Das Prinzip Heino

von David Baum19.05.2013Medien

Unser Kolumnist meint, Meinungsjournalismus sei überflüssig – was er meinungsstark in einem Meinungsstück bekundet. Wenn schon, denn schon.

HÖREN SIE, sicher ist das irgendwie schade, dass der Heilige Vater zurückgetreten ist. Aber mal ehrlich: Wozu brauchen wir einen Papst, so lange wir einen “Matthias Matussek k haben? Was soll sich der arme alte Mann da in Rom abmühen, noch dazu auf Latein, da sich doch der ehemalige Kulturchef des „Spiegel“ im „katholischen Rausch“ befindet und die Lehre des Herrn volksnah und launig zu verbreiten weiß. Seitdem Matussek sich als ehemaliger Messdiener und gläubiger Kerzerlschlucker geoutet hat, befindet er sich praktisch auf permanenter Wallfahrt zwischen den Stühlen der Talkshows und Podiumsdiskussionen. Der Glauben ist also weiterhin in guten Händen.
 
Gleiches gilt für die sozialistische Weltrevolution. Hat bekanntlich im ersten Anlauf nicht so reibungslos geklappt. Und heute fragen wir uns, wie das Linkssein überhaupt mal sexy werden konnte – so ganz ohne Jakob Augstein n und seinen illustren Strauß an sozialistischen Wahrheiten. Wobei: Am Anfang tat sich der Stiefsohn des „Spiegel“-Gründers mit seinen roten Evergreens etwas schwer, ein entsprechendes Publikum zu finden. Dann kramte er den alten antiimperialistischen Verdacht gegen die Juden aus seiner linken Klamottenkiste, was ihn schließlich weltberühmt – naja, sagen wir weltbekannt machte. Dafür sorgte bekanntermaßen Kollege Henryk M. Broder von der „Welt“, der sein Grundmotiv „Ihr seid alle Antisemiten“ um eine Aufsehen erregende Variante erweitern konnte. Wer braucht Freunde, wenn er solche Feinde hat?
 

Haltungs-Gewusel auf „The European“

 
Das Leitartiklerwesen unserer Zeit folgt ganz dem Prinzip „Art for art’s sake“. Wer braucht Inhalte, solange es eine Debatte gibt? Und so ist Leitartikler der Traumberuf der Stunde. Wie auch das Haltungs-Gewusel r auf „The European“ beweist.
 
Gestern noch galt Ulf Poschardt p als King of Pop der deutschen Medienbranche, dann fand er sein Alleinstellungsmerkmal als neoliberaler und marktradikaler Themenführer bei Axel Springer. Ähnliche Erleuchtung ereilte Jan Fleischhauer, Journalist aus salonsozialistischem Hause, der beschloss, konservativ zu werden, und seitdem mit seiner launig aufgeschriebenen Geschichte und allerlei entblößenden Anekdoten über diese lächerlichen Linken durchs Land tingelt. In höflicher und eng verbundener Opposition zum Kollegen Augstein unterhält auch er eine Kolumne auf Spiegel Online und befetzt sich zum gegenseitigen Wohle.
 
Superstar der Szene ist natürlich „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher , der – weil er mal für alte Leute Empathie empfand – als konservativ galt und jetzt mit Kapitalismuskritik auf Deutschlandtournee Erfolge feiert. Das Aufsehen um seinen Genrewechsel folgt ganz dem Prinzip Heino. Mal sehen, wie lange die damit in den Charts bleiben.
 
Doch eigentlich gelten für den Meinungsführer von heute die goldenen Regeln des Marketings: Je klarer der USP, desto größer die Marktchancen. Leider sind die meisten Nischen inzwischen besetzt.
 
Um heute als Marke bestehen zu können, muss jeder Leitartikler dort stehen bleiben, wo man ihn erwartet. Das ist wie bei Howard Carpendale, einmal Ti Amo , immer Ti Amo. Und so liefern sie – egal zu welchem Thema – wonach ihre jeweiligen Fans skandieren. Und zu sagen gibt’s ja immer was, im Notfall hat man das Thema selbst aufgeworfen: Sexismus, Antisemitismus, Rücktritteritis, Energiewende, Pferdelasagne oder ob man noch Neger sagen dürfen soll – zu allem soll man eine Meinung haben und wer etwas auf sich hält, der publiziert sie auch.
 
Ist das nun gut oder schlecht? Hat das Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs? Auf die politische Landschaft? Auf den Journalismus des 21. Jahrhundert? Sehen Sie, ich weiß es nicht. Meiner Meinung nach sollte man hin und wieder einfach keine Meinung haben. 

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