„Dich wollen wir als unsern Helden nicht!“

von David Berger17.11.2014Gesellschaft & Kultur

Wie die schwule Welt mit ihren eigenen Helden umgeht und warum wir gerade deswegen auch heute noch einen Tim Cook oder Thomas Hitzlsperger brauchen.

Kaum ein Verhältnis ist in der queeren Welt so gespalten wie das zu Homo-Helden. Da ist zum einen bei der Generation über 40 die Erfahrung, dass man in seiner eigenen „schwulen Biographie“ kaum lebensnahe Vorbilder und Helden hatte. Allenfalls längst tote und daher berechenbare Persönlichkeiten der Weltgeschichte dienten als kleine Ermutigung im Sinne von „Ach, der auch!“ Man kam ihnen über Filme oder noch häufiger über die Literatur nahe – auch ein Grund, warum damals schwule Buchläden Erfolgsgeschichte schrieben.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit rund um mein Coming-out im Jahr 1987. Ich verschlang geradezu, was da auf dem Buchmarkt für einen Schüler bezahlbar zu haben war: Roger Peyrefittes „Alexander“-Trilogie und „Exil auf Capri“ oder Armistead Maupins „Stadtgeschichten“. Aber was half einem ein Alexander der Große oder ein Oscar Wilde, was halfen einem die selbstbewusst ihr Schwulsein lebenden Männer aus San Francisco, wenn es um das konkrete Leben im Hier und Jetzt ging?

2014 war aus schwuler Perspektive das Jahr des Coming-outs

Durch u.a. Rosa von Praunheims Zwangs-Outings nahmen dann auch freiwillige Coming-outs zu und die herbeigesehnten Helden standen plötzlich live und real vor uns. Während wir 2014 geradezu ein Jahr des Coming-outs erlebten, erschallt aus derselben Gruppe, die noch vor wenigen Jahren mehr Coming-outs, mehr schwule Helden und überzeugende Sprecher der „Gay Community“ gefordert hatte, immer wieder der monotone Ruf: „Dich wollen wir als Helden nicht!“ Männer wie Volker Beck oder Klaus Wowereit können ein Lied davon singen.

Und zu Beginn des Jahres zeigte sich dies noch einmal überdeutlich, als sich Thomas Hitzlsperger outete. Wie lange hatte man in den queeren Medien immer wieder ein solches Coming-out gefordert?! Und dann waren es “eben jene Medien”:http://www.huffingtonpost.de/david-berger/keine-ikone-der-schwulenbewegung_b_4584531.html, die sich an die Spitze jener stellten, die alles nur Erdenkliche an Hitzlspergers Coming-out zu bemängeln hatten: Er habe sich viel zu spät geoutet, habe die falschen Worte gefunden usw. Im persönlichen Gespräch hat mir Hitzlsperger anvertraut, wie sehr ihn das verletzte. Dass er seit seinem Coming-out keinem schwulen Medium ein Interview gegeben hat, wird dadurch gut erklärbar.

Wer erfolgreich ist, macht sich verdächtig und weckt Neid

Vor einem guten Jahr hat ein Kollege von mir schon einmal anhand der wiederkehrenden Buhrufe aus der schwulen Community Berlins gegen Klaus Wowereit darauf hingewiesen, dass sich das gesamtgesellschaftlich zu beobachtende „Tall Poppy-Syndrom“ in der Homo-Welt verstärkt zeigt: Das Bedürfnis „herausragende Persönlichkeiten, egal wodurch sie sich auszeichnen, öffentlich zurechtzustutzen, weil man sich der eigenen Unzulänglichkeiten so weniger bewusst ist.“

Während man es noch ertragen kann, wenn jemand, der öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, als Mitleid erheischendes Opfer auftritt, scheint der erfolgreiche, in seiner Haut und mit seinem öffentlichen Leben rundum glückliche Schwule a priori verdächtig zu sein. Zumal wenn er Erfolg und Anerkennung aus der Mehrheitsgesellschaft erhält. Angesichts eines kollektiven Geschichtsgedächtnisses ein vielleicht noch verständliches Misstrauen gegenüber der anderen, der „Heterowelt“, die schwule Männer noch bis vor wenigen Jahren auch in Deutschland kriminalisierte. Aber auch vor typischen allgemeinmenschlichen Eigenschaften wie Neid und fehlendem Selbstbewusstsein sind schwule Männer selbstredend nicht gefeit.

Wir brauchen auch heute selbstbewusste Homo-Helden

Dieser müder Verweis auf Allzumenschliches bringt indes nichts ein. Denn: Auch in den westlichen Gesellschaften stellt das Coming-out für viele Jugendliche nach wie vor ein großes Problem dar, viele schwule Männer finden zu ihrem Schwulsein kein ausgeglichenes, akzeptierendes Verhältnis, wir sind in zahlreichen Ländern von echter Gleichberechtigung und voller Akzeptanz noch weit entfernt. Und genau deshalb brauchen wir im Alltag, aber auch in der Öffentlichkeit, positive Vorbilder. Mehr denn je brauchen wir Homo-Helden. Brauchen wir Männer, die Schwulsein vorbildlich vorleben: ohne die manchem Homo-Journalisten bereits zur zweiten Natur gewordene “Larmoyanz”:http://www.taz.de/!139633/, authentisch in all seinen Facetten und befreit von den Schubladen, die noch immer wohlmeinende Homo-Vereine “zur Verfügung stellen.”:http://www.iwwit.de/akzeptanz

Deshalb an dieser Stelle schon mit dem Blick ins nächste Jahr: Ihr Tim Cooks, ihr Thomas Hitzlspergers und all ihr Alltagshelden, ihr schwulen Lehrer an den Schulen, ihr schwulen Pfarrer in den Gemeinden, ihr schwulen Ärzte in Euren Praxen, ihr schwulen Führungskräfte in den Chefetagen: Kommt raus, zeigt euch – Ihr tut es nicht für die Klatschpresse, nicht für die ewigen larmoyanten Nörgler, die Maulaffen und selbst ernannten Schubladenwahrer der queeren Correctness. Nein, ihr tut es für Euch selbst und für den jungen Mann, dessen Nachdenken über sein Coming-out von Selbstzweifeln, Ängsten und von Verzweiflung, manchmal sogar von Selbsttötungsgedanken geprägt ist. Für den jungen Mann und die junge Frau, die ihr auf einmal selbstbewusst befreit seht, wie junge wilde Vögel, die aus dem engen Käfig gelassen wurden – hoffentlich ohne sich gleich wieder in einen neuen rosa Käfig sperren zu lassen …

_Anmerkung: die Dezemberausgabe des “Magazins MÄNNER”:http://m-maenner.de/ hat – unter der Chefredaktion des Verfassers – „schwule Helden“ zu ihrem Schwerpunktthema gemacht._

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

"Sag' mir, wo du stehst!"

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Mobile Sliding Menu