Am deutschen Wesen

von David Baum5.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist findet es ja auch prima, wie anständig sich Deutschland seiner dunklen Vergangenheit gestellt hat. Aber muss man sich deshalb schon wieder moralisch überlegen fühlen und den Rest der Welt mit seinen Belehrungen piesacken?

HÖREN SIE – als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort nicht Braunau am Inn zuwies. Dabei wäre dort die nächstbeste Entbindungsstation gewesen. Glücklichen Zufällen ist es zu verdanken, dass ich nun mit dem bayerischen Volksdichter Ludwig Thoma und der Schauspielerin Hannelore Elsner die Heimatstadt teile und nicht mit Herrn Hitler. Nach Braunau führten mich meine Wege erst, als ich dort – es ist die Wahrheit – den Führerschein machte. Wie man unfallfrei durch enge Gassen kommt ließ mich mein Fahrlehrer an einer alten Häuserecke erproben, wo in Frakturschrift groß ein alter Sinnspruch prangte: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“

Der deutsche Leitartikler weiß es immer besser

Diesen frommen Wunsch haben die Braunauer dem Gedicht „Deutschlands Beruf“ entnommen, in dem sein Verfasser Immanuel Geibel im 19. Jahrhundert der Weltengemeinschaft den prächtigen Vorschlag aufdrängte, sich unter deutsche Führung zu begeben, damit alles endlich wunderbar wird. „Macht Europas Herz gesunden, und das Heil ist euch gefunden“, heißt es. Wie bekannt sein dürfte, ließen sich die Völker Europas dazu erst ermuntern, als die deutsche Wehrmacht ein paar Argumente nachlieferte. Verwunderlich ist bloß, wie es der Gedanke dieser Reime in deutsche Diplomatie des Jahres 2011 geschafft hat. Eifrig eilen Angela, Christian und Guido mit gütigem Pastorenblick durch die Welt und erklären den anderen Ländern und Völkern, wie sie eines Tages so herzensgut, und moralisch überlegen wie die Deutschen sein könnten. Was auch immer Nachbarländer anstellen mögen, der deutsche Leitartikler weiß hinter seinem Schreibtisch, wie man es besser machen hätte können. Tatsächlich hat Deutschland seine Vergangenheitsbewältigung mit bewundernswerter Beflissenheit durchgezogen und die Reeducation zum Volkssport erhoben. Das wissen manche Nationen mit verbrecherischer Vergangenheit durchaus als Vorbild zu schätzen. Japans Regierung schickte mal eine Exkursion nach Berlin, um von der Deutschen Gedenkkultur zu lernen. Bei einer Reise nach Ruanda führte mich ein offizieller Guide durch das Mahnmal des Völkermordes und verwies stolz darauf, dass Deutschland diesbezüglich eine unschätzbare Inspiration gewesen sei. Sogar das Verbot der Holocaustleugnung findet seine Entsprechung in der ruandischen Gesetzsprechung, wo schlichtweg die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi unter Strafe steht.

Früher gab es wenigstens eine Kuckucksuhr zur Belehrung hinzu

Das alles wäre herrlich, wenn die Deutschen nicht plötzlich von ihrer mustergültigen Vergangenheitsbewältigung ableiten würden, allen anderen moralisch überlegen zu sein. Der Staatsmann von heute muss sich wohl daran gewöhnen, dass zum Staatsbesuch aus deutschen Landen die Folklore der Ermahnung fix dazugehört. “Russen, Chinesen, Iraner, Ungarn, Türken halten das Einfordern von Pressefreiheit, Demokratie und Eierkuchen nach deutscher Rezeptur inzwischen für die hiesige Version, „Guten Tag“ zu sagen(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/6539-pressefreiheit-in-europa. Früher brachte der Bundesaußenminister wenn er zu befreundeten Gewaltherrschern reiste, um ein paar neue Wirtschaftsverträge auszuhandeln, wenigstens noch eine Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald mit. Heute muss es eine Ausstellung über die „Kunst der Aufklärung“ sein, die dem verrohten Gastland die Vorzüge des heimischen Systems vermittelt. Aber wehe man folgt nicht, wie kürzlich der freche Chinese, der trotz der Erziehungsmaßnahme den Künstler Ai Weiwei inhaftierte. Dann kommt Bundestagspräsident Lammert und droht, die schöne Ausstellung zur Strafe wieder zu schließen. Schlimmer ergeht es den Türken, denen die Deutschen erst die EU-Mitgliedschaft zugestehen will, wenn sie ihren Völkermord an den Armeniern 1915 und 1916 öffentlich benennen und betrauern. Dass so eine Auseinandersetzung schlecht erzwungener Vertragsgegenstand sein kann, lässt man in Berlin nicht gelten. Uns hat 1945 schließlich auch keiner gefragt. Umerziehung ist für alle da. Bei Diktaturen und Scheindemokratien mag dieser Missionswille noch als putzig anmuten. Wenn sich aber die Vereinigten Staaten oder gar Israel dauernd von deutschen Besserwissern piesacken lassen müssen, wird das ärgerlich. „Macht und Freiheit, Recht und Sitte, klarer Geist und scharfer Hieb, zügeln dann aus starker Mitte jeder Selbstsucht wilden Trieb“ dichtete einst Geibel ganz im Sinne aktueller Diplomatie und Leitartikelei. Als es den USA zuletzt gelungen ist, den Anführer der weltweit gefährlichsten Faschistenvereinigung al-Qaida zu erschießen, hat eine ganze Armee von deutschen Kommentatoren nichts Besseres zu tun als – „Tztztz“ –Belehrungen ans Weiße Haus zu adressieren, dass man so auch mit Massenmördern nicht zu verfahren hat. Solange ihm die eigene Redaktionsstube nicht um die Ohren geflogen ist, wird der teutonische Tageszeitungskommentator nicht müde zu fragen, ob „eine Exekution durch ein amerikanisches Militärkommando eine gerechte Strafe“ gewesen sei. Man ist schließlich insgesamt _not convinced_, wie der Ami seine Probleme so zu lösen sucht. Selbst wenn die USA mit seinen Kampffliegern aus Übersee den europäischen Vorgarten von Gaddafis Verbrechen säubert, kommen sich die Deutschen nicht dumm dabei vor, die Aktion der Bündnispartner mit gschaftlhuberischen Ratschlägen zu flankieren. Offenbar macht es weniger Mühe, den Verbrechen Gaddafis neutral gegenüberzustehen als deren Bekämpfung. Am Ende äußert sich damit eine ganz besondere Form von Großkotzigkeit: ein Übergutmenschentum. Winston Churchill soll gesagt haben, man hätte die Deutschen entweder „an der Gurgel oder zu Füßen“. Das müssen herrliche Zeiten gewesen sein. Denn heute hat man sie ständig in den Ohren liegen.

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