Wird die Trauer um Guido Westerwelle das Denken von Angela Merkel ändern?

von David Berger2.04.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Mit der Trauerfeier haben sein Mann, seine Freunde und Kollegen Abschied von Guido Westerwelle genommen. Als Vicky Leandros sich mit einem eigens für diesen Anlass umgeschriebenen Lied von ihm verabschiedete, blieb kaum ein Auge trocken. Nach der Predigt und der Ansprache Merkels keimen aber auch rationale Hoffnungen auf mehr Akzeptanz homosexueller Paare in katholischer Kirche und Union auf.

Mit einer Trauerfeier in der Kölner Basilika St. Aposteln haben Freunde und Familie sowie Kollegen heute Abschied zu Guido Westerwelle genommen. Mit dabei Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Die Predigt hielt Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, der mit Westerwelle seit frühester Jugend befreundet war.

Jüsten nannte Westerwelle einen „Bekenner“ und Kämpfer für die Menschenrechte. Identifikationsfigur und Vorbild für die, die Rückgrat zeigen, wenn es Kritik hagelt. Respekt für die Andersdenkenden. Der Prälat zeigte seinen großen Respekt vor Michael und Guido, die er kennenlernen durfte als „zwei Menschen, die sich lieben und füreinander einstehen“. Beide verband neben der großen Liebe ein gemeinsames Anliegen, das auch der Leiter des katholischen Büros teilt: „Diskriminierung und Ausgrenzung sind mit unserem Menschenbild nicht vereinbar“. Jüsten verschwieg in diesem Zusammenhang aber auch nicht, dass Westerwelle ein religiöser Mensch war: Er „stand zu seinem Christentum und zu seinem Glauben“.

„Und weinen wir heute sehr um Dich, Du bleibst im Herzen sicherlich“

Musikalisch wurde die Trauerfeier durch die Klassische Philharmonie Bonn sowie dem Chor der Oper Köln gestaltet. Einer der Höhepunkte der Feier war ein Auftritt der Schlagersängerin Vicky Leandros, die ein eigens für den Anlass eigens verfasstes bzw. umgeschriebenes Lied sang. „Schön war die Zeit mit Dir!“

Auch Angela Merkels Ansprache war von persönlicher Bewegtheit geprägt: Westerwelle habe die liberalen Grundwerte verteidigt und sei keinem Konflikt ausgewichen: „Er schaffte es auch, mich – ich kann es nicht anders sagen – zur Weißglut zu bringen. Wir waren auch verwundert, zum Beispiel als Guido Westerwelle zusammen mit Michael Mronz zusammen als Paar gekommen sind. Meine Anteilnahme gilt vor allem dir, lieber Michael. Deinen Schmerz können wir nur erahnen.”

Wenn das zu einer Initialzündung für echten Respekt werden würde…

Nichts liegt mir ferner als hier die Trauerfeier Westerwelles für irgendwelche partei- oder homopolitischen Interessen zu instrumentalisieren. Auch ich kann nicht verbergen, dass auch ich zu allererst ergriffen und zu Tränen gerührt war, als Vicky Leandros sang oder das traurige Gesicht von Michael Mronz bei der ARD-Übertragung eingeblendet wurde. Zugleich war ich aber auch fasziniert, wie weit zum Beispiel der katholische Trauerprediger Prälat Jüsten in seiner Predigt ging. Wer weiß, dass der Ehrentitel „Bekenner“ in der katholischen Kirche nur Heiligen zukommt, kann erahnen, wie sehr Jüsten bemüht war, Westerwelles Person zu würdigen. Dass er dabei auch seinen tiefen Respekt vor dessen Lebenspartnerschaft mit einem anderen Mann zeigte, ist für die katholische Kirche viel, enorm viel.

Ähnliches gilt für Angela Merkel, die als Gegnerin einer kompletten Eheöffnung und eines gleichberechtigten Adoptionsrechts für Paare wie sie Michael Mronz und Guido Westerwelle eines waren, gilt. Dass sie in ihrer ersten Kondolenz von Mronz als dem „Mann“ Westerwelles sprach, zeigt doch, dass sie gedanklich schon weiter ist als die Rechtssprechung in der Bundesrepublik. Daher kam auch doch während dieses Trauerfeier so etwas wie Hoffnung auf: vielleicht war diese Stunde des Gedenkens ja wirklich ein Fortschritt im Denken von katholischen Klerikern und von Angela Merkel. Dann würde aus Trauer und Ergriffenheit echter Fortschritt dort, wo es um Menschenrechte geht. Ich denke, Westerwelle hätte angesichts solch einer weiterführenden Wirkung jener Trauerstunde echte Genugtuung empfunden.

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