Große Anführer sind fast immer große Meister im Vereinfachen. Colin Powell

Die vergessene Masse

Republikaner wie Demokraten versuchen ihre eigene Basis zu mobilisieren. Dabei sollten sie nicht vergessen, welches Potenzial die libertäre Wählerschaft hat.

Seit mehr als einem Jahrzehnt diskutieren Politiker und Experten nun schon über eine polarisierte Wählerschaft – konservative Red-States gegen liberale Blue-States. Kommentatoren übersehen jedoch oft die Anzeichen dafür, dass Millionen von Amerikanern nicht in dieses Schema der roten und blauen Kästen passen. Viele von ihnen sind konservativ in finanzpolitischen Themenfeldern wie Steuern oder Sozialabgaben, gleichzeitig aber sind sie moderat oder liberal in sozialen Belangen wie dem Abtreibungsrecht und der Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Ehen. Man könnte sagen, diese Wähler wollen die Regierung raus haben aus ihrem persönlichen Leben und aus der Wirtschaft. Natürlich gibt es auch die Wähler, die liberal sind bei wirtschaftlichen Themen und konservativ bei sozialen Fragen.

Die Gallup-Meinungsumfrage hat herausgefunden, dass 20 bis 23 Prozent der Amerikaner zu der wirtschaftlich konservativen und sozial liberalen oder libertären Gruppe gehören. Werden engere Kriterien angewandt – so fanden David Kirby und ich heraus – lassen sich etwa 15 Prozent der Amerikaner als libertäre Wähler klassifizieren.

Der republikanische Vorsprung schwindet

Bisher konnte man oft beobachten, dass ungefähr 70 Prozent der libertären Wähler ihre Stimme republikanischen Kandidaten gaben. Gleichzeitig aber zeigten sie mehr Bereitschaft als die meisten anderen Amerikaner, ihre Stimme unabhängigen Kandidaten wie John Anderson 1980 and Ross Perot 1992/96 zu geben. Sie zogen George W. Bush mit 72 Prozent Al Gore mit 20 Prozent vor. Gleichsam aber zeigt die Wahl von 2004 ein drastisches Abwenden von den Republikanern: Während die Unterstützung für Bush von 72 auf 59 Prozent fiel, verdoppelte sich der Zuspruch für den demokratischen Kandidaten auf 38 Prozent. Bushs Bilanz vergraulte die Libertären mit ihren Einträgen zu Krieg, Hilfsabgaben und sozialen Themen.

Dieser geschrumpfte Zuspruch währte bis zu den Kongresswahlen 2006. Eine Studie des Cato-Instituts von John Zogby bestätigt, dass 59 Prozent der Libertären die Republikaner wählten, 29 Prozent stimmten für Demokraten. Verglichen mit der vorherigen Wahl 2002, die nicht in einem Jahr der Präsidentschaftswahl durchgeführt wurde, bedeutete dies einen Wählerwechsel von 24 Prozent.

Daten der American National Election Studies zeigen sogar eine noch stärkere Abkehr von den Republikanern zwischen 2002 und 2006. Der Zuspruch für Republikaner im Repräsentantenhaus fiel von 47 auf 8 Prozent; republikanische Senatsanwärter fielen in der Gunst sogar von 59 auf 4 Prozent. Dies sind weitaus größere Veränderungen als wir sie unter Konservativen, religiösen Rechten, Gewerkschaftsmitgliedern oder anderen höher gebildeten Wählergruppen finden können.

Allein aus Angst davor, eine vereinte Demokratische Partei könnte die Regierung zu sehr dominieren, stimmten die Libertären geschlossen gegen Barack Obama. Und: Sie bildeten einen wichtigen Teil der Tea-Party-Bewegung, die 2009 und 2010 die amerikanische Politik in Unruhe versetzte.

Die libertäre Begeisterung für Ron Paul

In diesem Jahr hat der Republikaner Ron Paul während der Vorwahlen Millionen von libertären Wählern zusammengeschart. Obwohl er die Nominierung verpasste, wird es im November eine große Rolle spielen, wem diese Wähler ihre Stimme geben. Eine Umfrage im Jahr 2008 zeigte: Umso mehr einem Wähler Ron Paul zusagte, desto weniger war er geneigt, für den republikanischen Kandidaten John McCain zu stimmen. Mitt Romneys Wahlkampfteam sollte diese Ergebnisse beachten, denn viele von Ron Pauls Wählern ziehen es in Betracht, nicht wählen zu gehen oder ihre Stimme Gary Johnson, dem Nominierten der libertären Partei, zu geben. Romney muss herausfinden, wie er sie im republikanischen Lager halten kann. Bisher aber sieht es nicht so aus, als würde er sich gut verkaufen.

Man könnte nun annehmen, Obama hätte Probleme, Bürgerrechts-Liberale zu halten. Doch auch nach Drohnenangriffen, vermehrten Ausweisungen von Immigranten, gezielten Tötungen amerikanischer Staatsbürger und einem verfassungswidrigen Krieg in Libyen gibt es keine Anzeichen dafür, dass Bürgerrechtler sich vom Präsidenten abwenden würden.

Eine Umfrage der „Washington Post“ im August besagt, dass sich ein Drittel aller Wähler als Unabhängige bezeichnen. Gleichzeitig aber „verhalten sich zwei Drittel der Wähler, die sich selbst als Unabhängige bezeichnen, wie Parteigänger der Republikaner oder Demokraten“. Ein weiteres Viertel der Bevölkerung interessiert sich nicht für Politik und wird wohl nicht den Weg zur Wahlurne antreten.

Das heißt, am Ende bleiben 13 Prozent tatsächlich unabhängiger Wähler. Für die gesamte Wählerschaft bedeutet dies einen Anteil von 5 Prozent, der grundsätzlich offen für beide Parteien ist. Mehr als die Hälfte von ihnen sagt, sie hätte in der Vergangenheit für Kandidaten beider Parteien gestimmt und momentan haben Romney und Obama jeweils nur 30 Prozent von ihr auf ihrer Seite.

Der Budget-Hawk sorgt für Zuspruch

Aber was wollen diese Wähler? Nun, nur 26 Prozent von ihnen wollen Obamas Gesundheitspaket, 64 Prozent sagen, sie würden eine „kleine Regierung mit weniger Leistungen“ einer „großen Regierung mit vielen Leistungen“ vorziehen und 63 Prozent favorisieren die gleichgeschlechtliche Ehe. Sie wirken also wie klassische „wirtschaftlich konservative und sozial liberale“ Wähler – man könnte sie auch als libertäre Wähler bezeichnen.

Eine neue Reason-Rupe-Umfrage sieht 77 Prozent der libertären Wähler bei Romney. Das ist mehr, als ich erwartet habe. Vielleicht ist dies Ausdruck der libertären Begeisterung für den Budget-Hawk Paul Ryan und die starke Zurückweisung von Obamas Gesundheitspaket sowie der Schulden in Billionenhöhe. Romneys Helfer sollten aber bedenken: Wenn die Umfrage Gary Johnson als Wahlmöglichkeit angeboten hätte, wären 14 Prozent der libertären Stimmen auf ihn gefallen.

Beide Parteien arbeiten hart daran, ihre Basis zu mobilisieren. Sie sollten jedoch mindestens genauso viel Aufwand aufbringen, um die unentschiedenen libertären Wähler für sich zu überzeugen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ansgar Graw, Kerstin Plehwe, Jan Philipp Burgard.

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