Niemandem soll verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Ansgar Heveling

Intimität ist die beste Verteidigung

Um das Geheimnis zu verstehen, muss man seinen Gang durch die Geschichte kennen. Die Probleme begannen mit dem Briefumschlag.

Es fällt schwer, Geheimhaltung zu verteidigen. Denn wie Carl Friedrich beobachtete, gehört „Geheimhaltung zur Gruppe jener Phänomene, die in der Politik zwar allgegenwärtig sind, aber gleichzeitig als moralisch anstößig oder zumindest dubios gelten – wie auch Korruption, Gewalt oder Verrat“. Liberale Demokratie und Geheimhaltung scheinen unvereinbar.

Jedes Laster benötigt eine korrespondierende Tugend. Im Fall der Geheimhaltung wäre Transparenz eine naheliegende Wahl. Aber aus dem Kontext gerissen, meint diese nicht viel mehr als die Abwesenheit von Kontrolle über Informationen. Seit der Moderne erscheint die Gegenüberstellung von Geheimhaltung und Privatsphäre ergiebiger, denn in beiden Fällen geht es um blockierte Kommunikation. In seinem „Wörterbuch der englischen Sprache“ hält Samuel Johnson beide Worte sogar buchstäblich für austauschbar. Privatsphäre definiert er dabei als „einen Zustand der Geheimhaltung“ und Geheimhaltung als „einen privaten Zustand des Verstecktseins“.

Demokratie braucht Privatsphäre

Erst im 19. Jahrhundert entfernte sich die Bedeutung beider Begriffe voneinander. Die Fähigkeit der Bürger, ihre eigenen Angelegenheiten zu organisieren, wurde so zum Prüfstein freier Gesellschaften. Die Legitimität der zunehmend mächtiger werdender Staaten beruht hingegen auf ihrer Transparenz. Geheimhaltung im Privaten unterstützte die aufkommende Demokratie, staatliche Geheimhaltung ebnet hingegen dem Absolutismus den Weg.

Das viktorianische Zeitalter bezeichnete der Soziologe Edward Shils als das „Goldene Zeitalter der Privatsphäre“. Es ging einher mit dem zunehmenden Sicherheitsgefühl der Bürger. Das Leben wurde im Privaten geführt, und Fremde wurden aus den eigenen Geschäften herausgehalten. Aber diese Geheimhaltung hinter den Steinmauern des eigenen Hauses brachte wiederum andere Nachteile mit sich: etwa für Frauen, denen es zunehmend schwer gemacht wurde, sich außerhalb der eigenen vier Wände zu treffen. Erleichterung schafften erst Kommunikationstechnologien, die eine Art virtuelle Privatsphäre ermöglichten. Die Entstehung der Post für alle Bürger ließ eine Frühform des sozialen Netzwerks entstehen. Besonders in den stetig wachsenden Ballungsräumen wurde es zunehmend komfortabler und günstiger, Beziehungen mit anderen Menschen zu pflegen.

Die Kollision dieses neuen Netzwerks mit dem System staatlicher Überwachung hat die heutigen Fronten im Kampf zwischen Geheimhaltung und Privatsphäre abgesteckt. 1844 wurde die britische Regierung dabei erwischt, wie sie im Auftrag Österreichs heimlich private Briefe öffnete. Im Zuge der folgenden Entrüstung wurde selbst im Parlament argumentiert, dass es „ein schwerwiegender Vorgang ist, wenn im Schriftverkehr des Landes herumgepfuscht wird und so private Geheimnisse gelüftet werden“.

Der schwache materielle Schutz, den ein Briefumschlag bietet, zeigt, wie verletzlich diese Form der Kommunikation ist. Die Regierung bestand darauf, dass sie in einem Jahrhundert der Revolutionen die Macht der Spionage benötige, um sich gegen ansonsten unvorhersehbare Gefahren zu verteidigen. Ihre Kritiker betonten, dass mit dem Eingriff ins Private doch bereits jegliche Legitimität verloren sei.

Die zunehmende Tendenz vieler demokratischer Regierungen, ihre Geheimhaltung geheim zu halten, macht einen Geheimnisverrat und den anschließenden Protest – wie wir ihn derzeit wieder erleben – immer wahrscheinlicher. Weniger offensichtlich ist, dass der ständig wiederholte Vorwurf des Machtmissbrauchs auch ein Schlaglicht auf eine andere Form der Tarnung wirft: die Privatsphäre.

Für Historiker erscheint der absolute Besitzanspruch auf jedes Fragment persönlicher Informationen weder realistisch noch haltbar. Ebenso die Vorstellung von Privatsphäre als Recht, alleine gelassen zu werden. Solch ein Recht ist höchstens teilweise möglich und wünschenswert.

Unterschied zwischen Privatheit vor und Privatheit zu etwas

Dieses vermeintliche Recht auf „Privatheit vor etwas“ muss vom Recht auf „Privatheit zu etwas“ unterschieden werden: Die Funktion von Abgrenzung ist es nicht, die Autarkie der Informationen zu gewährleisten, sondern intime Beziehungen zu ermöglichen. „Privatheit zu etwas“ meint die Fähigkeit, Fremde auszuschließen und einen Schutzbereich zu schaffen, in dem Informationsaustausch nur zwischen Vertrauten stattfindet.

Jeffrey Rosen spricht von „Rückzugsorten vor dem Gaffen der Menge, in denen langsame wechselseitige Selbstenthüllung möglich ist“. An diesen Rückzugsorten findet Kommunikation auf vielen Ebenen statt, oft genug auch nonverbal. Menschen wissen, dass sie jemanden anderes gut kennen, wenn sie zum Austausch nur wenige Emotionen und Informationen benötigen. Während die Gefahren digitaler Kommunikation und durch jene, die sie beherrschen, weiter wächst, bleibt die reiche Vielfältigkeit erreichter Intimität die beste Verteidigung. Genau betrachtet, geht es bei der Privatsphäre um sehr viel mehr als jene Fragmente, die Überwachungskameras aufzeichnen können.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rüdiger Templin, Heinrich Schmitz, David Omand.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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