Ihr könnt nach Hause geh'n!

von David Berger28.12.2014Gesellschaft & Kultur

Ein Jahr nach dem Coming-out des Fußballers Thomas Hitzlsperger muss man feststellen, dass sich die damit verbundenen großen Hoffnungen nicht erfüllt haben. Eine wesentliche Ursache dafür sind die Reaktionen der völlig überforderten Wortführer der Schwulen und Lesben in Deutschland.

Anfang Januar wird es genau ein Jahr her sein, dass sich der ehemalige Fußball-Profi Thomas Hitzlsperger “in der „Zeit“ als homosexuell geoutet hat”:http://www.zeit.de/sport/2014-01/thomas-hitzlsperger-homosexualitaet-fussball. Die Erwartungen waren damals groß: nun werde sich bezüglich der Homophobie in der Gesamtgesellschaft Grundlegendes ändern. Ja, im Zusammenhang der Fußballweltmeisterschaft kam sogar kurz die Hoffnung auf, dass sich “einer der glücklichen Weltmeister ebenfalls publikumswirksam als schwul outen könnte”:http://www.huffingtonpost.de/2014/07/12/fussball-nationalspieler-schwul-outen-wm_n_5579896.html.

Doch nichts von all dem ist eingetroffen. Stattdessen befürchten sogar einige Pessimisten – angesichts der Großdemonstrationen gegen sexuelle Aufklärung und „Vielfaltspädagogik“ in der Schule – für die kommenden Jahre einen Rollback in Sachen Akzeptanz homosexueller Menschen.

Eine solche Entwicklung war zu erwarten gewesen. Sie hängt nicht nur, aber ganz wesentlich mit den desaströsen Reaktionen vieler Wortführer der Homo-Society auf das Coming-out Hitzlspergers zusammen.

Das Lob der Politiker war voraussehbar

Dass die Reaktionen auf das Hitzlsperger-Selbst-Outing von der Bundeskanzlerin bis zum DFB positiv ausfallen, war zu erwarten. Vielleicht nicht, dass das Lob so durchweg überschwänglich positiv war. Eine Überschwänglichkeit, die vielleicht über ein schlechtes Gewissen oder eine gewisse Verlogenheit bei so manchem Politiker hinwegtäuschen sollte, der sich bislang gegen den Abbau von Diskriminierungen homosexueller Menschen gestellt hat. Auch das Bedauern darüber, dass sich Hitzlsperger erst aus der sicheren Position des Ex-Profis geoutet hat, ist verständlich.

Ebenso zu erwarten war, dass einige strenge Katholiken und Evangelikale wüten würden. Oder dass ein “populistischer Kommentar”:http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-die-rocky-horror-hitzlsperger-show-12744517.html in der gegenüber der „Zeit“ leer ausgegangenen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nun die heterosexuelle Mehrheit in Gefahr sah: wenn das mit der unersättlichen „Schwulen- und Lesben-Lobby“ so weiter gehe, dann sei es bald gefährlich, zu seiner Heterosexualität auch öffentlich zu stehen.

Extrem kritische Stimmen von Lesben und Schwulen

Was aber dann doch viele überrascht hat, einige auch wütend oder traurig zurückließ, waren so manche Reaktionen aus der „LGBTI-Community“. Während Respekt und Anerkennung für Hitzlspergers Schritt gesamtgesellschaftlich nahezu allgemein waren, tauchten hier die ersten extrem kritischen Stimmen auf.

Der Chefredakteur eines besonders queeren Großstadtmagazins “ließ seine Leser wissen”:http://www.siegessaeule.de/no_cache/newscomments/article/798-die-diskussion-um-thomas-hitzlsperger-geht-weiter-ein-kommentar-von-siegessaeule-chefredakteur.html: Die „schwammigen Erläuterungen“ Hitzlspergers hätten „faden Beigeschmack“, alles sei bei ihm in „phobikerfreundliche Watte“ verpackt. Seine ganze Vorgeschichte sei eine Katastrophe, schließlich sei er in den Augen der Heteros der „gute Homo“ gewesen, der die „subtile Diskriminierung durch sein Umfeld“ auch noch genossen habe. Ganz unten, am Rande der Verleumdung angekommen, zeigte sich solche Kritik bei einem langjährigen Autor des im gleichen Verlag herausgegebenen, inzwischen eingegangenen Schwulenmagazins „Du&Ich“:

bq. „Wenn mir eines so richtig auf die Eier geht, dann sind es Coming-outs von irgendwelchen prominenten … Leuten, die ihre Karriere hinter sich haben und auf einmal meinen, eine neue Karriere machen zu können als Schwulengutmenschen in den Talkshows. Völlig unglaubwürdig.“

Ebenso peinlich waren die Versuche anderer Protagonisten, sich nun öffentlichkeitswirksam auf der von Hitzlsperger losgetretenen Welle zu profilieren. An einsamer Spitze steht da der “Vorschlag des Vorstands der „Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“”:http://mh-stiftung.de/ueber-die-stiftung/vorstand/, Jörg Litwinschuh: Er forderte allen Ernstes in der Zeitschrift „Sport Bild“, dass Fußballspieler künftig keine Witze mehr über Homosexuelle in den Bundesliga-Kabinen machen dürfen. Das klang dann im schönsten Beamtendeutsch so: „Ich fordere den Sport auf, Vereins- und Verbandsstatuen so anzupassen, dass homosexuellenfeindliche Äußerungen in Wort, Bild und Ton – zum Beispiel schwulenfeindliche Kommentare in der Kabine oder auf Plakaten auf der Tribüne – verboten und solche Handlungen auch geahndet werden müssen.“

Erst als aufgrund der “Kommentare schwuler Männer in den sozialen Netzwerken”:https://www.facebook.com/lgbtgermany/posts/10203187086703909 klar wurde, dass hier ein gutes Anliegen – natürlich unfreiwillig und gut gemeint – ins Lächerliche gezogen wird, ruderte man zurück. Da war es freilich schon zu spät und die Forderung bereits in den Mainstreammedien angekommen.

Haben Schwule ein neurotisches Verhältnis zur Homosexualität?

Und nach all dem fragen wir noch, warum sich so wenige Sportler oder Kirchenmänner outen? Und wenn sie sich outen, dies ganz sicher nicht in Homo-Zeitschriften tun? Vielleicht liegt dies ja gar nicht allein an den mehr oder weniger homophoben Systemen, in denen diese zu Hause sind. Sondern daran, dass es das von Sportreporter Manni Breuckmann in der Gesamtgesellschaft festgestellte „hochneurotische Verhältnis zur Homosexualität“ in ganz eigener Ausprägung auch bei Schwulen gibt?

Was uns aber spätestens nach dem, was da in diesen Tagen rund um das Coming-out Hitzlspergers passiert ist, nicht wundern sollte, ist, dass dieser sich von dieser Art Schwulenbewegung “in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“”:http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/thomas-hitzlsperger-im-gespraech-ich-will-keine-ikone-einer-schwulenbewegung-werden-12747788.html klar distanziert.

Er wolle nicht zur Ikone einer Schwulenbewegung werden, die er treffsicher beschreibt: „Eine Vereinnahmung und Instrumentalisierung durch Leute, die damit ein Eigeninteresse verfolgen, werden mit mir nicht möglich sein.“

Schlichte, ideologisch evozierte Bösartigkeit und peinliche Naivität wurden durch fehlendes Taktgefühl ergänzt von all jenen, die in diesem Zusammenhang offensichtlich nur ein wirklich schwerwiegendes Problem erkennen konnten. Schon am Tag nach dem Selbst-Outing veröffentlichte der „Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen“ “(BLSJ)”:http://www.blsj.de eine Pressemitteilung zum Coming-out Hitzlspergers. Mehr als die Hälfte dieses Schreibens widmet sich der Tatsache, dass man im Zusammenhang mit Hitzlsperger von einem „Outing“ gesprochen habe – und das, obwohl der BLSJ letztes Jahr eine Broschüre erstellt habe, in der klar geregelt sei, dass in diesem Zusammenhang nicht von einem „Outing“, sondern nur von einem „Coming-out“ gesprochen werden darf.

Noch päpstlicher als der Papst traten in der Folge dann auch all die Hobby-LGBT-Sprachwissenschaftler in den Internet-Diskussionsforen auf. Kaum ein Artikel zu Hitzlsperger, in dessen Anschluss sich nicht sprachtotalitär veranlagte Homos gehörig über das Wort Outing echauffierten. Um so die ganze Diskussion auf einen lächerlich anmutenden Nebenkriegsschauplatz zu bugsieren.

Brauchen wir eine andere, neue Form der Schwulenbewegung?

Auch wenn man um die Wichtigkeit der korrekten Sprache für ein klares Denken weiß und die Aufgabe von Journalisten würdigt, auch kritische Fragen zu stellen. So reibt man sich doch verwundert die Augen und hat irgendwie das Gefühl, in einem Sketch von Loriot zu sitzen. Ist das wirklich das, was jetzt homo- wie heterosexuelle Menschen in Deutschland, ja in ganz Europa, angesichts der genannten Ereignisse beschäftigt?

Ist das tatsächlich das Hauptproblem, das wir im Zusammenhang mit der fehlenden Akzeptanz von Homosexualität nicht nur im Fußball haben? Wäre es von der Sache her nicht das Natürlichste der Welt gewesen, sich zunächst einmal riesig zu freuen? Zu freuen über das beherzte Vorgehen der Hauptperson? Über die Tatsache, dass die wirklich Homophoben jetzt einen Gegner und wir einen starken Freund mehr haben? Über die gesamtgesellschaftliche Zustimmung, oft sogar Begeisterung? Über den fairen, ja geradezu vorbildlichen Umgang der meisten großen Leitmedien mit der Sache? Zumindest aber darüber, dass das Thema Homophobie in unserer Gesellschaft über Nacht wieder ganz oben auf die Agenda des öffentlichen Diskurses gerückt ist? Aber das hätte natürlich nicht zu der Larmoyanz und Opferrolle gepasst, in der sich viele Veteranen und Wortführer der Homo-Society gemütlich seit Jahren eingerichtet haben.

Alles das, was rund um den Fall Hitzlsperger passiert ist, sollte Schwule und Lesben in Deutschland weniger darüber nachdenken lassen, wann sich der nächste Profi-Sportler outet. An der Zeit ist die Frage: Brauchen wir eine ganz andere Form der Schwulenbewegung, als jene, die sich da lautstark zu Wort gemeldet hat? Brauchen wir für die, die da so unglücklich agiert haben, nicht ein klares „Ihr könnt nach Hause geh’n!“? Und an ihrer Stelle eine neue Schwulenbewegung, die die schweigende Mehrheit schwuler Männer zu Wort kommen lässt. Eine echte Community, bei der Helden wie Hitzlsperger nicht sofort in Deckung gehen und sich distanzieren wollen. Sondern sagen können: „Ich bin stolz darauf, nun auf Eurer Seite und in vorderster Reihe gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung kämpfen zu dürfen!“

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