Abschied vom Gay-Ghetto

von David Berger6.02.2015Gesellschaft & Kultur

Je mehr die Toleranz für Homosexualität zunimmt, umso „normaler“ gehen Schwule und Lesben mit ihrer sexuellen Identität um. Einigen extremen Vertretern passt das gar nicht

Die Auflösung einer eigenen Homo-Welt schreitet in Deutschland rasant voran. Grund ist die fast vollständige Integration homosexueller Menschen in die Gesamtgesellschaft.

Je deutlicher die Toleranz und Akzeptanz von Homosexualität in Europa und den USA zunimmt, umso schneller verschwinden typische Homo-Institutionen, umso „normaler“ gehen Schwule und Lesben mit ihrer sexuellen Identität um. Lediglich eine sehr kleine Gruppe träumt von einer neuen Gesellschaft, die ganz nach queeren, von den modernen Gender-Theorien beeinflussten Maßstäben umgebaut wurde. Die große Mehrheit schwuler Männer und lesbischer Frauen beschäftigt sich aber mit ganz anderen Themen als der weltweiten Verbreitung von Unisex-Toiletten und “korrekten Professorinnen-Anreden . Sie genießt die weithin vollzogene Integration in die Gesamtgesellschaft. Dass dadurch das Gay-Ghetto und seine Institutionen, aber auch phantasievolle schwule Utopien überflüssig werden, nimmt man weithin gerne in Kauf.

Drogengesättigte Dauerorgie junger Männer

Mit zu den bekanntesten literarischen schwulen Utopien gehört der Roman „Das Lied des Sternentauchers“ („Song of the Loon“), in Deutschland besser bekannt unter dem Titel „Rote Männer auf grünen Matten“. Im Jahr 1966 entwirft der Autor, Richard Amory , in seinem Roman, der die Phantasie von Generationen schwuler Männer prägte, den Traum von einer von unserer Zivilisation abgesonderten Welt eines kleinen Indianervolkes, in dem die völlig enttabuisierte mann-männliche Sexualität die wichtigste Form der Kommunikation darstellt.

Wem der durch und durch von den Freuden der Promiskuität kündenden Roman noch zu sehr nach harmonischem Blümchensex riecht, der kann sich in die Welt der „wilden Boys“ des William S. Burroughs l hineinträumen. Viele, die Burroughs als einen der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert feiern, wissen nicht um die Existenz des 1971 erschienenen Romans „The Wild Boys: A Book of the Dead“. Was auch daran liegen mag, dass der Text ursprünglich als Vorlage für einen Porno-Film gedacht war. Vielleicht lag es aber auch an dem schonungslos brutalen Inhalt und der angenommenen Stoßrichtung des Romans. Von vielen wurde er als genussvoller Abgesang auf den Niedergang der westlichen Zivilisation, der in der schwulen Szene jener Zeit seinen Ausdruck fand, interpretiert.

Borroughs zeichnet das Entstehen einer eigenen Gesellschaft, lokalisiert in Marokko, nach. Einer Gesellschaft aus immergeilen und dauernd unter Drogen stehenden jungen Männern. Diese pflanzen sich durch Analverkehr fort und züchten Fledermaus-Boys, die die Drogenversorgung sicher stellen. Die sex- und drogengesättigte Dauerorgie findet ihr Ende, als die CIA grausame und blutrünstige Lesbenhorden einsetzt, die den Staat der wilden Boys vernichten.

Schwul- oder Lesbischsein wird in Zukunft keine Rolle mehr spielen

Sowohl Amorys wie Borroughs Texte der Gay-Fiction zeigen sehr schön, wie all diese Utopien ganz viel von eigenen Träumen, Entbehrungen und Ängsten erzählen. Bei Amorys „roten Männern“ etwa ist es die „Gesellschaft der Sternentaucher“, die einen harten Gegenentwurf zur in jener Zeit herrschenden Prüderie und gesellschaftlicher Dämonisierung homosexueller Lust darstellt.

Und auch Borroughs Staat mann-männlicher Sexualität kann man durchaus als mit sexueller Phantasie aufgeladene Alternativ-Utopie zur heteronormativ bestimmten Gesellschaft der frühen 1970er-Jahre sehen – trotz aller Versuche, diesen als Entwurf der Kulturkritik zu interpretieren.
Auch wenn Amorys „Lied des Sternentauchers“ in einer neuen Übersetzung vor kurzem noch einmal von einem kleinen Nischenverlag neu aufgelegt wurde: die dort entworfenen Utopien haben in jenem Kulturkreis, für den sie geschrieben wurden, längst nur noch homo-historische und literaturgeschichtliche Relevanz.

Vorbei die Zeiten, als sich schwule Männer aus einer homo-feindlichen, heteronormativen Gesellschaft in schwule Phantasiewelten wegträumen mussten. Vorbei damit aber auch die Zeit der großen Utopien. Eine jüngst durchgeführte Umfrage , an der sich knapp 1200 schwule Männer beteiligten, ist da höchst aufschlussreich. Der einzigen derzeit noch ventilierten Utopie einer Gesellschaft, die komplett nach queeren Vorstellungen umstrukturiert sein wird, gaben lediglich 5 Prozent irgendeine realistische Zukunftschance. Die ganz große Mehrheit von 79 Prozent sieht eine Gesellschaft bereits realisiert oder im Kommen, in der Schwulsein keine entscheidende Rolle mehr spielt, da es in der Gesamtgesellschaft akzeptiert bzw. intergiert ist.

Abschied vom Homo-Ghetto: Traurig oder entlastend?

Recht gibt ihnen dabei eine nachprüfbare Entwicklung bezüglich der real existierenden Homo-Community: immer mehr reine Szenelokale, auf Homosexuelle spezialisierte Verlage, Buchläden usw. schließen ihre Pforten, Homo-Magazine stellen ihre Erscheinen ein oder mutieren zu reinen Werbeblättern, die sich – um für die Anzeigenkunden einen möglichst großen Adressatenkreis zu erreichen – möglichst unauffällig geben. Die „Süddeutsche“ 6 bemerkte schon vor knapp zwei Jahren zu dem Verschwinden einer Homo-Presse zutreffend: „Aber eines kommt bei schwulen Medien noch hinzu: Je normaler Homosexualität wird, desto mehr wird über sie berichtet. Tageszeitungen schreiben ausführlich über die Homo-Ehe und machen damit das, was früher nur Special-Interest-Medien taten.“ Für amerikanische Soziologen ist die Auflösung eigener schwuler Viertel (gay villages ) längst zum ergiebigen Thema geworden.

Auch in den letzten Jahren wiederkehrende Versuche, eine eigene Homo-Partei zu gründen, scheiterten kläglich. Zu überdeutlich hat sich inzwischen das gesamte Parteispektrum in Deutschland, von der LINKEN bis zur AfD, LGBTI-Themen gewidmet, in den meisten Fällen sogar eigene Arbeitsgemeinschaften für Schwule und Lesben . Durch den Rückgang homophober Gewalttaten in Deutschland s fehlt zunehmend auch der Entrüstungseffekt, auf den LGBTI-Aktivistengruppen im Wesentlichen bauen. Der LGBTI-Aspekt dürfte so in den allermeisten Fällen bei der Wahlentscheidung schwuler Männer nur noch eines unter vielen Kriterien darstellen.

Thomas Hitzlsperger: „Es gibt wichtigere Dinge“

Selbst ein so verdienter schwuler Mann wie Thomas Hitzlsperger bemerkte zur Homo-Politik der Kanzlerin vor einigen Wochen in einem Interview mit dem Schwulenmagazin „Männer“: „Ich gestehe Merkel aber zu, dass es wichtigere Dinge gibt. Da dürfen wir uns nichts vormachen.“

Männer meines Alters und der vorangehenden Generationen schauen mit einer gewissen Sentimentalität auf diese Entwicklung. Zu sehr hatte der Zustand des Andersseins, die Konfrontationsstellung zur Welt der „Heten“ unsere Identitätsfindung bestimmt, bis er bei einigen schließlich zu einer für nachfolgende Generationen wenig attraktiven, die errungenen Fortschritte schlicht negierenden Larmoyanz r wurde. Das Bild unbeschwert von ideologischen Grabenkämpfen ihr Leben genießender Schwuler wird dann litaneienhaft mit dem Satz „Dafür haben wir nicht gekämpft“ quittiert. Für jüngere Schwule und Lesben dagegen ist diese Normalisierung ihrer sexuellen Identität eine große Erleichterung.

Vielleicht sollten wir Älteren uns ausnahmsweise mal an ihnen ein Vorbild nehmen.

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