Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Günter Grass

12 Gründe warum ich als schwuler Mann gerne katholisch bin

Nach inneren Kämpfen, zunächst gegen die Sexualität, dann gegen die katholische Kirche, habe ich als schwuler Mann gelernt, beides als bereichernd für meine Person zu akzeptieren. Die 12 wichtigsten Gründe, wie mir dies gelang, finden sich im folgenden Text:

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Dass am Anfang jeder Kultur Religion und Sexualität stehen, wusste schon Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse. Dass das Verankertsein im Katholizismus für viele Menschen eine ähnliche Kraft hat, wie die sexuelle Veranlagung, können sich aber meist nur die vorstellen, die beides erleben.

Für viele wird dieses Erleben zur Qual, andere versuchen darin die positiven Seiten zu sehen. Nach inneren Kämpfen, zunächst gegen die Sexualität, dann gegen die katholische Kirche, habe ich als schwuler Mann gelernt, beides als bereichernd für meine Person zu akzeptieren. Die 12 wichtigsten Gründe, wie mir dies gelang, finden sich im folgenden Text:

1. Geschichtlich gesehen war die katholische Kirche immer eine Art luxuriöses Asylantenheim für schwule Männer. Der Klerikerstand, insbesondere die Klöster waren Zufluchtsorte in einer Gesellschaft, die Homosexualität ächtete und schwer bestrafte. Wenn ein junger Mann damals entdeckte, dass er sich zu anderen Männern hingezogen fühlte, hatte er nur die Wahl zwischen dem Gefängnis (Nazizeit: KZ), einer unglücklichen Scheinehe oder dem in der Gesellschaft hoch angesehenen Priesterstand.

2. Aufgrund dieser Situation (1) hat es die katholische Kirche vermocht, über viele Jahrhunderte mit dem katholischen Priester ein Berufsprofil zu kreieren, das wie gemacht war für schwule Männer: ruhmreiche Ehelosigkeit, Leben in reinen Männergesellschaften usw. So hat sich die katholische Kirche – wie der „Spiegel“ vor einiger Zeit schrieb – zur „größten internationalen Schwulenorganisation der Welt entwickelt“. Dass diese Männer durch die gleichzeitige Dämonisierung von Homosexualität perfekte „Untergebene“ sind, ist die andere (weniger erfreuliche) Seite dieser Medaille

3. Die katholische Kirche ist eine Meisterin in der Inszenierung religiöser Gefühle. Diese haben auch immer eine erotische Komponente. Die religiöse unterscheidet sich strukturell in nichts von der sexuellen Ekstase. Und gerade bei schwulen Männern ist die Ritualisierung sexueller Zusammenhänge, etwa in der Leder- und Fetischszene, äußerst beliebt. Dass sie dabei auf die Regeln die Ritualisierung, die die katholische Kirche geprägt hat, zurückgreifen, ist kein Zufall.

4. Die streng abgeschlossenen Männergesellschaften der katholischen Kirchen regen enorm die Phantasien schwuler Männer an. Und das gerade heute, in einer Zeit, in der die katholische Kirche zunehmend an Einfluss verliert. Einer der größten schwulen Pornoproduzenten „Bel Ami“ hat innerhalb kürzester Zeit den zweiten Teil von „Scandal in the Vatican“ veröffentlicht, nachdem der erste Teil sich enormer Beliebtheit erfreute. Während im ersten Teil vor allem junge „Priester“ mit gut taillierten Talaren und feierlichen Messgewändern, die sie natürlich irgendwann fallen ließen, herumliefen, sind es nun die Schweizer Gardisten, die sich mit heißen Prälaten des Vatikanstaates wilden Sexorgien hingeben.

5. Die so viel gescholtene katholische Scheinheiligkeit war über lange Zeit aber auch ein Rahmen, in dem schwule Männer ungestört ihren Begierden nachgehen konnten. Und das gilt nicht nur für die Priester, sondern auch für die Laien. In den katholischen Ländern galt Homosexualität als Sünde, „über die man nicht spricht“. Die deshalb auch nicht existent war. Es ist bezeichnend, dass die Diktatoren-Kollegen Hitlers in Italien und Spanien keine mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Schwulenverfolgung durchführten. Aus einem einfachen Grund: Homosexuelle gab es nach der offiziellen Version in den Ländern, in denen der Katholizismus Staatsreligion war, nicht. Es war vielmehr protestantische und aufklärerische Ehrlichkeit, die zur Einführung von Paragraphen führte, die Homosexualität unter Strafe stellten.

6. Interessanterweise sind es die traditionell katholischen Länder in Europa, die ganz konsequent die Öffnung der Ehe für Homosexuelle eingeführt haben: Von Spanien über Frankreich bis Malta. Während in Deutschland, im Heimatland der Reformation, geführt von einer protestantischen Pfarrerstochter, dies nicht gewollt scheint.

7. Die katholische Kirche erscheint einem mit ihren Vorstellungen zur Homosexualität wie ein Dinosaurier. Insofern ist sie etwas, an dem an sich perfekt abarbeiten kann. Wer einmal in den schwulen Medien gearbeitet hat, weiß, dass einem nichts Besseres passieren kann, als dass irgendein lateinamerikanischer Kardinal Schwulen mit der Hölle droht. Der diesbezügliche „Wir entrüsten uns“-Artikel wird etwa 1000 mal öfter geklickt werden als eine Reportage- etwa über ein Charity-Dinner der homosexuellen Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
8. Insofern hält die katholische Kirche auch die homosexuelle „Community“ zusammen. Untereinander maßlos zerstritten, stellt sie eine Notgemeinschaft dar, die nur dann funktioniert, wenn es einen starken (echten oder vermeintlichen) Feind gibt. Die katholische Kirche eignet sich dafür bestens.

9. Die katholische Kirche ist – im Vergleich zu den protestantischen kirchlichen Gemeinschaften – eine Religion übermächtiger Sinnlichkeit. Ihre Rituale und Bräuche, über Jahrtausende entstanden, stellen eine große Synthese dar aus naturreligiösen, griechisch-römischen, byzantinischen und jüdischen Elementen. Vom Duft des Weihrauchs über die Klänge der gregorianischen Choräle bis hin zu den eindrucksvollen Bildern des Zeremoniells von Gottesdiensten oder Auftritten des Papstes vor und in großartigen Kulissen, zeigt sich der Katholizismus als ein Aktionskunstwerk, das den Menschen in seiner sinnlichen Gesamtheit anspricht und enorm identitätsstiftend ist. Einer sinnlichen Gesamtheit, die auch in der schwulen Welt durch den Rückzug in virtuelle Welten (bis hin zum Praktizieren von Chat-Sex) zunehmend verloren geht. Und den Menschen so verkümmern lässt. Die katholische Kirche kann hier im positiven Sinne Vorbild sein. Und das nicht nur bei der Wiederentdeckung einer umfassenden Sinnlichkeit. Auch wenn es um das angestrengte Bemühen geht, eine eigene homosexuelle Identität zu entwickeln, sind Rituale unverzichtbar.

10. Die katholische Kirche rettet durch das Tabu und ihre Verbote die Libido. Immer wieder bemerkt man beim Studieren schwuler Biographien, wie schwule Männer im Bereich der Sexualität ein Tabu nach dem anderen gebrochen haben, um die Lust jeweils zu steigern. Wenn das letzte Tabu gebrochen ist, kehrt die große Leere und die Unlust, bis zum völligen Verlust der Libido ein. Das hängt sicher mit dem zusammen, was die Psychologen „Reaktanz“ nennen: wir lieben das Verbotene. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass die katholische Kirche, wenn sie die neueren Bildungspläne, die den Sexualkundeunterricht an Schwulen ausweiten wollen, kritisiert , im letzten den Spaß am Sex und die Libido rettet. Ich bin froh, dass mir meine Grundschullehrerin damals nicht erklärt hat, wie man einen Dildo benutzt und wie Analverkehr genau funktioniert. So wurde mir nicht jene aufregende Erfahrung geraubt, als ich die Sexualität auf eigene Faust und ohne die Betriebsanleitung aus einem Schulbuch entdecken konnte. Dass es verboten und nicht Unterrichtsstoff – vergleichbar mit Textaufgaben und Schönschreiben – war, hat einen großen Teil zu jenem Herzklopfen beigetragen und den einzigarten Wert von Erotik und Sexualität indirekt vermittelt. Oder um es wissenschaftliche zu sagen: Je mehr und je früher mit Jugendlichen über Sex geredet wird, umso mehr lässt die Lust darauf, wirklich Sex zu haben nach. Ähnlich das Phänomen, dass durch exzessiven Pornokonsum die Libido oft komplett verschwindet. https://www.dasgehirn.info/handeln/liebe-und-triebe/wo-ist-nur-die-libido-geblieben-4504 Oder um es ganz brutal zu sagen: Je mehr verboten ist, umso wilder wird der Sex ausfallen. Die katholische Kirche ist derzeit in Europa diejenige Institution, der alle Menschen, die Freude an Sex haben, besonders dankbar sein sollten.

11. Der Katholizismus bietet mit seiner strikten Sexualmoral einen starken Stimulus für kulturelles Schaffen. Eigentlich wusste das schon Sigmund Freud, als er über Sublimierung sprach. Aber wir sehen es auch ganz konkret an zahlreichen Beispielen von Künstlern, die aus dem katholischen Kulturkreis kommen: von Michelangelo über Cravaggio bis zu dem großen Romancier Julien Green. Der Konflikt zwischen Trieb und Verbot, in dem der schwule Katholik steht, kann zur psychischen Belastung werden, kann aber eben auch große kulturschaffende Kräfte freisetzen. Unsere europäische Kultur ist ohne die katholische Kirche nicht denkbar, aber ebenso wenig ohne schwule und zugleich katholische Männer.

12. Der letzte Grund hängt mit dem Gefühl des Außenseiters zusammen: Was früher die Schwulen waren, sind heute in Deutschland teilweise die Katholiken. Seien wir mal ehrlich: Was würde passieren, wenn ein Politiker mit dem Satz “Ich bin römisch-katholisch – und das ist auch gut so!“ antreten würde? Sieht man mal von Bayern ab, hätte er es schwerer als damals Klaus Wowereit mit seiner analogen Aussage. Schwulsein ist in der Welt des Coolseins angekommen. Die katholische Kirche dagegen zeigt sich immer öfter als Gegenwelt und Skandal in einer in politischer Korrektheit gleichgeschalteten Gesellschaft. In meiner Jugend zog ich enorme Kräfte aus dem schwulen Außenseitertum, aus dem Anderssein, das gegen die für mich so empfundene heterosexuelle Mittelmäßigkeit stand. Heute ist es mein Katholizismus, der mich gerade wegen seiner Gegenposition gegen die Mediokrität und Dummheit des Zeitgeistes, stolz macht. Es ist ein Katholizismus der Freiheit, weil er uns – um sinngemäß den Romancier Gilbert K. Chesterton zu zitieren, vor der erniedrigenden Knechtschaft bewahrt: ein Kind nur seiner eigenen Zeit zu sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Berger: Jan Böhmermann, das linksradikale Milieu und kriminelle Menschenschmuggler

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