Aufrecht leben, statt kniend sterben!

David Berger11.01.2015Gesellschaft & Kultur

Warum die Vorwürfe gegen den Comic-Zeichner Ralf König ungerecht und selbstgerecht sind, wir aber trotzdem anders handeln müssen. Vorbild dafür ist Stéphane Charbonnier.

„Elender Feigling, kuscht vor Deppen!“ oder „Das hat ein widerliches Geschmäckle“ – das sind nur einige der Aussagen, die sich der schwule Comic-Zeichner Ralf König derzeit in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke anhören muss.

Grund ist ein Bericht des “„Tagesspiegel“”:http://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/nach-dem-anschlag-auf-charlie-hebdo-ralf-koenig-zieht-kontroverse-islam-karikatur-zurueck/11211122.html, der in seiner Wochenendausgabe zahlreiche Karikaturen von Berliner Zeichnern als Solidaritätsaktion mit deren französischen Kollegen von „Charlie Hebdo“ publiziert.

Nach diesem „Tagesspiegel“-Bericht hat Ralf König eine kritische Islam-Zeichnung von seiner Internetseite gelöscht. Und zwar aus Angst vor „vereinzelten kranken Irren“, womit er offensichtlich den nun auch Europa wirkmächtig heimsuchenden islamistischen Terror meint. Der Comic-Zeichner hat die Aussagen des Berichts “auf seiner Facebookseite bestätigt und spricht dort sehr offen”:https://www.facebook.com/RalfKoenig/posts/823432524384767, fast berührend von seiner Angst, durch die er „seit 2 Tagen wie gelähmt“ sei.

Kritische Passagen freiwillig gestrichen

Jeder, der das Verhalten Königs nun verurteilt, ihn als Feigling beschimpft, muss sich fragen lassen: Wie hättest du gehandelt, wenn du in dieser konkreten Situation gewesen wärst? Ich für meine Person kann sagen: Ich hätte bei der derzeitigen Lage genauso gehandelt. Und ich schreibe das als einer, der selbst zu spüren bekommen hat, was es bedeutet, “von religiösen Fanatikern”:http://www.sueddeutsche.de/leben/kirche-und-homosexualitaet-sie-sind-eine-schande-fuer-unsere-kirche-1.1257731 bedroht zu werden. Damals habe ich mir die Devise: „Jetzt erst recht!“ zu eigen gemacht, “einige meiner Vorträge mussten unter Polizeischutz”:http://www.ksta.de/politik/david-berger-schwuler-theologe-wird-bedroht,15187246,12034656.html stattfinden. Aber damals kamen diese Drohungen von rechtsradikalen Katholiken, während der Vorträge fühlte ich mich sicher und ein wenig auch als Held. Was mir heute peinlich ist. Und zwar seitdem ich vor einigen Monaten in einem Artikel über Homosexualität und Islam einige besonders kritische Passagen freiwillig vorab gestrichen habe.

Als mich dann ein Kollege ansprach, ob ich dies bei meinen Artikeln über katholische Fundamentalisten auch getan hätte, antwortete ich sofort zustimmend. Aber die Frage bohrte und ich musste mir schließlich eingestehen, dass das „Ja“ gegenüber dem Kollegen eine Lüge war. In diesem Augenblick hätte ich mich am liebsten geohrfeigt, um dann doch mit dieser Strategie fortzufahren.

Als dann auch noch CDU-Frau “Erika Steinbach vor einigen Tagen in einem umstrittenen Tweet schrieb”:http://www.focus.de/politik/deutschland/die-partei-funktionaer-schaltet-polizei-ein-anzeige-gegen-erika-steinbach-wegen-tweet-zu-charlie-hebdo_id_4393002.html, „man solle nur die katholische Kirche kritisieren, alles andere sei ,sonst lebensgefährlich‘“, fühlte ich mich von jener Frau ertappt, “mit der ich mir sonst harte Gefechte geliefert hatte”:https://www.youtube.com/watch?v=5JMtdorsi_0. Helden sind aus einem anderen Holz geschnitzt.

Helden wie Stéphane Charbonnier

Gerade weil ich keiner von ihnen bin, ist mein Bedürfnis in diesen Tagen, solche Helden zu sehen, besonders groß. Männer, die wie der ermordete Stéphane Charbonnier, Chefredakteur und Herausgeber von „Charlie Hebdo“, sagen: „Besser aufrecht sterben, als auf den Knien leben!“ Vielleicht ist es sogar so, dass wir jetzt noch die Chance haben, aufrecht zu leben. Aber das funktioniert nur, wenn wir in großer Mehrheit geschlossen entschlossen vorangehen und dem Islamismus die Stirn bieten.

Das würde dann auch bedeuten, dass wir uns von den seltsamen Grabenkämpfen und Scheingefechten rund um Pegida und Anti-Pegida endlich verabschieden. Die derzeitige Lage hat eine Dimension erreicht, wo wir unsere Energien in großer Einigkeit dafür aufwenden sollten, unsere offene Gesellschaft, deren Werte mühsam über lange Zeit und mit großen Opfern errungen wurden, in aller Entschiedenheit gegen den islamistischen Terror zu verteidigen.

Gerade uns schwulen Männern stände dies gut an, denn unsere Rechte werden diejenigen sein, die nach der Pressefreiheit als Erste sterben werden, wenn der Islamismus seinen Siegeszug fortführt. Wer wird dann einer Kanzlerin das Recht absprechen wollen, dass sie aus Angst, den fundamentalistischen Islam zu provozieren, wichtige Homo-Rechte zurückzieht, wenn wir zuvor die Islamisten provozierende Karikaturen zurückgezogen haben? Wir haben derzeit noch die Wahl, kniend zu sterben oder aufrecht zu leben. Ich weiß nicht, ob ich alter Feigling das hinkriege, aber eigentlich gibt es derzeit nur eine vernünftige, zukunftsweisende Option: mutig zu sein, Helden der Freiheit und Menschlichkeit zu werden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu