Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Hintergrund

Menschens Werk und Teufels Beitrag

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Die zahlreichen Missbrauchsfälle in der Kirche bringen Bewegung in den Klerus. Der Zölibat, also die priesterliche Verpflichtung zur Keuschheit, wird oft als eine der möglichen Ursachen für die sexuellen Übergriffe genannt. Doch auch bei protestantischen Einrichtungen werden immer mehr Fälle bekannt.

Hintergrund

“Ihr dürft, ihr sollt Kinder in den Arm nehmen, wenn ihr euch der Grenzen bewusst seid. Die Kirche kann den Menschen nahe sein, ohne übergriffig zu werden.” (Matthias Dobinski, Süddeutsche Zeitung)

Begonnen hatte die Welle bekannt gewordener Missbrauchsfällen in Deutschland am Berliner Elitegymnasium Canisius-Kolleg, aus Einzelfällen wurden schnell gehäufte Fälle. Nachdem sich zunächst sieben Schüler über schon etwa 30 Jahre zurückliegende Missbrauchsdelikte äußerten, waren es bereits nach kurzer Zeit 30 Fälle.

Aber auch außerhalb des Canisius-Kollegs häufen sich die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester. Für die katholische Kirche – gerade auch in Bayern, der Heimat des Papstes – erst der Anfang. In der Amtszeit des jetztigen Papstes Benedikt XVI. als Erzbischof des Bistums München und Freisingen wurde ein wegen Kindesmissbrauchs bekannter Priester weiterhin in der Gemeindearbeit der Diozese weiterhin eingesetzt. Hinzu kam, dass Benedikt XVI laut Presseberichten seine Zustimmung für die Versetzung des betroffenen Geistlichen von Essen nach München 1980 gab. Trotz einer Verurteilung durch das bayrische Amtsgericht, blieb der Priester weiter im Amt. Auch der Bruder Benedikt XVI., ehemaliger Leiter der Regensburger Domspatzen, wurde bezichtigt, mit sehr viel Gewalt für Ordnung in seinem Knabenchor gesorgt zu haben. Er selber leugnet dies. Stützend auf einen Bericht des Spiegels, spricht die Süddeutsche Zeitung von knapp 100 Kleriker und Laien, die seit 1995 unter Missbrauchsverdacht stehen.

Wichtig in diesem Zusammenhang sind aber auch die anderen weltweiten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Irland und in Südamerika sind seit 2002 Missbrauchsfälle öffentlich geworden. In Amerika betraf es neben Los Angeles auch Boston und Oregon. In Irland 2009 betraf es Kinderheime, Weisenhäuser und Arbeitsschulen in der Diözese Dublin. In Südamerika betraf der Missbrauchsskandal vor allem den Gründer der “Legionäre Christi” Marcial Maciel Degollado

Kritisch betrachtet wird vor allem der Umgang der Katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen. Viele Menschen in Deutschland haben ihr Vertrauen in die Kirche und vor allem in die Bischöfe verloren. Gerade die mangelnde Unterstützung der Katholischen Kirche für die rechtliche Verfolgung der Straftäter sorgt für Unverständnis in der Bevölkerung.

Die Missbrauchsfälle haben zu deutlich höheren Kirchenaustritten geführt. In einem Artikel der Süddeutschen Zeiung vom 5. Mai 2010 berichten die Befragten, dass sie vor allem wegen der Missbrauchsfälle und der Verschleierungspolitik der Kirche ausgetreten seien. Traten 2007 noch 93.667 Menschen aus der Kirche aus, stiegen die Zahlen 2008 auf 121.155, 2009 auf 123.681 und schließlich 2010 auf 181.193 an.

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Missbrauch in der Kirche

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"Überwindung täterschützender und kinderfeindlicher Machtstrukturen"

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Ein Aufklärungsversuch

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