Es muss uns zu denken geben, wenn Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Wendelin Wiedeking

Hintergrund

Macht die Welt, wie sie euch gefällt

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Eine Kunst ohne Politik ist möglich, aber sinnlos.

Hintergrund

Der Vorhang öffnet sich: Leopold, ein tschechoslowakischer Schriftsteller und Dissident, sitzt apathisch auf dem Sofa, seiner schärfsten Waffe – seiner Stimme – durch das Regime beraubt und zum Schweigen verurteilt. Das Stück: „Largo Desolato“. Der Autor: Václav Havel; Dissident und späterer Präsident wider Willen. Havel verstand sich als Künstler. Die Missstände dokumentieren und kritisieren, das konnte er. Sie zu korrigieren, mutete er, der einfache Künstler, sich nie so richtig zu. Und doch: Kaum eine andere Person hat die Symbiose aus Kunst und Politik derart verbildlicht wie er.

Funken, aber kein Feuer

Eine Symbiose, bei der die Politik den Stoff für die Kunst, und die Kunst die Visionen für die Politik lieferte. Vielleicht war es Havels Überzeugung, dass er in einem Zeitalter lebt, in dem Wörter oder Bilder die Kraft eines ganzen Heeres besitzen, die ihn dennoch antrieb, den politischen Wandel zu fordern und umzusetzen. Ein Zeitalter, in dem die großen politischen Themen das Fundament der Kunst waren und die Kunst sich als Oppositionskraft verstand.

Angesichts heutiger Bestsellerlisten kann jedoch der Eindruck entstehen, dass das Autobiografische, das Unterhaltsame und vor allem die Zwölf-Euro-Fünfundneunzig-Lifestyle-Halbweisheiten die großen Themen aus dem kulturellen Diskurs verdrängt haben. Ob Irak-Krieg, Finanzkrise oder drohendes Umweltfiasko: Die großen Narrative, Bilder oder Lieder bleiben aus. Ein paar Funken hier und da, aber kein Feuer.

Vielleicht liegt die Komplexität der heutigen Probleme dieser politischen Lethargie der Künste zugrunde. Vielleicht liegt es aber auch an der Natur der Kunst. Denn wie jede kommerzielle Ware folgt auch sie der Demokratie des Marktes. Zu Recht, findet der amerikanische Literat T. C. Boyle (S. 116). Wenn eine Mehrheit keine politische Kunst fordert, wieso soll sich der Künstler diesem Wunsch widersetzen?

Soll die Kunst einem höheren Sinn folgen oder darf sie sich mit der bloßen Darstellung und Unterhaltung begnügen? Der Leitspruch l’art pour l’art – die Kunst der Kunst wegen – postuliert, dass die Kunst sich selbst begründet und sich keinem äußeren Zwecke, wie beispielsweise einem politischen Bildungsauftrag, dienstbar machen muss. Es kommt nicht zwangsläufig auf Provokation oder Subversion an, sondern auf Ästhetik und Einzigartigkeit.

Otto Dix, Maler des Realismus, dokumentierte das Grauen der Weltkriege und den Niedergang der Weimarer Republik in seinen Bildern. Die explizit politische Äußerung unterließ er jedoch. Man solle ihn doch bitte mit der „armseligen“ Politik verschonen, forderte Dix, er würde sich lieber in den Bordellen rumtreiben und Inspiration suchen. Ein Beobachter; kein Kommentator – so verstand sich der Künstler. „Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren“, befand Dix. „Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie.“

Doch dass der Kunst die Unterhaltung, Ästhetik oder die neutrale Bezeugung als Begründung dienen kann, verwerfen diejenigen Künstler, für die die Kunst klare Aufgaben zu erfüllen hat. Die Kunst als politische Aussage; als gesellschaft­liches Versuchslabor; als Weckruf, als Warnruf; als Wegbereiter und Platzhalter für die Revolution; als Grundriss einer Utopie, an die es zu glauben lohnt.

Politische Kunst, utopiebeschwipst, wie sie ist

Es geht nicht bloß darum, zu zeigen, wie die Welt ist, sondern wie sie sein könnte. Die vorherrschenden politischen Missstände werden angeprangert und Alternativen propagiert. Der Künstler als Kämpfer des Gemeinwohls – so wie es schon die Avantgarde-Bewegung verstand. „Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner“, schrieb Heinrich Heine. Die politische Kunst verstand sich stets als Vorreiter, der den Gehorsam der Massen bricht und die Subversion übt. Das herrschende System unterwandern und den Muff wegblasen: das kann die einzige Aufgabe der Kunst sein. Auf diese Weise wird die Kunst – ob nun Gemälde, Buch, Lied, Film oder Sonstiges – zur Waffe des Künstlertums, das die Akzeptanz der Realität verweigert und den Umbruch fordert.

Doch bemerkt die politische Kunst, utopiebeschwipst, wie sie ist, nicht, dass sie einen Drahtseilakt zwischen politischem Aktivismus und dogmatischer Instrumentalisierung begeht. Der politische Künstler macht sich auf, die Kunst aus den Klauen des Staates oder des Kommerzes­ zu befreien, damit sie nicht mehr, wie im Kommunismus oder dem Faschismus, als Propagandamittel eingesetzt werden kann. Doch dabei vergeht sich der Künstler an dem eigenen Ideal der Kunst: der kompletten künstlerischen Freiheit.

Wenn Kunst zum Marx’schen Hammer verkommt, mit dem man die Gesellschaft formt und nur noch dogmatisch und moralintriefend vor sich hin predigt, hat sie sich von sich selbst entfremdet, ist nur noch Mittel zum Zweck. Dann verliert die Kunst eines ihrer wichtigsten Merkmale: die Uneindeutigkeit. Die Kunst sollte uns nicht nur eine Wahrheit liefern, sondern alle. Es liegt dann an uns, zu entscheiden, welche wir glauben.

Natürlich ist jede Kunst politisch, da „das Politische“ keine konkrete Heimat, keinen konkreten Standort besitzt. Es taucht in jeder menschlichen Beziehung auf und die Kunst kann als solche gedeutet werden. Die Kunst ist demnach prinzipiell immer politisch, wenn auch nicht immer bewusst. Doch Subversion muss nicht zur künstlerischen Grundhaltung gehören.

Für Paul Gauguin konnte Kunst nur Plagiat oder Revolution sein. Das Revolutionäre, ja, das braucht die Kunst, um zu überleben. Ob sie das Politisch-Revolutionäre braucht, muss diskutiert werden!

von Max Tholl im Namen der Redaktion

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