahnt, welche fundamentalen Reformen inzwischen in der demokratischen Pipeline Europas sind? Ich meine dabei nicht finanzielle Rettungsspritzen wie die jetzt anstehende Rekapitalisierung der spanischen Banken. Aber schon die bisherigen Gipfelergebnisse, mit denen künftig alle wesentlichen finanz- und wirtschaftspolitischen Stellgrößen der meisten Mitgliedstaaten aufeinander abgestimmt werden, sind unbestreitbar entscheidende Schritte hin zu einer politischen Union Europa. Allerdings hat die bisherige europäische Krisenreaktion eine folgenschwere Schlagseite. Die makroökonomisch absurd einseitige Bekämpfung der Finanzkrise im Buchhalterstil, deren brutaler Bremskurs die Konjunktur in den Krisenländern mitten im Abschwung immer weiter abwürgt, hat inzwischen katastrophale Folgen. Diese klassische Brüning’sche Parallelpolitik hinterlässt sogar schon im ansonsten starken deutschen Export in die Euro-Zone sichtbar negative Spuren. So frisst sich die Rezession durch einen prozyklischen Kurs langsam aber sicher vom Rand aus in die starken Kerne der Euro-Zone durch. Deshalb kann die Bundesregierung jetzt eigentlich froh sein, dass François Hollande der Kritik an dieser sozial unerträglichen und auch finanzpolitisch völlig kontraproduktiven Schieflage eine “unüberhörbare Stimme”:http://www.theeuropean.de/niels-annen/10968-neuer-staatspraesident-fran-ois-hollande gibt und so die Chance auf eine markante strategische Kurskorrektur der EU auf dem Gipfel Ende Juni öffnet. Dieser auch für das künftige Verhältnis Berlin-Paris prägende Gipfel muss mit dem zum Fiskalpakt komplementären Wachstumspakt eine auch direkt arbeitsmarktpolitisch überzeugende Perspektive bieten – insbesondere für die jungen Menschen in den Krisenländern Europas.

Rückkehr zur Reservewährung

Ein solcher neuer struktureller Gleichklang von Fiskal- und Wachstumspolitik wird den Euro nicht nur schnell und nachhaltig stabilisieren. Der in vielen Szenarien schon vorschnell totgesagte Euro wird dann unvermutet mit einem sagenhaften Comeback auch als internationale Reservewährung bald mit dem Dollar gleichziehen, denn die USA sind wirtschaftlich und finanzpolitisch strukturell schwächer als die EU. Damit wird in Europa wieder einmal eine existenzielle Krise zu einem vor Kurzem noch unvorstellbaren Reformschub führen. Hin zur politischen Union Europas, ohne die eine Währungsunion einfach nicht funktionieren kann.

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