Berlusconi benutzt Statistiken wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: als Stütze, nicht zur Erleuchtung. Romano Prodi

Hintergrund

Es war einmal der Hipster

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Retro, Vintage, Secondhand: Der moderne Dandy ist die Wiederholung der Geschichte. Diesmal als Farce.

Hintergrund

Zwei Menschen stehen sich gegenüber. „Bist du ein Lügner?“, fragt der eine den anderen.

„Natürlich nicht!“, antwortet der Angesprochene. Klüger ist danach keiner von beiden: Der Lügner würde lügen und die Frage verneinen. Der Ehrliche würde die Wahrheit sagen und ebenfalls mit Nein antworten. Wer dem Lügner auf die Schliche kommen will, der darf nicht geradeheraus die Wahrheit einfordern, sondern muss einen anderen Weg wählen,­ muss sich langsam heranpirschen.

Noch einmal stehen sich zwei Menschen ­gegenüber. „Bist du ein Hipster?“, fragt der eine den anderen.

Das Vorurteil schwingt deutlich in der Stimme mit. Hipster, das sind doch die mit Holzfällerhemden und allwetteruntauglicher Scheitelfrisur, das nagelneue iPad neben dem „Fänger im Roggen“ in der Tasche und irgendwas mit Kunst und Medien im Lebenslauf. Kurzum: Die Möchtegern-Coolen­ und Möchtegern-Poeten – ein bisschen freaky, aber nicht zu viel.

„Natürlich nicht!“, antwortet der Angesprochene. Und wieder ist niemand klüger als zuvor: Wer wirklich dazugehört zum Zirkel der Hipster, muss sich der Klassifizierung sowohl aus Gründen der Lässigkeit als auch der Selbsterhaltung heraus verweigern. Zu groß ist die Gefahr, dass am Ende vom Selbstbild nicht viel mehr übrig bleibt als ein kleines Häufchen Asche mit Hornbrille obendrauf. Denn das Phänomen Hipster lebt davon, alles und nichts gleichzeitig sein zu können. Es bietet allen ein Dach, eine Zuflucht und ein Ziel, dem Anhänger genauso wie dem Kritiker.

Der Hipster ist gut, der Hipster ist böse

Die Popper der 1980er-Jahre waren im Vergleich dazu so herrlich eindimensional: Man trug Cashmere, huldigte dem unapologetischen Hedonismus und lachte gleichermaßen über Hippies und Spießer. Rebellion gegen die Rebellion, ganz komfortabel aus der Mitte der Gesellschaft und aus den Vierteln der Vorstadt. Der Hipster ist dagegen eine harte Nuss und eine perfekte Projektionsfläche: Zu teure Mieten? Die Hipster sind schuld! Zu viel Bio im Supermarkt? Auch die Hipster! Der Hipster ist gut, der Hipster ist böse, der Hipster ist auf jeden Fall Stadtgespräch.

Nähern wir uns also aus einer anderen Richtung: Das, was heute als Hipster die Cafés und Co-working-Lounges jeder mittelgroßen Stadt bevölkert, hat seinen modernen Ursprung im New York der Jahrtausendwende – genauer gesagt in Brooklyn, Ortsteil Williamsburg. Aus einem Schmelztiegel voller Post-Punk, Fahrradkuriere, billiger Gebrauchtwarenläden und unterschiedlicher kultureller Einflüsse heraus erblickte der Hipster­ das Licht des 21. Jahrhunderts. Einer der ersten Beiträge der „New York Times“ zum Thema drehte sich um das Lieblingsbier der New Yorker Szene und um das Primat der Symbolik über die Substanz: Wichtig ist, wie’s ausschaut.

Ausgeschaut hat es offenbar so gut, dass sich die Hipster-Kultur samt ihrer diversen Accessoires und des selbstironischen Habitus über die halbe Welt verbreitete. Ganze Geschäftsmodelle basieren heute auf der Nachfrage nach Hipster-Fahrrädern, Hipster-Hemden, Hipster-Kulturindustrie. Spätestens mit der Kommerzialisierung war die Projektionsfläche komplett.

Aber wer verkaufen will – wer sich verkaufen will –, muss Geschichten erzählen, das ist im Journalismus nicht anders als im Einzelhandel. Und so ist innerhalb eines knappen Jahrzehnts aus einer New Yorker Szene-Erscheinung ein veritables kulturelles Phänomen mit eigenen Ikonen, Traditionen und einer eigenen Ästhetik geworden. ­Geschickt wird der längst zum Massenphänomen mutierte Hipster dabei mit einer dicken Schicht Individualismus übertüncht: Das Faible für die Kleidung der 1950er-Jahre ist auch der Versuch, zumindest äußerlich einen Schritt in die Zeit vor der modernen Massenproduktion zu tun – selbst wenn man ansonsten auf den gleichen Smartphones tippt. Wichtig ist eben, wie’s ausschaut.

Carlyle, Thoreau und Simmel

Aber nehmen wir die Herausforderung an: Wer in der Vergangenheit nach Ikonen und Symbolen stöbert, soll belohnt werden. Denn die Geschichte, das wusste schon der alte Marx, ereignet sich immer zweimal: erst als Tragödie, dann als Farce. Suchen wir also in den Annalen nach den Themen und Texten der Vergangenheit, in denen sich die Gegenwart bereits spiegelt.

Thomas Carlyle verfasste beißende Satiren über die Dandys seiner Tage. Henry David Thoreau suchte Einkehr in der Einsamkeit. Georg Simmel­ veröffentlichte die „Philosophie der Mode“. Der ­Nukleus der Gegenwart liegt in solchen ­Texten: Die Suche nach Sinn inmitten des Konsums, die Identifizierung und Abgrenzung durch enge Hosen und große Brillen, die digitale Entziehungskur übers Wochenende.

In unserer historischen Debatte haben wir Textauszüge von Carlyle, Thoreau und Simmel ­zusammengestellt – der älteste aus dem Jahr 1836, der jüngste von 1904. Der Blick in die Vergangenheit verrät einiges über die Gegenwart und die ­Zukunft des Hipster.
Pirschen wir uns so heran: Vielleicht schaffen wir es, den Hipster zu überraschen.

von Martin Eiermann im Namen der Redaktion

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