Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott. Karl Kraus

Ohne geheim kein Dienst

Ohne Geheimnisse kein Schutz durch den Staat. Die Öffentlichkeit hat deshalb kein Anrecht darauf, alles zu erfahren. Wenn wir Geheimdiensten nicht erlauben, geheime Dinge zu tun, können sie uns nicht beschützen.

Winston Churchill soll gesagt haben, dass der Blick in die Zukunft klarer wird, je weiter man in die Vergangenheit zurückschauen kann. Wenn man so die vergangenen zwanzig Jahre betrachtet, bedeutet das, dass wir in der Zukunft eine einschneidende Veränderung vornehmen müssen. Der Zusammenfall von zwei bahnbrechenden Veränderungen in den Internationalen Beziehungen sowie in der Technologie wird es notwendig machen, das wachsende Bedürfnis nach Freiheit einzuschränken. Und zwar zu Gunsten eines grundlegenden Niveaus an Sicherheit.

Die Veränderung in den Internationalen Beziehungen fand in der inneren Sicherheitspolitik statt. Beschäftigte sich diese im Westen damals bloß mit der territorialen Integrität der NATO, musste schon bald die Bevölkerung vor globalen Bedrohungen wie islamistischer Terror, internationale Kriminalität, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und – ganz aktuell – Cyber-Attacken gschützt werden. Diese Transformation von einem im Kalten Krieg kämpfenden „Geheimstaat“ zu einem „schützenden Staat“ bewahrt die Bevölkerung vor zahlreichen Gefahren, stellt aber gleichzeitig auch hohe Anforderungen an sie.

Die Veränderung im technologischen Bereich ist die rasante Entwicklung, die zu günstiger Datenspeicherung, dem Internet, Handys und sozialen Netzwerken geführt hat. Erst diese Entwicklung hat die ständige Verfügbarkeit von Informationen über Aufenthaltsorte, Reisen, Kontakte, Ausgaben und Wünsche der Menschen möglich gemacht.

Die Notwendigkeit großflächiger Überwachung potentieller Terroristen war nach dem 11. September jedem klar, und die dafür nötigen technischen Werkzeuge waren gerade verfügbar geworden. Der technologische Wandel selbst erzeugte ebenfalls neue Bedürfnisse bei den Sicherheitsbehörden, (etwa die Überwachung sozialer Netzwerke). Parallel dazu vollzog sich im Privatsektor eine ähnliche Entwicklung: Die neue Technik ermöglichte es, Kundendaten kommerziell auszuschlachten. Privatinvestitionen in entsprechende Technologien waren die Folge, was wiederum den Sicherheitsbehörden zu Gute kam.

Wertvolle Datenbanken entstanden, deren Größe und Möglichkeiten bei weitem das Vorstellungsvermögen vieler Bürger überstiegen. Heute wissen die Menschen allerdings genug, sie fragen, wozu diese Technik außerdem genutzt wird. Sie fordern also, dass Grundrechte auch im neuen Informationsmarkt geschützt werden müssen. Und sie wollen wissen, wie sie sicher sein können, dass weder der Staat noch Unternehmen diese Daten missbrauchen. Der Fall Edward Snowden zeigte nicht nur, dass das Vertrauen in die Regierung bereits abgenommen hat, sondern verstärkte das ohnehin vorhandene Misstrauen weiter.

Uninformierte Debatte

Die Debatte verläuft weitgehend uninformiert, und die Bevölkerung ist hoffnungslos den extremen Positionen der Hyperindividualisten und Libertären ausgeliefert – die den Überwachungsstaat bereits kommen sehen. Doch die Regierungen wissen, dass die öffentliche Sicherheit und der zukünftige Wohlstand gleichermaßen von ihrer Fähigkeit abhängen, die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters für eigene Zwecke zu nutzen.

Mehr Transparenz darüber, was der Staat tut und was er tun muss, ist also unabdingbar. Uns muss deshalb versichert werden, dass unsere unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück müssen geschützt werden, ohne dass unser Recht auf Privatsphäre, jenseits einer gewissen Notwendigkeit, verletzt wird. Unter der Voraussetzung, dass sich Sicherheitsbehörden und Unternehmen im legalen Rahmen bewegen, werden vernünftige Menschen akzeptieren, dass nicht zugelassen werden darf, dass das Internet zum Kommunikationsmedium für Kriminelle, Terroristen und Kinderschänder verkommt, die dann noch nicht einmal Verfolgung fürchten müssen.

Gerade für Terroristen und andere Kriminelle wäre es natürlich ein unschätzbarer Vorteil, zu wissen, auf welche Art Behörden spionieren – sie wollen der Verfolgung schließlich entgehen. Und deshalb hat die Öffentlichkeit schlicht kein Anrecht auf volle Transparenz. Die Quellen und Methoden der Geheimdienste müssen verborgen bleiben, sonst können sie uns nicht beschützen. Gerade im Zeitalter globaler Bedrohungen würde ohne das Geheimnis kein Geheimdienst funktionieren.

Das Vertrauen der Öffentlichkeit in das, was hinter verschlossenen Türen geschieht und dass es gemäß den Wünschen einer demokratischen Gesellschaft abläuft, ist also notwendig. Es muss darauf basieren, dass jemand den Überblick hat, der auch gegen Fehlverhalten vorgeht. Dass erfahrene Richter und vertrauenswürdige, gewählte Volksvertreter nicht nur den Spitzen der Geheimdienste auf die Finger schauen, sondern auch die Unterlagen selbst einsehen dürfen. In der Debatte um Privatsphäre, unsere künftige Sicherheit und unseren künftigen Wohlstand steht also einiges auf dem Spiel.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rüdiger Templin, Heinrich Schmitz, David Brin.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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