Abschied von der Veteranensentimentalität

von David Berger8.11.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

„Gute Schwule und Lesben dürfen nur links oder grün sein“: Dieses Dogma ist in der Homo-Welt derzeit am Zerfallen. Ein gutes Zeichen für eine zunehmende Integration homosexueller Menschen.

Im nun zu Ende gehenden Jahr konnten die „Lesben und Schwulen in der Union“ (LSU) ihre wichtigste Veranstaltung, den Parlamentarischen Jahresempfang, zum ersten Mal im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin abhalten. Dies hat bereits im Vorfeld zu Diskussionen, vor allem am rechts-katholischen bzw. -evangelikalen Rand der Partei “geführt.”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article133334389/CDU-laedt-erstmals-Homosexuelle-in-Zentrale-ein.html Besonders die Drohung der sehr kleinen, aber lautstarken Gruppe mit einem Übertritt zur Alternative für Deutschland wurde dabei mit Besorgnis aufgenommen.

Dass es dort bereits auch eine eigene Gruppe “„Homosexuelle in der AfD“”:http://www.vice.com/de/read/zurueck-ins-19-jahrhundert-die-homosexuellen-in-der-afd-batrix-von-storch-conchita-wurst-112 gibt und somit den Drohenden wohl nur die Gründung einer expliziten Anti-Homo-Partei bleibt, wurde schlicht unterschlagen – zumal natürlich derzeit das Winken mit der AfD-Fahne viel wirkungsvoller ist als ein weiterer erfolgloser Versuch, eine fundamentalistisch-christliche Partei zu gründen.

Aber nicht nur innerhalb der CDU, auch bei schwulen Männern gibt es Widerstand gegen das Engagement der LSU. Zwar kann man feststellen, dass dieser nicht mehr die Ausmaße hat wie noch vor 20 Jahren. Gerade unter den jüngeren Generationen schwuler Männer gilt in der überwältigenden Mehrheit, dass man sehr gut selbstbewusst schwul und zugleich überzeugtes CDU- oder CSU-Mitglied sein kann. Das Schubladendenken, das noch manch Homo-Altbewegten in Veteranensentimentalität umtreibt, sieht man dort einfach nur noch als Relikt aus alten Zeiten, irgendwie dem Kuriositätenkabinett der Homo-Geschichte zugehörig.

Schwule in der SPD und CDU als dumme Kälber?

Aber der Widerstand ist noch da, je mehr er an Boden verliert, umso verbitterter zeigt er sich. Sehr gut kann man diesen im Kommentarbereich des Homo-Nachrichtenblogs queer.de erkennen, der dogmatisch linke Schwule magisch anzuziehen scheint. Immer wieder kann man da so oder ähnlich lesen: „Lesben und Schwule in der Union, eine Alibi-Lachnummer, in gesellschaftlichen Fragen ist die CDU/CSU eine rückwärtsgewandte, rückständige Partei. Ein paar Schwule kann man sich halten als Alibi. Die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber. Kauder, Schäuble, und, und, und …“ Eine Kritik, die dort ähnlich seit dem letzten Koalitionsvertrag auch gegen Schwule und Lesben in der SPD immer wieder vorgetragen wird. Auch von bestimmten Parteien finanziell abhängige Homo-Verbände, “wie etwa der LSVD”:http://m-maenner.de/2013/12/wir-brauchen-eine-homo-lobby nähren die Vorstellung, dass man als guter Homo eigentlich nur die Grünen oder LINKEN, zur Not auch die SPD wählen darf, beständig.

Aber all das sind nur noch Rückzugsgefechte einer kleinen Minderheit, zusammengesetzt aus meist tragischen Gestalten, die sich als die sinngebenden Hohepriester der fiktiven „Community“ verstehen. Es hilft alles nichts: Das alte Homo-Dogma von dem homosexuellen Wähler, der sein Kreuz stets links von der FDP zu machen hat, ist spätestens angesichts der jüngeren Ereignisse zerflossen wie Wachs an der heißen Sonne.

Die LINKE hat gerade in NRW durch antisemitische und homophobe Redner auf einer von ihr organisierten Demonstration und ihren menschlich katastrophalen Umgang mit eigenen „queer“ engagierten Genossen “enorm viel homopolitisches Kapital verspielt.”:http://www.huffingtonpost.de/david-berger/die-linke-antisemitisch-homophob_b_5668309.html?ncid=edlinkushpmg00000008 Ähnlich auch die Grünen durch ihr Einknicken bei den Bildungsplandiskussionen in Baden-Württemberg. Dafür, dass ich diese Themen aufgegriffen habe, gab es natürlich einige sehr kritisch, teilweise auch die sachliche Ebene komplett verlassende Reaktionen. Aber die ganz große Mehrzahl der Kommentare aus der schwulen Welt war durchaus positiv, ja klang fast erleichtert, in dem Sinne, dass wir über parteipolitische Optionen und Ideologien hinweg zunächst einmal ganz pragmatisch die möglichst rasche Erlangung der Gleichberechtigung und den Abbau von Diskriminierungen homosexueller Menschen in den Vordergrund stellen.

LINKE ja, AfD nein?

Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich schwule Männer nicht in einer Partei engagieren sollten. Ja, dies ist im Hinblick auf unseren Kampf für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung sogar unersetzlich. Denn hier geht es nicht um kleinere parteipolitische Streitereien, sondern letztlich um die Frage, ob wir allen in Deutschland grundlegende Menschenrechte zugestehen wollen. Ob wir wirklich 100 Prozent Mensch sein dürfen.

Es ist daher gar kein schlechtes Zeichen, dass sich die Homo-Community so ausdifferenziert und gesellschaftlich so integriert hat, dass dort inzwischen CDU-Mitglieder oder parteipolitisch überhaupt nicht Gebundene ebenso für Homo-Rechte aktiv sind wie Linke und Grüne. Als schwuler Mann sage ich mir: Schlagkräftige Vereinigungen von Schwulen und Lesben brauchen wir außerhalb der Parteien und innerhalb aller demokratischen Parteien. Und überall sollten wir ihnen möglichst großen Einfluss und Erfolg wünschen. Gerade in Deutschlands größter Volkspartei, wo eine Veränderung von innen konkrete Erfolge ermöglichen könnte. Deshalb sollten wir ganz konkret bestimmte Personen und Institutionen aus ALLEN demokratischen Parteien unterstützen, die sich dort an Schlüsselstellen primär für unsere Rechte einsetzen. In den USA fährt man diese Strategie in der LGBI-Community seit vielen Jahren schon sehr erfolgreich.

Schwierig wird es freilich dort, wo Parteien insgesamt ein zweifelhaftes Verhältnis zu unserem Rechtsstaat aufweisen, wie dies auf weite Strecken bei der LINKEN und der AfD der Fall ist. Nachdem man allerdings queer Engagierte von den LINKEN in Vorständen von Homo-Verbänden, -Stiftungen, Aidshilfen und CSD-Vereinen bereits seit Jahren hofiert, kann man den “bislang praktizierten Ausschluss”:http://www.queer.de/detail.php?article_id=21507 der homopolitisch bei der AfD Engagierten aus der „Gay Society“ kaum mehr irgendwie glaubhaft begründen.

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