Heimweh

von Diana Kinnert15.01.2015Innenpolitik

Heimat und Nationalstolz sind in Deutschland verpönt. Welch großer Fehler in Zeiten der Globalisierung.

„Ohne Heimat sein, heißt leiden“, schreibt Dostojewski. „Wohl dem, der eine Heimat hat“, schreibt Nietzsche. Es heißt, Chopin habe einen Silberpokal gefüllt mit polnischer Erde von Warschau nach Paris getragen. Dort soll er ihn bis zu seinem Tode wie einen Schatz behütet haben.

An der Seine sehnte es auch Heine nach der Heimat. Seine Nachtgedichte kommen kaum ohne Hohelied auf deutsche Eichen aus. Nicht anders bekannten sich auch Fontane und Eichendorff. „Für ein Schiff ohne Hafen ist kein Wind der richtige“, stammt von Seneca. „Heimat ist da, wo man meine Sprache spricht“, wird Ovid zugeschrieben. Ob Euripides oder Hölderlin, ob Goethe oder Schiller – sie alle schrieben über das Glück der Heimat.

Wo auch immer Menschen geboren werden, Wurzeln schlagen, sich zugehörig fühlen und Wärme empfinden, immer ist an diesen Orten auch von der lieben Heimat die Rede. Und wie bei so vielen Dingen, trifft auch für das Heimatgefühl zu: Es keimt gerade dann in Menschen auf, wenn ihnen die Heimat entrissen scheint. Auch deshalb war die blutgetränkte Erde Europas seit jeher ein wertvoller Acker für leise und laute, kniefällige und inbrünstige Heimatlieder.

Deutschland: Heimat für uns alle

Über Jahrzehnte ist Heimat als Verlusterfahrung eng an die Historie der Europäer und Deutschen geknüpft. Viele Millionen Menschen sind seit dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert. Berücksichtigt man Vertriebene und Aussiedler, zählt über die Hälfte der Deutschen zur Einwanderungsbevölkerung. Im geeinten Europa erlebt die Bundesrepublik ihre Blütezeit. Sie ist zu sicherem Schutzraum und offenem Heimathafen geworden. Heimat für uns alle.

Für all jene, in deren Herkunftsländern Kriege und Terror wüten, ist die Sehnsucht nach Heimat auch gegenwärtig Wirklichkeit. Wo Leben und Zuhause bedroht sind, wo Familien unter Gewalt und Folter leiden, wo Unterdrückung und Unfreiheit herrschen, überall dort ist Heimat unmöglich geworden. In einer deutschen Flüchtlingsunterkunft frage ich eine junge syrische Mutter, wen sie in der alten Heimat vermisse. Im gleichen Atemzug, in dem sie von Eltern und Geschwistern sprach, fiel auch das Wort der Nachbarn. Sich in der Fremde neu zu beheimaten, ist eine Herausforderung. Am Abend singt die junge Mutter in ihrer Muttersprache. Sie weint dabei.

Heimat lässt sich nicht so einfach abwaschen. Der in die Vergangenheit gerichtete Blick auf die Heimat macht sie zu einem Raum der Erinnerung. Weil Heimat gerade im rückwärtsgewandten Blick wirkt, in schmerzender Erinnerung, in glühender Sehnsucht, weil Heimat gerade dann wirkt, scheint sie genommen und verloren, wohnt ihr auch immer der Charakter des Utopischen inne. „Etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“, schreibt der deutsche Philosoph Ernst Bloch zwischen 1938 und 1947 im US-­amerikanischen Exil.

Der Heimatbegriff wurde zum politisch-ideologischen Kampfbegriff

Jener Utopie-Charakter hat den Heimatbegriff selbst in die Knie gezwungen. Weil Utopien mit verlockenden Trugbildern, falschen Versprechungen und großen Illusionen aufwarten, sind sie immer schon anfällig für politischen Missbrauch. Nichts anderes widerfuhr dem Heimatbegriff. Hans Grimms Roman „Volk ohne Raum“ von 1926 wurde zu einem Klassiker der Blut-und-Boden-Literatur des Nationalsozialismus. In der Folge vermengte sich der Heimatbegriff mit imperialistischem Machtanspruch und rassistischem Biologismus. Der Heimatbegriff wurde zum politisch­-ideologischen Kampfbegriff.

Aufgrund dieses Wortmissbrauchs wohnt dem Heimatbegriff auch nach 1945 immerzu der Ideologieverdacht inne. Die Bundesrepublik hat darauf reagiert. Aus dem Unterrichtsfach Heimatkunde wird das Unterrichtsfach Sachkunde. Aus der Bundeszentrale für Heimatdienst wird die Bundeszentrale für politische Bildung. Aus den Heimvolkshochschulen werden Bildungszentren und Akademien. Das Wort Heimat wird verbannt – und mit ihm auch die Artverwandten Nationalstolz und Vaterlandsliebe. Öffentlichkeit, Sprache und Köpfe scheinen bereinigt.

Dem Kampf gegen den Heimatbegriff fühlt sich heutzutage insbesondere das links­progressive Milieu verpflichtet. Zwar sei es irgendwie in Ordnung, präsentiere man sich als stolzer Jeck vom Niederrhein oder waschechtes Nordlicht vom Hamburger Hafen, der stolze Deutsche aber gehöre in die absolute Versenkung. Lieber nur Europäer sein! Oder gleich Weltbürger! Für modern und aufgeklärt halte man das, man habe nicht nötig, sich seinen Stolz aus einem Stück Erdreich herauszulesen.

Heimat meint Verantwortung, Anteilnahme, Mitwirkung

Die Sehnsucht nach Heimat und die Liebe zur Heimat – beide sind so menschlich wie der Mensch selbst. Der Kampf gegen die Nationalverbundenheit ist falsch. Der Deutsche hat Heimweh. Nur wer ein Zuhause hat, hat auch Nachbarn. Nur wer sein eigenes Wesen selbstbewusst anerkennt, dem gelingt auch die Anerkennung des anderen als kulturell ebenbürtig. Der Multikulturalismus ist niemals gescheitert, weil er niemals Wirklichkeit war. Das pluralistische Miteinander gedeiht erst im Erdreich eines nationalen Selbstbewusstseins. Beides widerspricht sich nicht, es bedingt sich gar und bringt einander hervor.

In einer Welt, die im Umbruch ist, schneller und wahnsinniger als je zuvor, braucht es das Gemeinwesen selbstbewusster Staatsbürger und moderne Bekenntnisse zur eigenen Heimat. Wie eng umzirkelt das eigene Heimatempfinden auch sein mag, nichts ist wichtiger, als sich mitverbunden und mitverantwortlich zu fühlen. Das ist die Grundlage unserer Demokratie. Heimat entsteht nicht durch Geburt. Sie entsteht nicht in Abgrenzung zu etwas oder in der Verwünschung einer autoaggressiv kreierten Schuldgruppe. Heimat ist Verbundenheit in Freiheit. Heimat meint Verantwortung, Anteilnahme, Mitwirkung.

Ein Heimatbegriff, der sich auf die Grundpfeiler unserer Demokratie stützt, der sich zu den freiheitlichen Errungenschaften europäischer Aufklärung bekennt und „Ja“ sagt zu einem Miteinander der Vielfalt – einen solchen Heimatbegriff haben wir dringend nötig. Wir dürfen stolz sein auf dieses Deutschland, seine Hymne singen und seine Farben tragen. Nur so entwaffnen wir die Angreifer von außen und besänftigen die Zweifler im Innern.

„Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“, ragt auf einer jeden Titelseite des „Hamburger Abendblattes“ herrschaftlich über den Meldungen des Tages: Jene Zeile des Dichters Gorch Fock darf uns allen Leitsatz sein.

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