Die Schatten des heiligen Scheins

von David Berger13.02.2013Gesellschaft & Kultur

Papst Benedikt XVI. hinterlässt seinem Nachfolger das schwere Erbe seiner Amtszeit. Die benediktinische Wende hin zu einem neuen Antimodernismus wirft ihre Schatten voraus.

Was wird in der Erinnerung der Geschichte von dem Pontifikat Benedikts XVI. bleiben? Bleiben wird selbstverständlich das, was nun passiert: ein für die Neuzeit beispielloser Rücktritt. Demut, Weisheit, Einsicht in die eigenen Grenzen wird man hier erkennen können, die Respekt abverlangen. Aber es darf nicht verboten sein, auch über mögliche, allzu menschliche Motive nicht einfach hinwegzusehen, bevor die Hagiografen die Deutungshoheit endgültig an sich gerissen haben.

Denn was jetzt von Politikern aller Couleur als Heldentat gefeiert wird, hat vielleicht auch noch eine andere Seite: Benedikt verschafft sich durch den Rücktritt einen unglaublichen strategischen Vorteil, den alle seine Vorgänger nicht besaßen. Er kann jetzt an entscheidender Stelle (wenn auch selbstverständlich inoffiziell) mit die Fäden ziehen bei den Vorbereitungen der Wahl seines Nachfolgers. Er will, nach seiner Zwischenstation in Castel Gandolfo, im Vatikan wohnen bleiben und selbst wenn er dort nur für seinen Nachfolger betet, wird seine pure Präsenz zur dauernden Belastung für den „Neuen“. Aber vielleicht hat er sein Haus auch so sicher bestellt, dass ein kritischer Blick auf einen Benedikt XVII. überhaupt nicht nötig sein wird.

Unübersehbares Versagen im Missbrauchsskandal

Jedenfalls werden die Probleme des Pontifikats des Alt-Papstes auch die des Neu-Papstes sein. Und wieder ist es ein Zeichen der Größe und akademischen Erbes, dass der Papst selbst indirekt die Türen zu einem kritischen Blick auf jene Probleme geöffnet hat, indem sein Rücktritt mit einer Vergebungsbitte verbunden war.

Da ist zunächst das unübersehbare Versagen im Missbrauchsskandal. Nicht dass es zu diesen zahllosen Fällen gekommen ist, scheint der Skandal – so schlimm diese Fälle für sich alleine bereits natürlich sind. Der eigentliche Skandal bestand darin, wie mit diesen Fällen über Jahrzehnte hin umgegangen wurde: In die Taktik der strategischen Vertuschung war der damalige Erzbischof von München und spätere Präfekt der Glaubenskongregation offensichtlich viel tiefer bzw. an zentralerer Stelle verstrickt, als man dies wahrhaben will.

Als dieses Ratzinger’sche Krisenmanagement nicht mehr aufging, fand man schnell neue Strategien: die Medienschelte und die Zuflucht zum Rauch Satans, der durch die nicht mehr ganz so stramm gezogenen Bastionen der Kirche von außen in diese eindringen konnte. Nicht die Strukturen katholischer Priesterausbildung, die Kleriker bewusst auf dem Entwicklungsstand eines (vor)pubertären Jugendlichen halten, nicht die kirchlichen Parallelwelten, die psychisch labile Personen magisch anziehen, wurden in den lehramtlichen Blick genommen. Hilfe suchte man stattdessen im Rückzug in die enge Parallelwelt der kirchlichen Bastion, in deren schwülem Klima Dinge wie Kindesmissbrauch den idealen Nährboden finden.

Damit verbunden ist die benediktinische Wende hin zu einem neuen Antimodernismus. Hier wurden Weichen gestellt, um deren Korrektur der Nachfolger nicht herumkommen wird, wenn er die größte Gefahr, die der Catholica derzeit droht, aufhalten will. Denn diese Wende impliziert die stramm angetretene Umwandlung der Volkskirche hin zu einer Art fundamentalistischer Großsekte. Die Freiburger Konzerthausrede im Herbst 2011 war dafür das unmissverständliche Grundsatzprogramm. Rückzug auf die kirchlichen Bastionen und Opus-Deiisierung der Volkskirche, das heißt ein Faible für die Ekklesiologie der kleinen, aber schlagkräftigen Elite.

Todesstrafe für homosexuelle Handlungen

Für Außenstehende überhaupt unverständlich war sodann die Homophobie, die immer mehr zum Lieblingsthema dieses Pontifex und seiner Entourage wurde. Die Macht des Bösen sah Benedikt nämlich ebenfalls jedes Mal dann am Werk, wenn es um die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern geht. Hier Liberalisierungen vorzunehmen, bedeutet für ihn, die absolute Anarchie und den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören.

Benedikt trieb eine „panische Angst vor Schwulen“ (Ch. Feldmann) um. Keiner seiner Vorgänger hat sich jemals in diesem Ausmaß und mit solcher Verve abfällig über Homosexualität, über schwule Männer und deren Kampf um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung geäußert bzw. diese Äußerungen in seinem engsten Umkreis forciert. Dies geht etwa so weit, dass man sich im von Benedikt regierten Vatikan nicht scheute, Länder wie Uganda in ihrem Bestreben zu bestärken, die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen wieder einzuführen. Auch davor, Homosexuelle zu Sündenböcken in der Missbrauchskrise zu machen, scheute man sich nicht.

Mit dieser Homophobie verbunden scheint auch die ganz eigene ästhetische Ausrichtung dieses Pontifikates: Die Strategie des „heiligen Scheins“ bzw. der frommen Kulisse findet ihren für alle sichtbaren Ausdruck in dem pontifikalen Revival päpstlicher Gewandungsstücke und dazugehöriger Accessoires aus der pianisch-antimodernistischen Epoche der Kirchengeschichte.

Die spätestens seit Paul VI. gegen Ende der 60er-Jahre im Kontext der Liturgie-Reform einkehrende einfache Schlichtheit in diesen Dingen wurde unter Benedikts Regie innerhalb weniger Jahre abgelöst durch eine Hypertrophie des Ästhetischen. Die wiederum Ausdruck einer Hypertrophie des Sakralen sein will, das sich in der katholischen Kirche als dem alleinigen Hort aller Heiligkeit findet. Die von ihm zelebrierten Hochämter waren lebendige Aktionskunstwerke mit einer gigantischen Tradition. Die Bilder, die dadurch in einer medial vermittelten Welt entstanden sind, beeindruckten, waren unterhaltsam, gaben der katholischen Kirche sozusagen ein unverwechselbares Label.

Kaum mehr zu überbietende Scheinheiligkeit

Zugleich aber enthüllten sie das Dilemma päpstlicher PR: Die fromme Kulisse aus Wolken von Weihrauch und zahllosen Vorhängen edler Gewandungsstücke konnte Pleiten, Pech und Pannen dieses Episkopats nur ansatzweise überspielen. Nur schlecht versteckten sich dahinter jene Abgründe an Unmenschlichkeit, Machtmissbrauch, an Loyalitätserzwingung und Erpressung – gerade bei Priestern, die im Bereich des Zölibats schwach wurden. Ja, in ihrer Wucht wurden sie geradezu zum Zeichen einer systematischen, kaum mehr zu überbietenden Scheinheiligkeit.

Der heilige Thomas von Aquin soll am Ende seines Lebens verstummt sein, weil ihm alles Kirchliche, das er verehrend beschrieben hatte, „wie Stroh“, wie eitler Schein vorkam. Ob eine solche Einsicht in die gefährliche Kulissenhaftigkeit seiner Kirche den Rücktritt bei Benedikt mit ausgelöst hat, wissen wir nicht. Was wir aber im langen Atem der Kirchengeschichte stehend vorhersagen können, ist, dass nach einigen Jahren alle die Pannen und Peinlichkeiten dieses Pontifikates wohl zugunsten des historischen Rücktritts in den Hintergrund treten werden. Für seinen Nachfolger freilich sind sie eine enorme Belastung.

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