Feuer gegen Feuer

von David Brin15.10.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Unsere Geheimnisse können wir zwar nicht mehr retten, den Mächtigen sind wir aber dennoch nicht ausgeliefert. Dafür müssen wir auf eine radikale Strategie setzen.

Das Informationszeitalter kennt viele Fragen und Probleme, und die meisten davon drehen sich um Geheimhaltung: Wer hat ein Anrecht auf sie, und wer darf den Schleier lüften?
Ob nun Geheimdienste wie FBI, NSA oder ihre europäischen Pendants, IT-Riesen wie Microsoft oder Apple, Boulevardblätter, Privatbankiers oder südamerikanische Kartelle: Fast täglich werden Eliten, ganz gleich welche, der Bespitzelung überführt. Konzerne bereichern sich an unseren persönlichen Daten und verlieren gleichzeitig Betriebsgeheimnisse und geistiges Eigentum an räuberische Staaten: Die Datenflut scheint unkontrollierbar, und das Geheimnis säuft langsam aber sicher ab.

Doch sind es weder Regierungen noch Konzerne, die diese Entwicklung vorantreiben, sondern wir selbst durch die Informationen, die wir – absichtlich oder unabsichtlich – durch soziale Medien, Suchanfragen oder Onlineeinkäufe, im Netz verstreuen. In meinem Buch „The Transparent Society“ schrieb ich bereits über die Ironie, dass jeder Mensch Geheimhaltung für sich beansprucht, gleichzeitig aber Transparenz und Verantwortlichkeit von allen anderen fordert. Doch wir haben dazugelernt.

Die Überwachung ist nicht mehr aufzuhalten

Erstens: Wir wissen, dass wir unter ständiger Beobachtung stehen und diese Entwicklung rasend schnell voranschreitet. Angesichts dessen sind wir machtlos. Vergessen Sie das Mooresche Gesetz: Kleinere, optimierte und billigere Kameras schießen wie Pilze aus dem Boden und sind für jedermann verfügbar. Die Datenbrille von Google erregt heute vielleicht noch Aufsehen und Ärger, aber was passiert, wenn diese Technik auf unsichtbare Kontaktlinsen übertragen wird? Wie könnte man sie dann noch verbieten, und wäre das überhaupt wünschenswert? Die Elite wird diese „Überwachungsspielzeuge“ schließlich nicht aufgeben. Ein Verbot würde demnach nur die normalen Bürger betreffen und die Mächtigen noch mächtiger machen. Wer heute ein generelles Verbot fordert, wird dies in zehn oder zwanzig Jahren bereuen.

Zweitens: Sicherheit oder Privatsphäre werden nicht durch Geheimnistuerei oder Vortäuschung falscher Tatsachen geschützt. Information findet stets ihren Weg zum offenen Ohr. Das perfekte Geheimnis ist eine Illusion. Wenn selbst die geheimen Machenschaften des FBI oder der NSA entlarvt werden, wer kann dann noch die Mystik des Geheimnisses aufrechterhalten?

Natürlich sollte man diese Entwicklungen mit Sorge betrachten. Schließlich beruht unsere westliche Kultur auf dem Misstrauen gegenüber der Macht. Über 6.000 Jahre hinweg galt das Geheimnis als Machtwerkzeug der Starken, die dadurch ihre Position stärkten und das Volk im Dunkeln ließen. Unsere Vorfahren haben sich – und uns – ein zerbrechliches Stück Freiheit und Privatsphäre hart erkämpft, und wir klammern uns instinktiv daran. Doch auch das ist nur Illusion. Die Mächtigen lassen sich nicht blenden und werden uns immer durchschauen. Der Autor Robert Heinlein schrieb 1973 sinngemäß: Gesetze zur Stärkung der Privatsphäre machen die Wanzen einfach nur kleiner.

Nicht nur der Staat, sondern auch der freundliche Nachbar von nebenan wird diese Instrumente zum Teil besitzen und benutzen. Können das Geheimnis und die Freiheit in dieser Welt überhaupt überleben?

Gegenseitige Transparenz, nicht Geheimhaltung

Ja – vorausgesetzt, wir bewahren Ruhe. Unsere Sicherheit und Freiheit beruhen nicht auf dem, was andere von uns wissen, also unseren Geheimnissen, sondern auf dem, was sie gegen uns unternehmen können. Der einzige Schutz vor ungewollten Eingriffen durch den Staat oder Nachbarn ist die gegenseitige Rechenschaft. Und dazu bedarf es mehr, nicht weniger Transparenz!

Drittens: Tragische Ereignisse wie zum Beispiel terroristische Anschläge lassen sich nicht vermeiden. Im Nachhinein werden staatliche Institutionen beteuern, dass sie diese hätten verhindern können, wenn man ihnen die Befugnis und Macht dazu gegeben hätte. Im panischen Tumult wird die Gesellschaft diese Befugnis bereitwillig geben, und der Überwachungsstaat wächst munter weiter.

Doch ich will Sie nicht entmutigen. Sich aus Angst zu verstecken, Technologien zu verweigern oder vor den Mächtigen zu zittern, hat noch nie geholfen.

Schließlich beruhen die vier Eckpfeiler unserer modernen Gesellschaft, Demokratie, Wissenschaft, Marktwirtschaft und eine unabhängige Justiz, auf dem Wissen aller Beteiligten, die so zwischen Parteien, Theorien, Produkten oder Schuld und Unschuld entscheiden können. Im Schatten des Geheimnisses würden diese vier Eckpfeiler einfach einstürzen. Märkte brechen nicht ein, weil jeder Bescheid weiß, sondern weil nur einige Menschen das nötige Wissen haben. Ohne Transparenz wären diese vier Bereiche nicht überlebensfähig.

Anstatt sich gegen den technologischen Fortschritt zu wehren, sollten wir ihn lieber begrüßen. Nutzen wir doch einfach Transparenz, um das Spielfeld wieder zu ebnen. Reagieren wir auf Überwachung doch mit Gegenüberwachung! Schauen wir unseren Machtinhabern einfach in die Augen. Nur wenn wir mit geschärftem Blick den Eliten auf die Finger schauen, können wir sicherstellen, dass diese in unserem Interesse handeln.

Es mag paradox klingen, aber der Schlüssel zur Wahrung der Privatsphäre und des Geheimnisses liegt in der Transparenz. Wir müssen wissen, wer uns wann, weshalb und wie ausspäht. Letztendlich wollen wir doch alle das Gleiche, nämlich die Erhaltung unserer Freiheit, Kultur, Toleranz, Fortschritt, Wissen und ein klein wenig Privatsphäre. Diese Wünsche geraten natürlich öfter in Konflikt, aber wir sollten niemals akzeptieren, dass der Kampf um Freiheit, Sicherheit und Fortschritt ein Nullsummenspiel ist. Das wäre eine törichte Auffassung.

Unsere Probleme lassen sich nicht mit mehr Geheimhaltung lösen. Die Antwort liegt im Licht, nicht im Schatten.

_Übersetzung aus dem Englischen_

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick

"Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick. Damit wurde die Demokratie verletzt. Die Regierungschefs versuchen immer, aus der EU einen Regierungsföderalismus zu machen, was mir überhaupt nicht gefällt. Da kommen sich die Wählerinnen und Wähler mindestens veralbert vor

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu