Nur von Gott kommt die wirkliche Revolution. Joseph Ratzinger

Der Sieg gegen die Taliban führt über Neu-Delhi

Alle Welt schaut auf das Pulverfass Afghanistan. Bevor es entschärft werden kann, muss jedoch ein anderer Konflikt gelöst werden: Indien und Pakistan müssen sich verbünden. Denn damit Pakistan im Westen Taliban jagen kann, muss Indien dem Erzrivalen im Osten Luft lassen. Und Neu-Delhi scheint bereit, das Risiko einzugehen.

Der Schlüssel zu Kabul liegt in Islamabad, meint Admiral Michael Mullen. Denn der Erfolg in Afghanistan sei ohne Pakistans Hilfe unmöglich. Doch der Vorsitzende der Vereinigten US-Stabschefs muss auch wissen: Wegen des komplizierten politischen Geflechts in jenem Teil der Welt liegt der Schlüssel zu Islamabad wiederum in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Indien muss Pakistan zusichern, dass es – während Pakistan mit den USA die Taliban an seiner Westgrenze zurückdrängt – den militärischen Druck an Pakistans Ostgrenze lockert.

Aus verständlichen Gründen hat sich Indien bislang meist aus dem “Af-Pak”-Spiel herausgehalten. Die indische Öffentlichkeit ist besorgt, in einen regionalen Schlamassel gezogen zu werden, und befürchtet nach den Mumbai-Anschlägen von 2008 noch mehr pakistanischen Terrorismus. Hochrangige Persönlichkeiten in Indien sagen jedoch hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Land mittlerweile vielleicht doch stark genug für das Risiko sei, seinem schwachen Nachbarn zu helfen.

Denn beide Nationen wären besser dran, wenn sie ihren Argwohn überwänden und kooperierten – indem sie den USA helfen, das Pulverfass Afghanistan zu stabilisieren. Wenn die indische Führung diese Herausforderung annimmt, könnte dies zu einer neuen Ära in Südasien führen. Falls nicht, werden sie wohl zusehen müssen, wie Pakistan und Afghanistan tiefer im Chaos versinken – und den Preis dafür später bezahlen.

Erste hoffnungsfrohe Zeichen

Indien und Pakistan haben daher nun Abgesandte für Hinterzimmergespräche benannt. Der pakistanische Gesandte soll Ex-Außenminister Riaz Mohammad Khan sein, das indische Gegenüber der Ex-Botschafter in Islamabad S.K. Lambah. Beide Seiten haben mir versichert, dass sie den Stein ins Rollen bringen wollen, und verweisen auf leise Schritte, um Spannungen zu vermeiden: So hat Pakistan etwa 100.000 Soldaten in den Westen abgezogen, um die Taliban im Swat-Tal und Süd-Waziristan zu bekämpfen. Indien hat seinerseits 30.000 Soldaten an der Grenze zu Pakistan abgezogen.

Obwohl dies hoffnungsfrohe Zeichen sind, werden sie das Blatt nicht komplett wenden können. Indien will Beweise, dass Pakistan es ernst meint mit der Zerschlagung von Terrorgruppen wie der Lashkar-e-Taiba, die in Mumbai zuschlug. Pakistan wiederum will eine Garantie, dass wenn es muslimische Kämpfer wie die Taliban und ihre Verbündeten in Afghanistan unter Druck setzt, Indien die Situation nicht zu seinem Vorteil ausnutzt.

Informationen müssen geteilt werden

Jede Nation befürchtet – oft aus gutem Grund –, dass der Geheimdienst des jeweils anderen Landes Afghanistan als Übungsplatz nutzt. Anstatt ihre Spione aber gegenseitig zu bekämpfen, müssten die beiden ihre Informationen über gemeinsame Gefahren teilen. Dabei bleibt das Problem der politischen Asymmetrie: Indien hat eine starke Demokratie, in der das Militär zwar machtvoll ist, aber der politischen Führung untersteht. In Pakistan ist das Gegenteil der Fall: Das Militär ist hier das widerstandsfähigste Element der pakistanischen Elite.

Bei ihrer Geburt 1947 wurden Indien und Pakistan voneinander getrennt und sind seitdem immer am Rande des Brudermordes. Dabei haben diese beiden Länder keine Wahl, außer gemeinsame Wurzeln und Schicksal anzunehmen. Indien wird nicht sicher sein, ohne dass es Pakistan ist, und umgekehrt. Keines der beiden Länder kann es sich gemütlich machen, solange Afghanistan ein Schlachtfeld bleibt. Angesichts der gemeinsamen Probleme muss es zur Zusammenarbeit kommen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Rahr, Christian Wagner.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Afghanistan, Indien, Pakistan

Debatte

Die große Heuchelei des Westens

Medium_8d9b3cdaee

Die westliche Welt ist für die Kriege dieser Welt verantwortlich

Die westlichen Staaten sind für die Kriege und das große Leid der Menschen in Afghanistan, im Irak, in Syrien, dem Jemen und in Libyen verantwortlich, betont Oskar Lafontaine. weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
23.04.2019

Debatte

UN-Bericht bestätigt

Medium_35f6b9ef0a

Abschiebungen nach Afghanistan sind unverantwortlich

„Der Bericht der UN-Mission in Afghanistan beweist ein weiteres Mal, wie unverantwortlich es ist, Flüchtlinge in dieses Land abzuschieben“, kommentiert die innenpolitische Sprecherin der Fraktion D... weiterlesen

Medium_b738a7b2e3
von Ulla Jelpke
21.10.2018

Debatte

Sahra Wagenknecht fordert

Medium_705a217b8e

Wir brauchen einen Interessenausgleich mit Russland

Wir brauchen dringend eine neue Entspannungspolitik, die auch gegenüber Russland wieder auf Interessenausgleich setzt! weiterlesen

Medium_6337c9a454
von Sahra Wagenknecht
28.04.2018
meistgelesen / meistkommentiert