Tristesse und Isolde

von David Baum31.03.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unser Kolumnist hat Lohengrin im Gewächshaus besucht, Rienzi im Führerbunker und schließlich auch noch die arme Isolde im Altersheim. Nun ist es endlich so weit: Er hat Sehnsucht nach dem Nibelungenhelm.

HÖREN SIE – kürzlich ereilte mich im Zug auf dem Weg zu einer Opernpremiere eine Art böses Omen. Gemütlich blätterte ich im ICE zwischen Salzburg und Berlin in der „Frankfurter Allgemeinen“ herum, bis ich überrascht auf ein Foto von Michel Houellebecq stieß – und zwar einen viele Jahre alten Schnappschuss, auf dem nicht nur der französische Schriftsteller, sondern auch eine verehrte Kollegin und ich selbst mit pappenen Kabuki-Masken zu sehen sind. Bitte, ich habe keine Ahnung, wie dieses Bild in die Hände des „FAZ“-Feuilletons geraten ist, doch erinnere ich mich noch deutlich jenes Satzes, den Houellebecq damals schon etwas angetüdelt in der Beliner Greenwich Bar dem Fotografen entgegenschleuderte, als dieser jene „funny idea“ hatte, dass wir diese Geisha- und Cleopatra-Larven aufsetzen. „Why do the Germans always need to have ideas?“, sagte Houellebecq mit französischem Idiom und Mojito-schwerem Zungenschlag: „I hate ideas …“

Die Idee muss sich bewaffnen und mindestens die Gesellschaft verändern

Nun ist Deutschland laut Eigenwerbung das „Land der Ideen“, was leider nicht nur auf die Innovationskraft der hiesigen Wirtschaft und Wissenschaft zutrifft, sondern auch auf grausame Weise auf die Kunst. Alles muss möglichst plakativ sein und mindestens von einer genialen, völlig neuen und noch nie angedachten Idee beseelt. Obendrein ist es der Idee selten erlaubt, einfach nur sie selbst zu sein, sie muss sich bewaffnen und mindestens die Gesellschaft verändern, also eigentlich eine kleine verkappte Ideologie sein. Insofern freute ich mich auf die neueste Inszenierung der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“, denn mit Graham Vick sollte ein Brite für die Regie verantwortlich zeichnen. Es ist bekannt, dass Großbritannien vor allem deshalb so lange Empire geblieben ist, weil es von neuen Ideen wenig hält. Aber ich hätte bedenken sollen, dass die Tommys in Verbindung mit Wagner oftmals durchdrehen und dann gerne die krasseren Deutschen sein möchten. Das hat man schon an Winifred Marjorie Williams aus Hastings drastisch vorgeführt bekommen, die als verheiratete und später verwitwete Mrs. Siegfried Wagner die GröFaZ gab – die größte Festspielleiterin aller Zeiten. Nun also reiste Mr. Vick aus Liverpool an und versuchte sich seine Buhs, des deutschen Regisseurs liebste Akklamation, redlich zu verdienen. Dafür sperrte er das tragische Liebespaar in eine spießige Luxuswohnung, in der als bestimmender Einrichtungsgegenstand ein Mahagonisarg herumsteht und die sich am Ende als Altersheim entpuppt. Herr Marke schaut ab und an als Hausmeister vorbei. Das alles verbrämt Vick mit den üblichen Nackten, ein paar Tricks aus dem Provokationszauberkasten wie Cracksüchtige und einen Extra-Schuss Heroin für Tristan und Isolde. Dazwischen rieselt Totenstaub vom Himmel und wenn wieder einer sterben muss, dann schmeißt er einfach die Verandatür hinter sich zu. Man könnte sich gut darüber erregen, wenn es nicht gleichzeitig so zum Gähnen wäre.

Der lange Leidensweg eines Wagner-Freunds

Über das Regietheater rumzumosern ist eine undankbare Sache. Man befindet sich flugs in der drögen Gesellschaft von Mode-Konservativen wie Daniel Kehlmann oder gar in einem nie endenden Fachvortrag von Professor Joachim Kaiser. Muss nicht sein. Und trotzdem bin ich der Verzweiflung nahe, weil mich Wagner-Premieren wie verrückt anziehen, man aber gleichzeitig einem Wirbelsturm an unausgegorenen Regieeinfällen, grotesken Settings und bemühten Assoziationen ausgesetzt ist. Und das schon ein Leben lang. Was habe ich nicht alles mitgemacht: Schon bei meinem ersten Ring als 13-Jähriger mussten sich die armen Helden, Götter und ein farbiger Hagen als traurige Fronarbeiter durch eine Stahlfabrik kämpfen. Ich besuchte Lohengrin im Gewächshaus und in einem Kasperletheater, Parsifal im Tunten-Cabaret, vielleicht war’s auch die Rocky Horror Picture Show, sowie im Irrenhaus. Die Meistersinger wurden mir als „Malen nach Zahlen“-Volkshochschul-Lehrgang präsentiert. Und Rienzi als Potpourri aus allen faschistischen Diktatoren im Führerbunker. Überhaupt sind Hakenkreuzfahnen in Wagner-Opern ein Evergreen! Ich weiß, was Houellebecq gemeint hat: Sometimes I hate ideas. Dazwischen freut man sich regelrecht, wenn sich Christoph Marthaler darauf beschränkt, dass Tristan und Isolde in den Outfits von Sparkassen-Kundenbetreuern fünf Stunden lang Klappstühle umwerfen. Oder wenn jemand wie Christoph Schlingensief den Parsifal nach Afrika verlegt und den großen Kitsch wagt, einen projizierten deutschen Hasen im Zeitraffer verwesen zu lassen.

Die letzte große Provokation

Ein spontaner Ausflug nach Dresden bescherte mir nun eine Art Erleuchtung. Dort läuft noch eine uralte Inszenierung aus dem Jahre 1986, also tiefster DDR-Zeit. Was ich in der Semperoper zu sehen bekam, war unerhört. Der Schwanenritter Lohengrin als Schwanenritter, König Heinrich als König, Elsa als Elsa, sogar der Schwan als Schwan. Das alles in einem Brabant mit Fahnen, Rüstungen und Burgen. All das, was reaktionär, erzkonservativ, anachronistisch und nach 1945 obendrein revisionistisch geziehen wird, hat sich die alte DDR offenbar getraut. Und ehrlich: Mir hat’s gefallen. Nicht eine Sekunde habe ich es vermisst, dass etwa während Elsas Traum keine Wehrmachtsparaden, Junkies oder nackten Ärsche durchs Bild defilieren wie sonst. Nun frage ich mich, ob sich im 21. Jahrhundert mal einer die letzte große Provokation traut, sozusagen das Regietheater an die harsche Spitze treibt, jene krasse, undenkbare Idee umzusetzen wagt und Siegfried den Nibelungenhelm aufsetzt. Ganz ohne Ironie. Wie schön wäre das, bei dieser Götterdämmerung dabeizusein, und in grenzenloser Begeisterung laut Buh zu rufen.

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