Ich kann sehr glücklich sein und trotzdem eine Szene voller Elend drehen. David Lynch

Per Anhalter in den Organismus

Die tödlichsten Seuchen haben wir uns von Tieren eingefangen. Aber keine Sorge, die Menschheit ist zäher, als die Untergangspropheten uns glauben machen wollen.

Als in den späten 1980er-Jahren der Rinderwahn in Großbritannien auftauchte, wirkte die Seuche wie ein schrecklicher Sonderfall. Menschen und Vieh erkrankten gleichzeitig: Die menschlichen Opfer litten an Demenz und Erinnerungsverlust, sie zeigten Wesensveränderungen, Trägheit und andere Formen degenerativer Schädigung – alle starben. Ihr Schicksal ließ sich auf den Konsum von Rindfleisch zurückführen. Es stammte von Tieren, deren Futter mit etwas Bösartigem infiziert war.

Wie sich zeigte, handelte es sich bei dabei um Prionen, umgeklappte Eiweißmoleküle. Diese hatten durch Schädigung ihre Funktion verloren und steckten andere Eiweiße in ihrer Umgebung – besonders im Gehirn – an. Während die Krankheit also über Monate und Jahre voranschritt, klappten wie bei einer Kettenreaktion immer mehr Moleküle um: Das Gehirn der Patienten wurde langsam durchlöchert. Ein nur scheinbar bizarrer Fall. Heute wissen wir, dass der Vorgang weder bizarr noch anomal war. Er war Teil eines Musters: Seltsame Erreger springen von Tieren auf den menschlichen Körper über und verursachen dort schreckliche Krankheiten. Creutzfeldt-Jakob, die menschliche Variante des Rinderwahns, ist nur eine von ihnen.

Schreckgespenster der Neuzeit

Der wissenschaftliche Begriff für diese Krankheiten ist Zoonose. Vereinfacht gesagt beschreibt er tierische Infektionen, welche auf Menschen übertragbar sind. Mehr als die Hälfte unserer Infektionskrankheiten fallen in diese Kategorie. Darunter nicht nur altbekannte Killer (wie die Beulenpest, Gelbfieber oder Influenza), sondern auch viele Schreckgespenster der Neuzeit. Ebola ist eine Zoonose. Ebenso das West-Nil-Virus, SARS, die Lyme-Krankheit, AIDS, Hantaviren und viele andere. Die meisten von ihnen unterscheiden sich durch zwei Eigenschaften vom Rinderwahn: Sie kommen aus der Wildnis, nicht von unserem Vieh. Und sie entstehen nicht durch Prionen, sondern durch Viren.

Diese Krankheiten erreichen auf brutale Art, was der Heilige Franz von Assisi auf sanfte Weise vermitteln wollte: Sie erinnern uns an unsere Verbindung mit der Natur. Sie erinnern uns daran, dass keine Abgrenzung zwischen „der Natur“ und „unserer Welt“ existiert. Es gibt lediglich eine Welt, und wir sind ein Teil von ihr – genauso wie Ratten und Affen, Vögel und Fledermäuse, Moskitos und eben Viren. Infektionskrankheiten sind ein Ausdruck der intimen Verbindung zwischen Mensch und Umwelt – insbesondere wenn die Erreger von einer Spezies auf die andere übertragen werden.

Tatsache ist: Das Phänomen breitet sich aus. Innerhalb der letzten sechs Jahrzehnte entstand eine lange, hässliche Liste von Krankheiten und Viren, die von der Wildnis auf den Menschen übertragen wurden. Manche sind berüchtigt, andere obskur: Kyasanur-Wald-Fieber (1957), Machupofieber (1961), Marburgfieber (1967), Lassafieber (1969), Ebola, HIV-1 (1981 entdeckt, 1983 identifiziert), HIV-2 (1986), das Hantavirus in den USA (1993), Hendra in Australien (1994), Vogelgrippe (1997), das Nipah-Virus (1998), SARS (2003) und viele weitere.

Problematisch an den schlimmsten dieser Viren ist, dass sie unauffällig innerhalb ihrer tierischen Wirte leben. Sind die Nagetiere schuld? Die Fledermäuse? Oder doch die Affen? Haben sie den Menschen angesteckt, replizieren sie sich und mutieren: Sie entwickeln sich weiter, passen sich an und töten. Einige dieser Krankheiten verbreiten sich effektiv, andere töten effektiv – die schlimmsten von ihnen tun beides.

Krankheiten reisen schneller als je zuvor

Die Grippewelle von 1918 – 19 kostete rund 50 Millionen Menschen das Leben. AIDS hat bereits 30 Millionen Menschenleben gefordert – und wir haben noch kein Heilmittel. Eine neue Art der Grippe, ob sie nun von einer Wildente in Guangdong oder einem Seevogel aus Queensland stammt, könnte Millionen von Menschen gefährden. Denn in unserer globalisierten Welt reisen neue Infektionen schneller und weiter als je zuvor: SARS kam im Körper eines kranken, hustenden Mannes aus Südchina per Bus nach Hongkong. Es hing in der Luft des Hotelflurs und gelangte von dort in die Körper neuer Opfer. Mit diesen reiste es innerhalb weniger Stunden nach Peking, Toronto, Singapur und Hanoi. Theoretisch hätte das gleiche Virus auch in New York, Paris oder Berlin das Flugzeug verlassen können. Jede zehnte infizierte Person starb – und wäre das Virus nicht so schnell identifiziert und bekämpft worden, die Folgen wären weitaus gravierender gewesen.

In schlaflosen Nächten denken Pandemie-Experten an diese finsteren Szenarien und fragen sich, wann das nächste große Virus entstehen könnte. Welcher Art wird es sein, welchem Lebewesen wird es entspringen, und aus welchem entfernten Winkel des Planeten wird es kommen? Sie fragen sich, ob das menschliche Wissen in Form von Epidemiologie, medizinischer Expertise, öffentlicher Gesundheitsvorsorge und informierten Bürgern ausreichen wird, um die neuen Herausforderungen zu meistern. Wir sollten uns dasselbe fragen.

Den möglichen Ausbruch einer Pandemie ernst zu nehmen, ist jedoch etwas komplett anderes, als über ein albtraumhaftes Virus zu fantasieren, welches die gesamte Menschheit bedroht. Pandemie-Experten würden so etwas nie tun. Selbst die schlimmste Infektionskatastrophe mit Millionen von Toten – wie die Grippe von 1918 oder AIDS – könnte die Menschheit nicht auslöschen. Die Biologie sagt uns, dass menschliche Anpassungsfähigkeit, genetische Variationen zwischen Menschen und die Evolution unsere Spezies überleben lassen würden. Sich um das Ende der Menschheit zu sorgen, lenkt also vom nüchternen Diskurs ab und führt zu reiner Spekulation.

Für uns gibt es daher keinen Grund, sorgenvoll wach zu liegen. Es gibt keine Basis für eschatologischen Schwermut. Bei Tageslicht müssen wir uns über die Probleme informieren und versuchen, die Viren zu verstehen und ihre Verbreitung zu verhindern. Heute mag Zoonose nach einem rein technischen Begriff klingen, im 21. Jahrhundert wird er aber zu einem Symbol des Bösen werden.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Lipsitch, Bill McGuire, Gareth Evans.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

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