Acht Dinge, die ich mir für 2016 wünsche

von David Berger30.12.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Diese 8 Dinge, die ich mir als schwuler Mann für 2016 wünsche haben direkt gar nichts mit den von den Berufshomos und ihren Verbänden ins öffentliche Gespräch gebrachten Themen zu tun. Es gibt aber andere schwerwiegende Punkte, die dieses Wohlfühlen ganz erheblich beeinträchtigen könnten, wenn sie sich nicht möglichst rasch verändern.

Viele werden jetzt denken, dass man sich als schwuler Mann nichts sehnlicher für 2016 wünschen kann als dass endlich die komplette Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben durchgesetzt wird, dass homosexuelle Paare ein den Ehepaaren gleichgestelltes Adoptionsrecht bekommen – oder vielleicht mit dem Bundestagsabgeordneten Volker Beck, dass das Familienticket im Spaßbad von Bad Laasphe endlich auch für „Regenbogenfamilien“ eingeführt wird.

Solche Leser werden von meinem Artikel vielleicht enttäuscht sein. Meine acht großen Wünsche an das neue Jahr haben direkt gar nichts mit den von den Berufshomos und ihren Verbänden ins öffentliche Gespräch gebrachten Themen zu tun. Wie 95 Prozent aller anderen homosexuellen Männer und Frauen fühle ich mich in Deutschland unter dem Aspekt meiner sexuellen Veranlagung ganz wohl. Dafür gibt es aber andere schwerwiegende Punkte, die dieses Wohlfühlen ganz erheblich beeinträchtigen könnten, wenn sie sich nicht möglichst rasch verändern. Sie gelten für alle Bürger unseres Landes, ganz unabhängig von ihrer sexuellen Veranlagung. Sollte sich die Krise, in der wir uns derzeit befinden, aber verstärken, werden die gesellschaftlichen Klein- und Randgruppen die ersten sein, die darunter besonders zu leiden haben.

1. Beendet den virtuellen Bürgerkrieg

Was in diesem Jahr ganz vielen Menschen bitter bewusst wurde: Im Internet, besonders in den sozialen Netzwerken – allen voran Facebook herrscht eine Art Bürgerkrieg. Besonders die Flüchtlingsthematik hat viele Menschen in Deutschland entzweit. Das ist mehr als bedauerlich, denn das Klima in den sozialen Netzwerken greift schnell auf die Realität über Freundschaften über. Auch ganz reale Freundschaften, teilweise lange vor der Existenz von Facebook geschlossen, sind in der aufgeheizten Stimmung zerbrochen.

Ich habe vor kurzem auf einem Spaziergang mit unserem Hund ein schönes altes Denkmal in Berlin entdeckt. Auf diesem stand geschrieben: „Concordia parvae res crescunt – discordia maximae dilabuntur“. Der Spruch stammt von dem großen römischen Dichter Sallust und frei könnte man ihn übersetzen: „Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Größte“. Wenn das neue Jahr gut werden soll, müssen wir diesen virtuellen Bürgerkrieg so schnell als möglich beenden, zumal dort, wo er zu Zwietracht und Gewalt im realen Leben führt.

2. Der Gewalt und der Selbstjustiz – egal aus welcher Richtung – müssen alle mit einem klaren Nein begegnen!

Mit der verbalen Gewalt im Internet hat auch die reale Gewalt ganz enorm zugenommen. Gerade gegen Politiker. Und es ist völlig unangebracht, jetzt rechte Gewalt gegen die von links irgendwie abzuwägen und zu diskutieren, welche Gewalt schlimmer ist. Diese Gewalt betraf Politiker jeder Couleur. Was dabei nicht nur die Gewalttäter, sondern auch die sich heimlich über die Gewalttätigkeit gegen den politischen Gegner Freuenden übersehen haben: Wer einen politischen Anschlag auf einen demokratisch gewählten Politiker verübt, verübt diesen implizit auch auf unsere Demokratie und unsere Gesellschaft. Unsere offene Gesellschaft, die uns das Recht zu leben und zu lieben garantiert, wen und wie wir wollen. Egal um welchen demokratisch gewählten Politiker es sich handelt: Der Gewalt gegenüber kann es nur ein klares „Nein“ geben. Und zwar ohne ein „Aber,“ (der hat ja das und als falsch gemacht).

3. Hört auf, Euch über Menschen, die Angst haben, lustig zu machen!

Deutschland 2015 war auch ein Land von Menschen, die Befürchtungen und Angst haben. Vor allem vor ihrer wirtschaftlichen Zukunft, aber auch vor der kulturellen Zukunft ihrer Heimat. Und die deshalb auf die Straßen gegangen sind. Von einfachen Internetschreibern bis hin zu den großen Medien hat man immer wieder versucht, sich über diese Menschen lustig zu machen, etwa über ihre Rechtschreibung, kurzum: ihre Ängste als lächerlich darzustellen. Das ist der perfekte Weg, um Menschen in die Hände von Radikalen und Verschwörungstheoretikern zu treiben. Wenn das kommende Jahr ein gutes werden soll, müssen wir mit Menschen, die Angst haben (egal, ob das die Angst vor Rechtsradikalen oder vor Flüchtlingen ist), endlich anfangen zu reden, sie ernstnehmen und ihnen Auswege aus ihrer Angst, echte Zukunftsperspektiven zeigen.

4. Seid mit Eurer Sprache vorsichtiger

Nazi, Rassismus, homophob – das sind harte Worte. Doch es gibt Menschen, deren Denken diese Kriterien erfüllt. Zum Bereich der Sprache gehört, dass man Menschen mit solchen Meinungen und die, die den schwierigen Dialog mit ihnen und ihren Befürchtungen aufnehmen wollten, sofort in die rechstradikale oder rassistische Ecke geschoben hat. Und umgekehrt ist es auch geschehen! Menschen, die tatkräftig angepackt haben, als es darum ging, Flüchtlingen bei uns einen einigermaßen menschenwürdigen Start zu ermöglichen, hat man in die naive Gutmenschenecke verschoben. Gerade der inflationäre Gebrauch von Totschlagworten hat dazu geführt, dass diese unbrauchbar geworden sind.

Wenn wir irgendwann einmal mit wirklichem Rassismus, Homophobie oder echten Nazis konfrontiert werden, haben wir keine scharfen Worte mehr, um sie als solche zu kennzeichnen und zu verurteilen. Wer ein Messer über Jahre durch inflationären Gebrauch stumpf gemacht hat, darf sich nicht mehr wundern, wenn es nicht mehr schneidet. Das neue Jahr kann dann ein gutes werden, wenn wir uns ein Totschlagwortfasten auferlegen, das heißt: mit solchen Worten wieder extrem sparsam umgehen.

5. Lernt wieder Takt und übt Euch in Höflichkeit!

All das bisher Beschrieben hat auch mit Respekt vor dem Mitmenschen als menschlicher Person, unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner Religion, seinen politischen Einstellungen und seiner sexuellen Veranlagung zu tun. Dieser Respekt äußert sich in Takt und Höflichkeit jedem Menschen gegenüber. Höflichkeit als Frömmigkeit des Herzens, wird man nicht in einem Jahr ganz neu lernen können, wenn in der Bildung der Person dieser zentrale Aspekt vernachlässigt wurde. Aber wir sollten uns im neuen Jahr ganz viel von anderen Völkern, von unseren französischen Nachbarn über die USA bis in die arabische Welt, abschauen. Und die Höflichkeit als Form des grundsätzlichen Respekts vor dem Mitmenschen wiederentdecken!

6. Fangt an zu differenzieren!

2015 war auch ein Jahr fehlender Differenzierungen. Wenn meine These vom virtuellen Bürgerkrieg stimmt, ist das auch verständlich. Kampfparolen verlangen kurze und schmissige Formulierungen. Aber es sind eben Kampfparolen und passen nicht in den Diskurs einer demokratisch grundgelegten offenen Gesellschaft. Der aus dem Koran rekonstruierte Islam ist eben nicht der real existierende Islam, nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, Konservative sind etwas anderes als Rechtsradikale, Linke nicht automatisch antisemitisch und Kritiker der Gender-Ideologien sind nicht unbedingt homophob. Klingt alles sehr banal und selbstverständlich? Dann sollten wir unsere Argumentationsmuster und unsere Sprache aber auch im neuen Jahr danach ausrichten!

7. An die Medien: Sich nicht eins mit einer Sache machen, auch nicht mit einer guten!

2015 war auch das Jahr eines gigantischen Glaubwürdigkeitsverlustes für die Medien. Das kann man drehen und wenden wie man will. Ob es um angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge oder die Rede des Autors Pirinçci bei Pegida ging. Immer wieder hatte man den Eindruck, dass Medien auch mal fünf gerade sein ließen, wenn man damit etwas Gutes zu erreichen glaubte. Selbst die ARD musste einräumen, dass sie bewusst die Situation verfälschende Bilder zeigte, wenn es um Flüchtlinge ging. http://www.focus.de/kultur/medien/tagesschau-und-tagesthemen-ard-raeumt-falsches-fluechtlingsbild-ein_id_5001222.html. Deshalb, liebe Kollegen: Nehmt im neuen Jahr wieder ernst, was euch der unvergessene Hanns Joachim Friedrichs ins Stammbuch schrieb: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“

8. An die Politiker: Ihr seid zuerst für die Menschen in diesem Land da, nicht für das Wohlergehen Eurer Partei

Als die schrecklichen Terroranschläge passierten, reagierten deutsche Politiker auf
geradezu schändliche Weise. Nach anfänglicher Betroffenheit konnten sie mit der größten Sorge, die sie im Zusammenhang mit dem Blutbad empfanden, nicht lange hinter dem Berg halten: der Angst ihre Partei könnte dadurch Wählerstimmen verlieren. Das sagten sie natürlich nicht so, sondern sie warnten unaufhörlich davor, nun den Islam als ganzen zu beschuldigten. Und statt sich energisch auf die Seite der Juden in unserem Land zu stellen (denn die Anschläge von Paris waren auch ganz wesentlich antisemitisch motiviert), solidarisierte man sich mit den Moslems. Nicht weil man Moslems so gerne hat, wie mancher Verschwörungstheoretiker vielleicht jetzt munkeln wird. Sondern schlicht aufgrund der Tatsache, dass man Angst hatte, dass islamkritische Parteien wie die AfD nun aus der Katastrophe Kapital schlagen und den etablierten Parteien Wähler abluchsen könnten.

Nicht das, was man nun tun muss, um die Bevölkerung zu schützen, die einen wählen soll, stand im Fokus des Interesses, sondern schlicht die Macht der eigenen Partei. Wenn sich das im kommenden Jahr nicht ändert, werden die Menschen die etablierten Politiker genauso abstrafen, wie sie das jetzt in Frankreich bei den Lokalwahlen getan haben. Und vielen wird es schwer fallen, dann mit den etablierten Parteien irgendwie Mitleid zu empfinden. Nehmt Euch endlich zu Herzen, was Euch schon der große Konrad Adenauer ins Stammbuch schrieb: „Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst.“

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