Stolze Menschen verirren sich lieber, als nach dem Weg zu fragen. Winston Churchill

Maria, denen schmeckt's nicht!

Unser Kolumnist liebt schon jetzt die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum der italienischen Nation. Denn sie arten bereits im Vorfeld zu einer gewaltigen Tortenschlacht aus.

HÖREN SIE – nationale Feierlichkeiten sind in unseren Tagen meist eine etwas träge Sache. Begeht eines unserer lieben Königreiche ein Jubiläum, stehen die Royalwatcherinnen aller Länder mit kleinen Fähnchen Spalier und bejubeln Monarchen, deren Hauptleistung darin besteht, nicht öffentlich zu gähnen. Die Grande Nation hat es zugegebenermaßen besser, sie kann ihre Revolution von 1789 mit ausufernden Paraden zelebrieren – auch wenn sich ehrlicherweise stets ein Prunkwagen mit einem Schafott einreihen müsste, der eine gigantische Blutspur hinter sich zieht. Dass in Deutschland inzwischen wieder ein launiger Hang zum Nationalmythos besteht, zeigte im vorigen Jahr die Lust, das Sumpfgemetzel des Germanen Arminius gegen die Römer als „Urknall der Deutschen“ („Spiegel“) zu begehen. Sogar Frau Merkel fand plötzlich die Varusschlacht irgendwie hilfreich. Die eigentliche Nationsgründung von 1871 wäre schwerer zu feiern, zumal zu befürchten ist, dass die Pariser den dafür erforderlichen Schlüssel für das Schloss Versailles nicht herausrücken würden.

Grazie, Italia!

Wie gut, denkt man sich, dass es die Italiener gibt. Die haben Garibaldi, ihren wackeren und legendenumwobenen Guerilla-Helden des Risorgimento, jenen glanzvollen König Viktor Emanuel mit dem damals hochmodernen Hang zum patriotischen Volk, ihren intellektuellen Einheitsarchitekten Graf Benso di Cavour. Da ist für jeden was dabei und wenn nicht, kann man am Ende immer noch gemeinsam mit feuchten Augen den Gefangenenchor aus Nabucco singen. Die Feierlichkeiten in der kommenden Woche hätten also ein herzzerreißendes und in jeder Hinsicht wundervoll schmieriges National-Spektakel mit leicht melodramatischen Zügen abgeben können. Das scheint im Moment allerdings ausgeschlossen. Denn wie das bei italienischen Familienfeiern manchmal so kommt, sind alle heillos miteinander zerstritten. Plötzlich will halb Italien nichts mehr von ganz Italien wissen. Diese Festa sui prati könnte im Schlamm enden.

Als Erster erklärte natürlich der tapfere Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder in einem Brief an Staatspräsident Napolitano, dass er keinen Anlass entdecken könne, weshalb Südtirol an diesen Feierlichkeiten teilnehmen solle, und sagte für sein ganzes Land ab. Im Radio erklärte er zudem, dass ihm die Worte „Es lebe Italien“ niemals über die Lippen kämen. Das klingt nach Spaßverderber, aber hat eine gewisse Logik: Vor 150 Jahren durfte sich Südtirol noch glücklich vereint mit dem Norden in der Sonne Habsburgs wähnen (was allerdings auch auf andere Teile der heutigen italienischen Republik wie unseren lieben alten Marinehafen Triest zutrifft). Vielmehr scheint den Südtirolern bis heute aufzustoßen, dass sie nie jemand gefragt hat, ob sie ihre Steuern nach Rom überweisen wollen und als sie sich dann zu Wort meldeten, zwangsitalienisiert und bis heute mit präpotenten Faschistendenkmälern bestraft werden. Die Südtiroler zum Nationalfest zu laden, ist deshalb ein bisschen so sinnig, als würde die Führung in Peking den Dalai Lama auffordern, beim nächsten volksrepublikanischen Aufmarsch ein paar zünftige tibetische Tänze fürs große schöne China aufzuführen.

Aber lassen wir Südtirol. Es gärt auch sonst überall genug, sodass Altpräsident Ciampi fast in Tränen ausbrach und beklagte, die Italiener würden den Feiertag „mit einem kalten Herz“ begehen. Da wurde herrlich herumgestritten, ob den Berufstätigen und Schülern frei zu geben sei oder nicht, was die Gewerkschaften gegen die Unternehmer aufbrachte, wie auch zunehmend separatistisch gelaunte Regionen wie Sizilien verstimmte, die zentralistisches Despotentum aus Rom witterten. Von den Regierungsmitgliedern und deren Partei-Milieus ist diesbezüglich ohnehin nichts Geschmackvolles zu erwarten. Ob Lega-Nord-Chef Bossi, der verlautbarte, er würde alle Feierlichkeiten boykottieren und die italienischen Tricolore bevorzugt als Toilettenpapier einsetzen, oder Parlamentspräsident Gianfranco Fini, der zwar gerne auf Großitalien anstößt, aber nach drei, vier Grappa dann auch mal auf den Duce selig. In Marsala hängt die Mussolini-Ehrentafel noch heute direkt über den historischen Waffen von Signore Garibaldi.

Eine Krise zum Geburtstag

Dass Silvio Berlusconi seine persönlichen Vorstellungen der Nationalparty bislang für sich behalten hat, ist als einer der wenigen positiven Aspekte zu bewerten. Schließlich weiß inzwischen jeder, wie Berlusconi sich ein gelungenes Fest vorstellt. So viele verdorbene junge Mädchen kann man vermutlich nicht einmal in Bella Italia auftreiben.

Man kann sich zum Geburtstag Schöneres wünschen als eine Identitätskrise. Aber ein bisschen ist diese inzwischen gute italienische Tradition. Vielleicht sollten wir den Italienern die Bürde abnehmen und einfach für sie feiern. Beim Stammitaliener um die Ecke oder mit einer Folge „Don Camillo & Peppone“. Wer eingeladen ist, kann auch die rosafarben getünchte italienische Botschaft in Berlin aufsuchen, wo eigens Claudia Cardinale anreist und Viscontis Literaturverfilmung „Der Leopard“ gezeigt wird, der mitunter von den Nationswirren vor 150 Jahren handelt. Ich persönlich würde bevorzugen, noch einmal die Romanvorlage von Giuseppe Tomasi di Lampedusa selbst zu lesen. Die endet mit einer einnehmend intensiven Szene des langsamen Sterbens des alten Fürsten, des Gattopardo – stellvertretend für das unvermeidliche Ende einer überkommenen Welt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Baum: Das Prinzip Heino

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