Vor 77 Jahren - Attentat auf Adolf Hitler | The European

Helmut Ortner20.07.2021Medien, Wissenschaft

Vor 77 Jahren, am 20. Juli 1944, haben Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter versucht, Hitler mit einem Bombenattentat zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Widerstandskämpfer scheiterten und wurden hingerichtet. Heute wollen sich querdenkende Menschen den Status eines Widerstandkämpfers anheften. Eine grässliche und beschämende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Ein Kommentar von Helmut Ortner.

Vor 77 Jahren, am 20. Juli 1944, haben Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter versucht, Hitler mit einem Bombenattentat zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Widerstandskämpfer scheiterten und wurden hingerichtet. Heute wollen sich querdenkende Menschen den Status eines Widerstandkämpfers anheften. Eine grässliche und beschämende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Ein Kommentar von Helmut Ortner.

Wir erinnern uns: Im November letzten Jahres bevölkerten an Wochenende Tausende von Querdenkern die Innenstädte des Landes. Es waren Leute zu sehen, die sich Judensterne an ihre modischen Anoraks hefteten, auf denen »Ungeimpft« oder »Jesund« stand. Dauerempörte »Kämpfer der Freiheit« beanspruchten, Opfer zu sein. Sie fühlten sich vom Staat reglementiert und verfolgt. Dabei hatten sie mit keinerlei staatlicher Repression zu rechnen. Sie entblödeten sich nicht, sich als die wahren Erben, als Kämpfer der Freiheit gegen »Diktatur und Faschismus« auszugeben. Sie skandieren »Nie wieder! und  »Wehret den Anfängen!«. So zog die bunte Querfront-Polonaise, vollends von jeder Rationalität befreit, unter den Rufen von „Wir sind frei, Corona ist vorbei!“ durch die Zentren der Städte.  Volksfeste des kollektiven Wahns.

In Hannover verglich sich eine junge Frau auf einem »Widerstands-Festival« in Hannover mit der von den Nazis ermordeten Sophie Scholl. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin“, verkündet sie unter dem Beifall der Querdenker-Gemeinde.   Das  war sogar der New York Times einen Beitrag wert. Im Artikel hieß es, die Rede der jungen Frau  Rede sei das „jüngste Beispiel“ von Anti-Corona-Demonstranten und Verschwörungs-Erzählern, die ihren Protest mit der Unterdrückung und Ermordung der Juden durch die Nazis gleichsetzten. Man fühlte sich in Zeiten zurückversetzt, als sich der nazi-kontaminierte Hitler-Durchschnittsdeutsche gerne selbst als Nazi-Gegner und Widerstands-Kämpfer eingestuft sehen wollte. Nun wollten allerlei querdenkende Menschen sich selbst den Status eines Widerstandkämpfers anheften.  Eine bizarre Wahrnehmung der Wirklichkeit. Auf grässliche und beschämende Weise wird der Nationalsozialismus verharmlost.

Gestern erinnerte Bundesarbeitsminister Hubert Heil bei einer Veranstaltung in der  Gedenkstätte Berlin-Plötzensee an den Widerstand vom 20. Juli. Vor 77 Jahren, am 20. Juli 1944,  hatte der Wehrmachtoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter versucht, Hitler mit einem Bombenattentat zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Widerstandskämpfer scheiterten und wurden hingerichtet. Derr SPD-Politiker  hatte eine wichtige Botschaft: »Der Missbrauch des Widerstands gehört längst zum geschmack- und geschichtslosen Narrativ eines bestimmten politischen Milieus in Deutschland«.

Nicht allein verschwörungs-bewegte Querdenker sind damit gemeint.  Spätestens seit dem Einzug in Landesparlamente und den Bundestag hat das Rechts-Milieu eine parlamentarische Bühne und ein öffentlichkeitswirksamer Podium, auf der kalkulierte Tabu-Brüche und gezielte Provokationen – etwa Björn Höckes Gerede von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad«  oder Alexanders Gaulands »Vogelschiss«-Verharmlosung der Nazi-Diktatur ­– regelmäßig und absichtsvoll erfolgen. Die Verwendung des Begriffes »Widerstand« gehört dabei zum rhetorischen Arsenal: gegen die »Merkel-Diktatur«, gegen die »Lügenpresse«, gegen die  »Alt-Parteien«.

Was geht da vor, wenn sich Ewig-Gestrige und Verblödet-Heutige – beide frei von jeglicher historischer Bildung als Demokratie-Retter  Widerstands-Kämpfer aufspielen? Historische Demenz, Ignoranz oder böse Absicht?  Wohl eine trübe Melange aus allem.  Wir sollten den Missbrauch des Widerstand-Begriffs nicht zulassen. Nicht nur im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, er verbietet sich – aktuell – auch mit törichten Vergleichen, etwa der von mutigen Bürgern in Belarus, in Hongkong, in Venezuela oder anderswo, die gegen Menschenrechtsverletzung, Wahlfälschung und Korruption, trotz Polizeiterror und drohender  Verhaftung unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße gehen.

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