Wir haben das Kapitel Nationalmannschaft endgültig auf den Grund gefahren. Oliver Kahn

Und du so, Deutschland?

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft muss endlich anfangen, ihre muslimischen Mitbürger zu respektieren – und auf die Frage antworten, was Deutschland eigentlich zu bieten hat.

In Deutschland ist die Idee der Multikulti-Gesellschaft schon seit einiger Zeit tot und begraben (zurecht). Seit nun das Phänomen der home-grown terrorists auch unsere Gesellschaft erreicht und junge deutsche Muslime nach Syrien und Irak reisen, um für den IS zu kämpfen, heißt es wieder verstärkt: „Viel Spaß, wenn du Muslim bist.“

Wir haben ein massives Problem. Und ich meine ausnahmsweise nicht den radikalen Islam oder den politischen Islamismus. Die Haltung Deutschlands gegenüber Mitbürgern, die nicht europäisch oder christlich sind, hat sich seit den 1950er-Jahren wenig verändert. Die Politik und auch zum großen Teil die Presse, also die meinungsführende Avantgarde, die die Gesellschaft in ihrer Breite erreichen und bilden soll, leugnet, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die einzigen Momente, in denen das Thema groß und weitreichend in Erscheinung tritt, ist, wenn es um die gescheiterte Multikulti-Gesellschaft, „Parallelgesellschaften“, „Ehrenmorde“, Salafistenmilizen oder Armutsmigration geht. Es wird gemeckert und beschuldigt, verlangt und diktiert. Man sucht vergebens nach Respekt für unsere muslimischen Mitbürger. Es herrscht Verdrängung seitens der Politik und der Gesellschaft. Und wenn dies nicht mehr möglich ist, zückt man die Karte der wehrhaften Demokratie – wie zum Beispiel Herr Gerhard Papke in seinem Beitrag.

Längst überholte Perspektiven

Gerhard Papkes Analyse ist in einigen Aspekten korrekt. Extremismus kann eine Gefahr sein und die Integration – wobei eigentlich Assimilation gemeint ist – ist in vielen Punkten gescheitert. Doch auch Herr Papkes Beitrag leidet daran, dass er aus einer Perspektive spricht, die schon längst überholt ist. Das Resultat ist der Kern des Problems: Herr Papke, Sie sind nicht mehr in der Position, einseitig die Regeln zu diktieren. Ihre Argumentation offenbart eine traurige Gegebenheit. Sie sprechen über massive Integrationsprobleme, und vor Ihrem geistigen Auge sehen Sie wahrscheinlich Grüppchen von Frauen mit Kopftuch. Sie sprechen über Parallelgesellschaften und die deutsche Sprache, und vor Ihrem geistigen Auge sehen Sie den türkischen Gemüsehandel im Stadtteil, den Sie persönlich nie betreten. Sie sprechen von Reformen des Staatsangehörigkeitsgesetzes, und vor Ihrem geistigen Auge sehen Sie wahrscheinlich bärtige junge Salafisten, die das Grundgesetz durch den Gerichtssaal schleudern und den Koran hochhalten.

Sie sprechen über all diese Fragen, als ob die Menschen, die Sie vor Ihrem geistigen Auge sehen, Migranten wären. Das waren sie vielleicht vor 60 Jahren. Heute sind die meisten dieser Menschen und ihre Kinder deutsche Staatsbürger, hier geboren und nicht erst durch Einbürgerung deutsch geworden. Ich glaube nicht, dass Sie das Staatsangehörigkeitsgesetzt soweit „reformieren“ möchten, dass Sie gegen diese Menschen etwas unternehmen könnten. Die deutsche, christlich oder säkular geprägte Mehrheitsgesellschaft, muss endlich der Realität, die sich in den letzten Jahrzehnten manifestiert hat, ins bärtige und kopftuchumrahmte Gesicht schauen: Das sind unsere deutschen Mitbürger. Und sie haben genauso ein Anrecht auf das Mitaushandeln der neuen gesellschaftlichen Regeln und Werte wie alle anderen.

Langer Wunschkatalog

Regierungen seit der Gründung der Bundesrepublik gingen davon aus, dass die Gastarbeiter früher oder später heimgehen würden. Zu Beginn wurde das Abschotten in Ghettos sogar wohlwollend nachvollzogen; die Menschen sollten ja den Kontakt zu ihrer Kultur nicht verlieren – schließlich würden sie wieder dorthin zurückkehren. Doch sie blieben. Eigentlich das größte Kompliment, das jemand einem Land machen kann. Doch Deutschland mag Komplimente nicht so. Wenn wir als Gesellschaft den Entwicklungen nicht immer 50 Jahre hinterherhinken möchten, ist es an der Zeit, eine ehrliche und offene Auseinandersetzung zu führen. Dies wird aber bedeuten, dass auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft sich Kritik anhören und Zugeständnisse machen muss. Dann wird man sich nach dem Vortragen eines langen Wunschkatalogs auch die Frage anhören müssen: „Und was hat Deutschland so anzubieten?“ Islamunterricht, Türkischunterricht, Arabischunterricht? An staatlichen Schulen?

Den zehn diktierten Forderungen der wehrhaften Demokratie von Herrn Papke habe ich eine Feststellung entgegenzusetzen: Die deutsche, alteingesessene Mehrheitsgesellschaft muss anfangen ihre deutschen muslimischen Mitbürger zu respektieren und ihnen zuzuhören. Die Menschen, über die sie noch als Migranten, die man abschieben kann, sprechen, sind in Wahrheit Bürger der dritten Generation. Ihre Eltern und Großeltern haben Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder mitaufgebaut. Sie leben hier und sie leisten ebenso einen Beitrag wie Sie. Daher müssen Sie mit ihnen sprechen, sich anhören was sie zu sagen haben, und ihren Bedürfnissen entgegenkommen.

Den Islam zulassen

Momentan hat ein Mensch mit Migrationshintergrund zwei Möglichkeiten. Er kann seinen Migrationsteil auflösen, vernachlässigen, nicht mehr pflegen und so zu einem sterilen deutschen Bürger mit etwas ungewohntem Namen oder Aussehen – oder beidem – werden. Oder er kann versuchen, beide Teile zu vereinbaren und sich in einer schizophrenen, in zwei Teile geteilten Welt, wiederfinden. Beides macht keinen Spaß, glauben Sie mir. Momentan gibt es kein Konzept, kein Vorbild, keine Sprache, die es möglich macht, den Islam (oder den jeweiligen Hintergrund den man hat) als genuin zu Deutschland gehörend zu denken oder zu leben. Deutschland leugnet bis heute, dass es eine Einwanderungsnation ist. Solange diese Einstellung herrscht, werden wir in absehbarer Zukunft keinen Fortschritt machen in puncto besseres Zusammenleben, Integration oder Teilhabe.

Wir stehen noch ganz am Anfang einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Christian Wulff hat gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Das ist eine nette Aussage, aber sie hat keine Bedeutung – denn sie stimmt nicht. Niemand weiß, wie das aussehen soll oder was diese Worte bedeuten sollen. Das alte Deutschland muss einen Weg finden, den Islam zuzulassen. Dazu muss aber eine ehrliche Auseinandersetzung stattfinden, in der den „neuen“ Mitbürgern mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hamed Abdel-Samad, Barbara Köster, Egidius Schwarz.

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