Unter falscher Flagge

von Diana Kinnert13.02.2015Gesellschaft & Kultur

Das Christentum reagiert mit Engstirnigkeit und Konservatismus auf die Moderne – ein Fehler, der auch dem SĂ€kularismus droht.

Als Kaiser Konstantin I. im Jahr 312 n. Chr. zu einem Feldzug gegen den eigenen Schwager und Rivalen Maxentius aufbricht, soll sich ihm – alten ErzĂ€hlungen zufolge – ein göttliches Zeichen offenbart haben. Es sei zur Mittagsstunde erschienen, als Konstantin gen Himmel blickte und zunĂ€chst von gleißendem Licht geblendet wird. Dann aber sieht er ein Kreuz, ganz aus Licht und die Sonne ĂŒberlagernd. Eine Stimme spricht zu ihm: „Durch dieses siege!“

Konstantin, dem es um die Arrondierung seines Machtbereiches im Westen Italiens einschließlich der alten Hauptstadt Rom geht und der einem Heer von 40.000 Mann vorsteht, befiehlt seinen MĂ€nnern daraufhin, das Kreuz als Feldzeichen an die Schilde der Soldaten und die Fahnen seines Heeres anzubringen. In der entscheidenden Schlacht an der Milvischen BrĂŒcke ist Konstantin siegreich. Er wird alleiniger Herrscher im römischen Westreich und lĂ€utet ein, was heute als konstantinische Wende bekannt ist: Die Umkehr von der Verfolgung des Christentums zur Reichskirche der SpĂ€tantike.

Zur Erinnerung an die als Befreiung gefeierte Eroberung Roms lĂ€sst der römische Senat im Jahr 315 n. Chr. den Konstantinsbogen einweihen, in dessen Inschrift der Sieg Konstantins mit seiner GenialitĂ€t („mentis magnitudine“) und dem Einfluss göttlicher Macht („instinctu divinitatis“) begrĂŒndet wird. Der Bischof Eusebius von Caesarea schreibt ein Loblied auf Konstantin, in dem es heißt, dass dieser einen „Krieg unter dem Kreuz fĂŒhre, welcher damit heilig sei“. Fortan werden FeldzĂŒge zur Ausdehnung des Christentums theologisch legitimiert und praktiziert.

SelbstentĂ€ußerung statt Triumphalismus

Wie aber sĂ€he die Kirche von heute aus und wie auch sĂ€he das Europa von heute aus, hĂ€tte Konstantin die Erscheinung des Kreuzes auf eine andere Art verstanden? Diese andere Art des Lesens und Verstehens beschreibt der Apostel Paulus zum Ende hin des 2. Korintherbriefes. Dass Christi Kraft in Schwachheit mĂ€chtig ist, dass sie bei denen wohne, die sich mit Schwachheit rĂŒhmen, heißt es dort. Darum sei er frohen Mutes in Nöten und in Verfolgung um Christi willen, spricht der Apostel, „denn wenn ich schwach bin, bin ich stark“.

FĂŒr den Apostel Paulus ist das Kreuz Zeichen der Kenosis, der SelbstentĂ€ußerung, des Verzichts auf die Herrlichkeit des Seins bei Gott, des Tausches der Gottesgestalt gegen ein Sklavendasein um der Menschen willen, des Aktes Jesu als Ausdruck der Liebe Gottes – das alles ist auch das Paradox, auf dem das Christentum selbst grĂŒndet, und es ist all das, was die konstantinische Deutung nicht ist: das Gegenteil von Triumphalismus und Hochmut, das Gegenteil von Macht und Gewalt, das Gegenteil von Zwang und UnterdrĂŒckung.

Kirche als Àngstlich verschlossene Festung

Die Moderne ist, weiß Gott, kein gewolltes Kind der Kirche. Der Gehorsam gegenĂŒber der Kirche wird infrage gestellt. Mit der Auflösung der Einheit von weltlicher und geistlicher Macht blĂŒhen PluralitĂ€t und Dynamik auf. Auf Grundlage der Fragmentierung der Gesellschaft konstituiert sich die sĂ€kulare Welt. Das traditionell-konservative Christentum begegnet der Moderne mit Engherzigkeit und VerdĂ€chtigungen. Die Kirche als offenes Gotteshaus verbarrikadiert sich zur Ă€ngstlich verschlossenen Festung. Der Weg zu Freiheit und Emanzipation, zu MĂŒndigsein, Erwachsensein und Reife wird nicht als Raum religiöser Wirklichkeit und Erfahrung wahrgenommen, sondern wird konsequent als Feindbild zu bekĂ€mpfen versucht. Ein Fehler. In Wahrheit ist die Moderne kein Gegenentwurf zur ReligiositĂ€t, sie ist bloß eine KulturbiosphĂ€re, in der man sich um Weiterentwicklung bemĂŒhen oder sich dieser traumatisch verschließen könne.

Der antimodernistische Kampf der Kirche ist blutig und kaltherzig, unglĂŒcklich und falsch. Er kann gar nicht siegreich sein. Auf die Freiheitsliebenden reagieren die christlichen Glaubenskrieger mit der Unheiligkeit konstantinischer Kriege. Ihr Blut ist Grund genug fĂŒr viele, dem Christentum den RĂŒcken zu kehren. Gleichsam reißen die Inquisitoren auf ihrer Hexenjagd mit dem Unkraut auch den Weizen aus. In Wissenschaft und Philosophie fehlt es an intellektueller EbenbĂŒrtigkeit. Es setzt sich ein religiöser Partikularismus durch, der die Einigkeit der GlĂ€ubigen bricht und ihre gemeinsame Geltungsmacht schmĂ€lert.

Bis heute gelten der Atheismus und der Laizismus in einem sĂ€kularisierten Westen als Sieger der Moderne. Zivilisatorischer Fortschritt sind beide aber nur dann, wohnt ihnen keine ureigene ReligiositĂ€t, kein ureigener Ideologismus inne. Bleiben Atheismus und Laizismus auf halber Strecke stehen und finden nicht den Mut, die eigene Überzeugung in Zweifel zu ziehen, verkommen sie zur Religion sui generis.

Umkehrung des Kreuzparadoxons

FĂŒr den Atheismus und den Laizismus gilt genauso wie fĂŒr die Kirche die Umkehrung des Kreuzparadoxons: Wer gesiegt hat, der verliert. Wer allherrschend und gebieterisch ist, entledigt sich seiner Selbstreflexion. Gerade das Christentum wird daran gemessen werden, ob es der VerfĂŒhrung des Triumphalismus widerstehen und sich seiner sicher sein kann in der Moderne. Die Moderne ist kein Untergang der ReligiositĂ€t. Sie ist eine Chance. Joseph Ratzinger und JĂŒrgen Habermas sind gleichsam zu dem Schluss gekommen, dass ein selbstkritisches Christentum und ein selbstkritischer SĂ€kularhumanismus einander notwendig brauchen, um ihre Einseitigkeiten gegenseitig zu korrigieren. FĂŒr den GlĂ€ubigen mag der Glaube in der Moderne gar der wirkungsmĂ€chtigste und erleuchtendste ĂŒberhaupt sein: Es ist ein Glaube in Selbstvergewisserung.

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