Vernetzte Innovation als wichtiger Treiber für eine nachhaltige globale Zukunft | The European

Wir brauchen eine wholistische Innovation!

Dieter Brockmeyer14.03.2021Medien, Wirtschaft

Es geht nicht nur um höhere Effizienz und Gewinnsteigerung: Spätestens die weltweite Pandemie macht deutlich, dass eine viel breitere Definition des Innovationsbegriffs nötig ist.

Innovation ist mehr als Digitalisierung, Foto: Picture Alliance, Caer/Invision/AP

Als man uns Anfang vorigen Jahres mit der Covid-19 Pandemie konfrontierte, traf uns das völlig unvorbereitet. Niemand hätte auch nur annährend etwas von dieser Tragweite erwartet. Sicherlich war das ein wenig naiv, denn Pandemien gab es bereits davor und wird es auch in Zukunft geben.

Die Debatte um die Frage, ob die Reaktion zu heftig oder zu schwach war, wird uns sicher auch die nächsten Jahre noch begleiten. Es ist fraglich, ob wir darauf je eine klare Antwort bekommen.  Die Auswirkungen der Pandemie und der Reaktion darauf sind allerdings nicht zu übersehen. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet, und unser Leben geriet in Chaos. Wir verloren (zum Teil) unsere Freiheit, unsere Jobs, und in manchem Fall sogar unser Leben. Allerdings eröffnen sich in jeder Krise auch neue Möglichkeiten. Der Gründer des World Economic Forums in Davos, Klaus Schwab, spricht vom „Great Reset“ und er hat zumindest in einem recht: Wir mussten unser Leben insgesamt überdenken und neue Wege finden. Und vieles davon wird uns auch nach der Pandemie erhalten bleiben. Plötzlich waren wir mit der Notwendigkeit einer umfassenden Innovation aller Lebensbereiche konfrontiert.

Schon als wir uns kurz nach der Gründung des Diplomatic World Institutes im Juni 2019 zusammensetzten, um über unseren Zugang zum Thema Innovation zu sprechen, also noch vor Ausbruch der Pandemie, wurde uns sehr schnell klar, dass wir eine viel breitere Definition des Innovationsbegriffs brauchen. Jetzt ist das noch einmal viel deutlicher geworden. Die Pandemie hat unser Leben verändert, längst voranschreitende Veränderungen massiv beschleunigt und offengelegt, dass wir uns diesem Tempo anpassen müssen. Wir haben die Herausforderung angenommen.

Holismus und die falsche Zielgruppe

Während unserer Gespräche im Institut mussten wir schnell feststellen, dass es gar nicht so einfach sein würde, eine neue Definition zu finden, da wir uns in einem Bereich bewegen mit Begriffen, die schon von Interessengruppen innerhalb unserer Gesellschaft, der Wirtschaft und nicht zuletzt auch von dubiosen Verschwörungstheorien besetzt werden. Wir merkten schnell, dass wir tief in die Definitionen und den gegenwärtigen Zustand unserer globalen Gesellschaft einsteigen müssen, um unser Ziel verständlich zu machen.

Am Anfang sprachen wir von „Holistischer Innovation“, das hätte auch im Deutschen funktioniert. Wenn man allerdings im Netz nach „Holismus“ sucht, zentrieren sich die Ergebnisse auf alternative Medizin mit seinen oftmals esoterischen und mehr noch bizarren Ansätzen. Mein erster Eintrag auf Twitter zu holistischer Innovation wurde auch alsbald von holistischen Medizinseiten weiterverbreitet. Der Tweet war recht erfolgreich, leider in der falschen Zielgruppe. Die Redakteure der Seiten hatten wahrscheinlich meinen Text nicht einmal gelesen, sondern nur auf das „Buzz“-Word „holistisch“ reagiert…

Denn wir reden hier nicht über Esoterik, und auch Medizin ist sicher ein kleiner Teil dessen, was von Innovation betroffen ist. Von daher haben wir uns entschlossen, auf Englisch von „Wholistic Innovation“ zu sprechen, der Begriff ist dort viel weniger okkupiert. Im Deutschen hingegen ist auch der Begriff „ganzheitlich“ vereinnahmt worden. Vielleicht sollten wir im deutschen einfach den von uns vereinnahmten englischen Begriff beibehalten – WHOLISTIC – auch wenn das erst einmal komisch anmutet.

Innovation ist mehr als Digitalisierung

Was mich aber noch mehr überraschte, war in welcher Weise der Begriff „Innovation“ von der IT-Industrie in Beschlag genommen wurde. Seitdem ich meinen Titel „Director Innovation“ auf LinkedIn eingestellt habe, werde ich mit Anfragen der Verkaufsbeauftragten von Software-Unternehmen geflutet. Auch die haben mein Profil nicht gelesen, sondern gehen einfach davon aus, dass der Direktor Innovation für die Entwicklung und Implementierung von Softwarelösungen im eigenen Unternehmen zuständig sein muss. Ein und für allemal: Nein, das bin ich nicht! Allerdings wurde der Begriff weitgehend okkupiert und Innovation wird fast nur noch auf das Umfeld der Digitalisierung verengt.

Er wurde als Technikbegriff vereinnahmt: Ein Start-Up bringt eine tolle neue Technik an den Start und revolutioniert damit den Markt. Durch sie kann alles viel effizienter und einfacher erledigt werden, natürlich ohne Personalabbau. Die Leute können sich jetzt einfach auf die wichtigeren Dinge konzentrieren, die sonst zu kurz kommen… Das ist es, was uns immer wieder erzählt wird. Das wird uns auch gerade wieder erzählt bei den Robotern, angetrieben durch Künstliche Intelligenz (KI), die gerade in den Unternehmen Einzug halten. Wir wissen alle, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist! In vielen Fällen wird es eher so aussehen: Ein Teil der Belegschaft wird entlassen, während beim verbleibenden Teil ausgetestet wird, wie viel jetzt mehr geleistet werden kann. Höhere Effizienz zur Gewinnsteigerung, das ist es, wozu Innovation in den letzten Jahren verkommen ist, und das mit einem immer größeren Momentum.

Quanten-Computer für jedermann

Das wird weiter zunehmen. Die nächste Hardware-Generation, die Quanten-Computer, stehen schon in den Startlöchern. Kleine bezahlbare Computer der nächsten Generation werden bald leistungsfähiger sein als die Supercomputer von heute und werden unser Wissen überproportional erweitern. Das wird, unter anderem, alles, was wir heute über Datensicherheit zu wissen glauben, auf den Kopf stellen, und wir werden uns in einem bisher ungekannten Ausmaß auf Veränderungen einstellen müssen.

Für viele ist das bereits heute ein großes Problem. Viele wissen heute schon nicht, was auf sie zukommt und haben lediglich ein diffuses Gefühl, dass etwas Unbegreifbares passiert: Ihre Jobs geraten in Gefahr und Dinge, die man über Jahre kannte und liebgewonnen hat, verändern sich plötzlich, fast schlagartig… Was auch wahrgenommen wird, ist, dass die Systeme zunehmend an Balance verlieren und ungerechter werden, etwa wenn es den Tech-Giganten Google und Apple gelingt, durch geschicktes weltweites Taktieren nirgends Steuern zahlen zu müssen.

Eine neue Weltordnung?

Und das ist lange noch nicht alles, denn gleichzeitig verändert sich das Klima. Die Temperaturen steigen weltweit, und das verlangt uns signifikante Einschnitte in unserem Lifestyle ab. Auch das hat mit dem technischen Fortschritt zu tun: Wir können immer schneller und billiger produzieren und einfach von einer Seite des Globus auf die andere transportieren. Wir überdehnen den Verbrauch unserer Ressourcen genauso wie die Fähigkeiten der Menschen, in dem wir sie nur noch als Humankapital wahrnehmen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Das verlangt nach einer neuen Weltordnung! Nicht in der Art, wie sie in Verschwörungstheorien verwendet wird, die darin den jahrhundertalten Plan von Illuminati und Freimaurern sehen, uns zu knechten. Was wir brauchen, ist ein neues, global abgestimmtes System, ein klar abgegrenztes Spielfeld und gleichberechtigtes Regelwerk, das es allen Beteiligten erlaubt, nachhaltig ihre Aktivitäten zu entfalten. Das ist die Herausforderung, gleichermaßen für Diplomatie wie auch für Lobbyisten und alle anderen Beteiligten. Das ist ein langer Weg, der heute erst auf den allerersten Metern ist. Zu stark ist noch der Wunsch nach der alten Komfortzone und danach, den eigenen Vorteil zu erhalten.

Grundlagen des Wandels

Das ist die Situation, mit der wir heute konfrontiert sind. Die Neudefinition des Begriffs „Innovation“ könnte eines der Werkzeuge sein, um die Aufgabe zu stemmen. Es könnte sogar ein sehr wichtiges Werkzeug sein. Natürlich wird die Technik in vielen Fällen im Zentrum bleiben, eben weil sie es ist, die oftmals die Grundlage von Wandel bildet.

Wir werden aber unsere Perspektive darauf verändern müssen mit zwei zentralen Fragen:

  • Was braucht unser Planet, und was braucht unsere Gesellschaft?
  • Wie können wir unsere Lebensqualität verbessern und wie muss sich die Wirtschaft ändern, um das zu erreichen?

Teilweise verlangt das keine neue Technologie, sondern „nur“ neues Denken. Hier ein Beispiel, das ich von einem guten Freund in den USA habe: Ein französischer Lebensmittelhersteller in Frankreich produziert eine aufwendige Schokoladentorte, bei der die Kühlkette nicht durchbrochen werden darf, um sie frisch zu halten. Die wird nun in Kühlcontainer verladen mit LKW, Schiff und wieder LKW an Supermärkte in den USA geliefert, wo sie für 6.50 $ verkauft wird. Wieviel Energie und CO2 wird dafür verbraucht?

Viel einfacher und Ressourcen sparender wäre es doch, Marke und Rezept an lokale Unternehmen zu lizensieren. Das Modell ist wirklich nicht neu. Die großen Softdrink-Giganten arbeiten schon seit Jahrzehnten danach, und auch im Retail und Cateringsektor hat sich das Franchising längst durchgesetzt. Natürlich spielen hier auch noch andere Faktoren hinein, etwa der mögliche Verlust von Arbeitskräften im Herstellerland und in der Logistik. Es ist ein extrem komplexer Zusammenhang, der genau in seiner Wirkungsweise analysiert werden muss, um wirklich einen positiven Effekt zu haben. Denn etwas, was in einem Bereich sehr positiv ist, strahlt auch in andere Bereiche, wo der langfristige Effekt möglicherweise genau das Gegenteil ist. Auch diese Vernetzung muss viel stärker mitgedacht, berücksichtigt werden, als es heute zumeist noch geschieht.


Der Beitrag basiert auf der englischsprachigen Einleitung von Dieter Brockmeyers soeben erschienenem Buch „Pandemia’s Box“, mit dem die Schriftenreihe des von ihm mitbegründeten Diplomatic World Institutes in Brüssel eröffnet wird. Es erklärt das Konzept der „Wholistischen Innovation“ und die Rolle, die es für einen nachhaltigen Planeten spielen kann. Das Buch kann als E-Book oder Taschenbuch auf Amazon erworben werden

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