Der Erzähler ist der Herr der Zeit. Rüdiger Safranski

Mehr Staat, weniger Marat

Unser Kolumnist gibt zu, sich zu selten um die Schwachen und Kranken zu kümmern, aber nun muss es einmal sein: Liebeserklärung an den armen alten Vater Staat.

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HÖREN SIE – ich bewundere die Deutschen sehr, ich mag ihren rührenden Hang zu allem Revolutionären und Antiautoritären, bloß um nicht als "typisch deutsch“ zu gelten. Mich wundert, dass es die Helden der 68er-Unruhen noch nicht als Zinnsoldatenversion für das antiautoritär aufzuwachsende Balg gibt. Und doch tut es mir in all der aufrührerischen Folklore um eine leid: die brave Bundesrepublik, die keiner so richtig lieb hat. Das gute System Staat, dem keiner mehr traut. Das bürgerliche Lager trommelt zwar zustimmend mit den Füßchen, wenn Innenminister mehr Sicherheitsmaßnahmen ankündigen, aber auch bloß, weil sie Angst haben, dass irgendwann jeder Mercedes in der Straße ausgebrannt ist und dann der eigenen Volvo drankommt. Wer seine Einnahmen nicht an der Steuer vorbei irgendwo in die Schweiz verlagert, wird im Tennisclub als Loser gesehen, selbst wenn er den härtesten Aufschlag draufhat. Ansonsten gilt: Der sich kümmernde Staat ist ein sozialistischer Golem.

Die linke Reichshälfte ist nicht sentimentaler, sie degradiert den Staat als Füllhorn für Transferleistungsempfänger, misstraut ihm aber sonst (leider oft auch der parlamentarischen Demokratie) weil sie ihm immer noch unterstellt, für den Krisenfall eine Notrufnummer in der Tasche zu haben, wo jemand in Braunau am Inn abheben könnte.

Warum diese ollen Kamellen?

Warum diese ollen Kamellen und Allgemeinplätze an dieser Stelle? Weil mich all die Fanbriefe an sich kritisch denkender Menschen an Herrn Julian Assange, die ich täglich auf Facebook und anderswo sehe, die romantische Flirterei sonst biederer ARD-Kommentatoren mit Wikileaks nervös machen. Zugegebenermaßen ist die ganze Aufdeckerei beeindruckend, wir blicken auf Herrn Assange wie auf den Helden einer John-Grisham-Verfilmung, wo böse Verschwörungen und ein zutiefst korrupter, gemeiner Staatsapparat einen Einzelnen, der für die Wahrheit kämpft, verfolgt und fertigzumachen versucht. Ich würde die ganze Wikileaks-Affäre auch gerne im Kino anschauen. Im realen Leben könnte ich darauf verzichten. Vor allem auf die Selbstinszenierung des Großmeisters der Hybris Assange als Schöpfer einer neuen Aufklärung, der ganz unironisch sich mit Martin Luther vergleicht und sagt, er würde die größte "Umverteilungsaktion von Herrschaftswissen seit der Übersetzung der Bibel in die Nationalsprachen“ betreiben.

Sie kennen sicher jenen Satz Otto von Bismarcks, laut dem die Bürger besser schliefen, "je weniger sie wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden“. Damit lässt man sich in Zeiten von Schinkenkleber und Gammeldöner zu Recht nicht mehr abspeisen. Die totale Veröffentlichung des politischen und nun auch diplomatischen Geschäfts ist aber kein Schritt zu einer guten, transparenten und volksnahen Politik, sondern es bringt den Apparat an sich ins Wanken. Genau das definiert Herr Assange aber als sein Ziel. Ich frage mich, wieso die Pastorentöchter und -söhne, die wie etwa hier bei The European ihre Sonntagsreden gegen den Rechtspopulismus aus ihren Poesiealben vortragen, nicht sehen, dass einer wie Herr Assange mit einem wie Geert Wilders nicht nur den Frisurgeschmack teilt. Wikileaks und die starken Männer haben deutliche Parallelen, da sind mir ein paar zu viele Lautsprecher im Besitz der jeweiligen Wahrheit.

Wir alle ahnen seit Langem, dass es mit unseren herkömmlichen Staaten, mit den gewachsenen Gesellschaften nicht mehr weit her ist. Die besten Seiten des Internets sind auch die schwierigsten: die ständige ungefilterte Verfügbarkeit von Wissen, Halbwissen und Lüge – für alle und von jedem. Soziale Strukturen, die über reale Kontakte erhaben sind, sogar über die Realität selbst. Es entsteht eine Welt, mit der im wahrsten Sinne kein Staat zu machen ist. Zudem müssen wir täglich erleben, wie die Anciens Régimes überfordert sind, mit Weltwirtschaft, mit Weltkrisen, mit Wikileaks. Der Jakobiner reibt sich die Hände.

Die Vertreter der gewählten Strukturen, die Apparate des Staates zu schwächen und bis an den Rand der Funktionstüchtigkeit zu desavouieren kann aber kein geniales Patentrezept sein. Und doch streitet keiner für unsere Staaten, für dessen Vertreter. Im Gegenteil. Die Passagiere, First wie Holzklasse, stehen auf Deck der Titanic und jubeln den Eisbergen zu. Freuen sich diebisch, wenn dem Käpt‘n das Steuerrad splittert. (Ja, ja, weiß schon, ein Bild so schief wie das sinkende Schiff selbst.)

Manchmal hilft es, für etwas zu streiten

Das Gleiche gilt für EU und Euro. Wer unseren europäischen Institutionen Vertrauen entgegenbringt, gilt als Dorfdepp. Bei allen Anne Will-Stammtischen dieser Welt wird uns der Euro mies geredet. Da ich weder Währungsexperte noch Wahrsager bin und schon gar nicht wie die ganzen Experten dort beides, kann ich schlecht sagen, ob die Deutschmark oder ein Nobeleuro besser wäre. Aber ich habe Anfang der 90er in Österreich für EU und Euro gestritten, als in den Diskussionsforen (damals noch nicht im Internet, sondern in Stadtsälen und Mehrzweckhallen) mit Paradeisern und Erdäpfeln nach den Befürwortern geworfen, man als Anhänger eines neuen Anschlusses beschimpft wurde. Ich mag den Euro immer noch. Manchmal hilft es, wenn man für etwas gestritten hat. Wenn man sich erlaubt hat, Emotionen aufzubringen. Ich erinnere mich, wie herrlich es war, die allerersten Euromünzen am allerersten Ausgabetag bei der Erste-Bank in Wien abzuholen. Und diese dem guten Wolfgang Joop, mit dem ich im Hotel Imperial zum Frühstück verabredet war, mitzubringen. Gemeinsam haben wir die Melange mit den Münzen bezahlt, die mit dem spanischen König, dem Brandenburger Tor und der Tiroler Bergprimel geschmückt waren. Das war schön.

Ich weiß, Staat, System, Bündnisse, Währungen – das sind keine Herzensangelegenheiten. Aber wer sagt uns eigentlich, dass wir sie nicht dazu machen können? Der Anne Will-Stammtisch? Julian Assange? Jean Paul Marat? Drauf geschissen.

Eine frühere Version dieses Textes enthielt einen Verweis auf Hans-Olaf Henkel. Dieser wurde auf Bitten des Autors entfernt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Baum: Das Prinzip Heino

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