Steinchen auf Steinchen

David Chandler13.03.2012Gesellschaft & Kultur, Politik

Erwartungsmanagement gehört zu den Primärtugenden in der Politik. Das gilt auch für den Wiederaufbau unseres fiktiven Landes Post-Revolutien. 20 Jahre autokratischer Regierungsführung haben Spuren hinterlassen, die man nur mithilfe internationaler Zusammenarbeit und offener Kommunikation beseitigen kann. Unerfüllbare Versprechen helfen dabei niemandem.

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Oberste Priorität unserer Bemühungen muss sein, nicht selbst für Konsequenzen in Post-Revolutien verantwortlich gemacht zu werden. Stattdessen müssen wir die aufstrebenden demokratischen Kräfte unterstützen, die das Land von den Ketten der Diktatur befreien. Dazu gehört vor allem ein behutsames Erwartungsmanagement. Kein überhöhter Optimismus. Den Einwohnern von Post-Revolutien muss klar vermittelt werden, mit welcher Art von Unterstützung sie rechnen können und wie schnell es zu gesellschaftlichem Wandel kommen kann. In diesem Zusammenhang ergaben sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem drei Lehren. Zu Beginn jeder Intervention muss der organisationale Rahmen sichergestellt sein. Unter keinen Umständen sollten Regierungen auf die Kooperation mit internationalen Institutionen verzichten. Ein nationaler Alleingang birgt die Gefahr, für eventuellen Misserfolg verantwortlich gemacht zu werden. So wird der Ruf des Geberlandes geschädigt, wenn die versprochenen Entwicklungsziele nicht erreicht werden, sei es Demokratisierung im Allgemeinen oder spezifischere Ziele wie die Verbesserung von Frauenrechten, Senkung von Arbeitslosigkeit oder Korruptionsbekämpfung. Durch Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie der EU, der OSZE, UN, NATO oder Weltbank kann nationale Verantwortung ausgelagert werden und eventuelles Politikversagen auf den mangelnden politischen Willen der Verbündeten geschoben werden (in aller Regel die Vereinigten Staaten oder Großbritannien). Die internationalisierte Verantwortung für den Wiederaufbau von Post-Revolutien hilft dabei, unsere eigene Verantwortung für potentiell negative Folgen unter Kontrolle zu halten.

Wie klein der Entwicklungsschritt auch immer sein mag, wir müssen darüber reden

Sobald diese internationale Ordnung aufgebaut ist, muss klar definiert werden, welche Hilfsschritte die Entwicklung unterstützen sollen. Wie klein auch immer unsere Unterstützung sein mag, sollten wir in jedem Fall ihre Bedeutung explizit darstellen. Das erfordert genaue Kenntnis der örtlichen Sachlage und der wechselseitigen Wirkungen der unterschiedlichen Maßnahmen. Schon der Einsatz einer einzigen NGO mit geringem Kapital kann Enormes bewirken. Ein Beispiel: Wird eine lokale Schule wiederaufgebaut, führt das zwar in erster Linie nur zu besserem Unterricht, hinzu kommen aber positive Folgewirkungen. Die Wirtschaft profitiert von besser ausgebildeten Einwohnern, Frauen bekommen eine Chance, am Wiederaufbau aktiv teilzunehmen und ihre gesellschaftliche Position zu stärken, Ethnien lernen voneinander und bilden friedliche Beziehungen, indem sie sich in Toleranz und Multi-Kulturalismus üben. Das Schöne an der Entwicklungshilfe ist, dass man einerseits die vielseitigen Effekte der Instrumente preisen kann, während man stets eine Ausrede hat, falls eine spezifische Maßnahme keine Wirkung zeigt. Dann ist einfach das Versagen eines anderen Bereichs Schuld (vornehmlich ein Bereich, in dem die Briten und Amerikaner eine größere Rolle spielten, vielleicht Sicherheit).

Wir müssen offen zugestehen, dass sich Marktwirtschaft und Demokratie nicht problemlos etablieren lassen

Schließlich gehört das Herunterspielen von Erwartungen zu den wichtigsten Einsichten über Länder wie Post-Revolutien. Das lässt sich beispielsweise dadurch erreichen, dass wir die Arroganz des internationalen Liberalismus abstreifen. Besonders in Afghanistan und im Irak haben wir gelernt, warum zu einer Demokratie westlichen Maßstabs mehr gehört als einen Diktator zu stürzen. Wir sollten offen eingestehen, dass es in Post-Revolutien tief verwurzelte kulturelle und soziale Hürden gibt, die der Ausbreitung von Marktwirtschaft und Demokratie im Wege stehen. Wenn die Bevölkerung von Post-Revolutien ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nimmt, wird die Regierungsführung anfangs etwas holprig sein. Wir müssen dazu bereit sein, zu helfen, aber davon Abstand nehmen, anderen unsere Sicht aufzuerlegen.

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